Abschlepp-Abzocke in Stuttgart Die Abschlepp-Opfer bekommen Schecks

Von Wolf-Dieter Obst 

Ein Stuttgarter Abschlepp-Sheriff, vor zwei Monaten wegen Betrugs verurteilt, hat Entschädigungen versprochen. Sind die auch angekommen?

Falschparker am Haken – manchmal eine dubiose Sache.Foto: Mauritius/Blickwinkel

Stuttgart - Der bisher größte aufgedeckte Fall von Abschlepp-Abzocke in Stuttgart ist offenbar auf dem Weg zu