50 Jahre Internet Wir haben das Internet noch längst nicht verstanden

Von Andreas Geldner 

Vor 50 Jahren wurde die erste Internet-Nachricht gesendet. Der Vergleich mit dem Buchdruck zeigt, dass wir diese epochale Zäsur noch nicht bewältigt haben.

Deutlich größer als ein Smartphone oder Tablet: einer der ersten Supercomputer aus dem Jahr 1960Foto: Mauritius/ Science Source

Stuttgart - SDS Sigma 7 steht auf dem grauen Blechkasten im Raum 3420 in der Boelter Hall auf dem Campus der University of California (UCLA) in Los Angeles. Die grünen Wände des kleinen Raums sind so unansehnlich wie vor 50 Jahren. Was in der Ecke aussieht wie ein Spind mit Lämpchen und Steckern, hat die Welt verändert – ohne dass dies damals jemand beachtet hätte. Am 29. Oktober 1969 um 22.30 Uhr sollte dieser Rechner mit seinem gut 500 Kilometer entfernten Pendant namens SDS 940 an der Uni Stanford in San Francisco kommunizieren. Erstmals mit dem von dem US-Forscher Leonard Kleinrock kurz zuvor entwickelten Internet-Protokoll, das Informationen in Sendepakete aufteilte. Die Buchstaben LOG (für „Login“) waren die schlichte Botschaft. Das handschriftlich bekritzelte Protokollheft liegt heute als Faksimile neben dem Computer. „Hast du das L?”, fragte damals der Techniker sicherheitshalber am Telefon. „Das O?” „Das G?” Dann stürzte der Rechner in Stanford ab.

Ein Mausgrau wie beim Militär – das ist kein Zufall. Arpanet hieß der Urahn des Internets. Mittels vernetzter und redundanter Datenübertragung wollten die USA im Falle eines Nuklearangriffs der Sowjetunion die Enthauptung ihres politischen und militärischen Kommunikationsnetzes verhindern. Doch es gab auch einen zivilen Aspekt. Renommierte Forschungseinrichtungen wie die UCLA und die Stanford University bei San Francisco waren schon früh eingebunden. Genau genommen war der Sendeversuch eine von vielen Etappen. Es sollte noch einige Jahre dauern, bevor die so entwickelte Kommunikationstechnologie den Elfenbeinturm der Bibliotheken, Forschungsinstitute und wissenschaftlichen Einrichtungen verließ.

Niemand kann vorhersehen, welche Veränderungen noch folgen

Leon Kleinrock war damals als einer der führenden Wissenschaftler an den Versuchen beteiligt. Gelegentlich führt er heute noch Besuchergruppen zu dem historischen Ort, so vor einigen Jahren auch eine Gruppe von Journalisten aus Deutschland. „Wir hatten nicht die leiseste Ahnung, was wir damit anrichten würden”, sagte er bei seiner Führung auf die Frage, wie er sich als Urvater von Amazon, Google und Facebookfühle: „Ich habe die soziale Dimension vollkommen unterschätzt.” Das Internet sei erst in der Pubertät: „Es ist wie ein Teenager – genauso ungehorsam und unvorhersehbar. Ich glaube, unsere Gesellschaft beginnt erst zu ahnen, wie sie dadurch verändert wird. Und sie ist diesen Veränderungen bisher nicht gewachsen.“ Niemand könne voraussehen, wohin das führen werde, sagte Kleinrock: „Als Gutenberg den Buchdruck erfand, hat er nicht wissen können, dass er damit die Aufklärung und die französische Revolution auslösen würde.”

Erst 50 Jahre sind seit der ersten Internetnachricht vergangen. Dennoch ist es für Jüngere schwer vorstellbar, dass es eine Welt vor dem Internet überhaupt gegeben hat. Das Internet ist längst nicht mehr nur ein Informationsmedium. Im „Internet der Dinge” steuert es inzwischen unseren ganzen Alltag. Doch hier soll es nur um die Revolution der Kommunikation gehen. Sie ist letztlich radikaler als die Jahrtausende zurückliegende Erfindung der Schrift und die 500 Jahre vergangene Entwicklung des Buchdrucks.

Bis sich das Urheberrecht entwickelte dauerte es Jahrhunderte

Auch die Drucktechnologie hatte ihre Pubertät. Ein früher Bestseller war etwa der „Hexenhammer” aus dem Jahr 1486, ohne den die folgenden Jahrhunderte der sadistischen Hexenverfolgung nicht vorstellbar sind. Ein weiteres frühes Massenprodukt waren die Ablassbriefe des Papstes, ohne die es keine Reformation gegeben hätte. Der Buchdruck machte Massen-Hetze und die Aufstachelung zur Gewalt möglich, die sich in den Religionskriegen des 16. und 17. Jahrhunderts entlud. Auch „Fake News“ und die nonchalante Enteignung von geistiger Leistung gehörten dazu - bis sich das Urheberrecht entwickelte dauerte es Jahrhunderte.

Doch als Johannes Gutenberg um die Mitte des 15. Jahrhunderts die Drucktechnologie mit beweglichen Lettern entwickelte, konnte er auf einer jahrhundertealten Kulturtechnik aufbauen. Es gab schon lange Bücher, ja sogar Druckverfahren. Das Ganze war nur schwerfällig und teuer. Und es dauerte nach ihm Jahrhunderte bis die Drucktechnik ihr ganzes Potenzial entfaltete. Die Schnelldruckmaschine, die etwa Zeitungen zur Massenware machte, gab es erst Anfang des 19. Jahrhunderts. Die Fertigkeit des Lesens war anspruchsvoll, sie verbreitete sich nur allmählich in breiteren Bevölkerungsschichten. Das gedruckte Buch hatte insgesamt einen zivilisierenden Effekt, den die Wochenendbeilage der Stuttgarter Zeitung zum 500. Todestag Gutenbergs 1968, Monate vor der ersten Internetnachricht, so beschrieb: Das Gesehene und Gehörte in Radio und Fernsehen sei flüchtig. „Buchtexte, Zeitungen, Zeitschriften und Schaubücher dagegen können studiert werden. Bild und Lesestoff stellen sich dem Leser. Sie warten gelassen und geben ihm die Chance, zu prüfen und abzuwägen.”

Auch das Netz wollte Wissen zugänglich machen

Man muss kein Nostalgiker des bedruckten Papiers sein, um zu erkennen, dass die Lektüre gedruckter Texte beim Verstehen von Sachverhalten unübertroffen ist. Es ist wissenschaftlich untermauert, dass sich Information so leichter verarbeiten und merken lassen. Die norwegische Bildungs- und Leseforscherin Anne Mangen hat 54 Studien aus 30 Ländern mit mehr als 170 000 Teilnehmern ausgewertet und kommt zu einem klaren Fazit: „Wenn es darum geht, das Gelesene zu behalten und wirklich zu verstehen, dann ist Papier besser für uns. Das ist problematisch in einer Welt mit immer mehr Text auf immer mehr Bildschirmen.”

Wenn wir heute „Informationen” anklicken – das belegen die Hitlisten bei Facebook oder Youtube – sucht die Mehrheit der Nutzer Emotion und Spektakel. Um diese Emotionalisierung im Druck zu erzielen haben Boulevardblätter hingegen sehr große Buchstaben gebraucht. Insofern ist das Wort „Informationsgesellschaft” eine Schönfärberei.

Der Buchdruck hingegen war das zentrale Vehikel der Aufklärung. Er förderte das Denken und die Fähigkeit, komplexe Sachverhalte auszudrücken. Massenbildung und wissenschaftlich-technischer Fortschritt sind ohne diese Kulturtechnik nicht denkbar. Auch das Netz hat vor einem halben Jahrhundert als Werkzeug, begonnen, das Wissen zugänglich macht. Doch das Massen-Internet hat sich hiervon wegentwickelt. Es hat eine weniger komplexe Art der Kommunikation zurückgebracht: kurze Sätze, das Sehen und das Hören. Das kommt dem menschlichen Naturell entgegen – und prägt insbesondere jüngere Menschen. Laut der aktuellen Medienstudie von ARD und ZDF liegt der Konsum von gedruckten Informationsmedien bei den 14- bis 29-Jährigen in Deutschland bei nur noch durchschnittlich zwei Minuten am Tag. Hingegen beschäftigt sich diese Altersgruppe täglich 81 Minuten mit Videos im Internet.

Die Entwicklung des Internets lässt uns keine Zeit

Gutenbergs Revolution erreichte verschiedene Teile der Gesellschaft in unterschiedlicher Geschwindigkeit, zuerst die Eliten, erst dann breitere Schichten. Der Buchdruck stieß dabei gleichzeitig eine Alphabetisierungswelle an, die der Schlüssel zur Bildung generell wurde. Das Internet hingegen kam binnen weniger Jahre über die gesamte Menschheit. Zusätzliche Bildung brauchte es nicht. Radio und Fernsehen hatten zuvor nur wenige Jahrzehnte Zeit gehabt, die Menschen auf die neue Form der elektronischen Wirklichkeitswahrnehmung zu eichen.

Die Entwicklung des Internets selbst lässt uns noch nicht einmal diese Zeit. Mausklicks oder Wischbewegungen, um Informationen zu erhalten, waren vor 50 Jahren völlig unbekannt. Unsere Zivilisation hatte keine Chance, dafür die entsprechenden Kulturtechniken allmählich zu entwickeln, geschweige denn die nötigen gesellschaftlichen und politischen Spielregeln zu etablieren. Doch erst so, das lehrt die Geschichte des Buchdrucks, wird das Netz sein vorhandenes, zweifellos enorm positives Potenzial entfalten.

Doch jede neue Generation der Nutzer passt sich bisher den Regeln des Internets stärker an. Das evolutionär auf geduldige Mammutjagd ausgerichtete Gehirn ist permanent im Informationsüberlauf und präferiert deshalb einfache, schnell zu erfassende, emotionale Sachverhalte. Selbst der Tipp-Daumen fürs Smartphone entwickelt neue Nervenenden. Das Ganze wird multipliziert durch die sozialen Medien – und der Kulturbruch ist komplett. Jeder ist nicht nur Empfänger, sondern jederzeit auch Sender. „Der Mensch ist aus der Einsamkeit erlöst, ist re-tribalisiert, wird wieder zum Bewohner des Dorfs, wenn dieses auch globale Ausmaße hat”, schrieb der Schriftsteller Jean Améry schon mit Blick auf das Fernsehen in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Die im globalen Dorf des Internets aufeinander einprügelnden Stämme des 21. Jahrhunderts konnte er da nicht einmal erahnen.

Wir haben dabei noch nicht mal halbwegs verstanden, was mit uns passiert ist

Rührend wirken im Vergleich etwa die Sorgen des 18. Jahrhunderts, dreihundert Jahre nach Gutenberg, dass die immer intensivere Lektüre von Romanen durch die Jugend – und durch Frauen! – die Gesellschaft verderbe. Der Buchdruck förderte die Mündigwerdung der Menschen, das Internet macht sie abhängig von Technologie. Um den Daten- und Informationsschatz des Netzes zu heben, müssen wir uns auf Suchmaschinen verlassen. Wir haben dabei noch nicht halbwegs verstanden, was im vergangenen halben Jahrhundert mit uns passiert ist. 50 Jahre sind noch hoch gegriffen. Das Internet fürs breite Publikum gibt es erst seit gut dreißig und das allgegenwärtige mobile Netz seit etwas mehr als zehn Jahren. Den Technokraten, die von dieser Entwicklung profitieren, ob sie Jeff Bezos, Sergey Brin, Mark Zuckerberg oder Elon Musk heißen, fehlt die Sensibilität für die historische und gesellschaftliche Dimension ihres Tuns. Dass sie vor allem Kapitalisten sind, haben sie zur Genüge bewiesen.

Es braucht womöglich noch mehr politische und soziale Verwerfungen bevor die notwendige Einhegung von Facebook und Google und der effektive Kampf gegen die destruktive Kommunikation im Netz beginnt. Die großen Netz-Monopolisten ignorieren ungestraft geistiges Eigentum, zerstören die bisherige Medienlandschaft – und drücken sich gleichzeitig vor der Verantwortung für die Inhalte im Netz. Leon Kleinrocks pubertierender Teenager Internet ist nicht gebändigt.

Die Menschheit hatte Jahrhunderte Zeit, um die revolutionäre Technologie des Buchdrucks zu absorbieren. Die Zivilisierung des Internets einerseits und die Verteidigung seiner Freiheit andererseits liegen hingegen noch vor uns – auch wenn etwa im Vorwahlkampf der US-Demokraten eine Kandidatin wie Elizabeth Warren die Zerschlagung der Internet-Monopole erstmals zum Programm erhoben hat. „Das Problem ist, dass die demokratischen Gesellschaften dieses Medium sehr viel schneller in den Griff bekommen müssten, als sie dessen Mechanismen überhaupt kapieren“, sagt der Journalist Detlef Esslinger. Viel Zeit haben wir nicht.

Artikel teilen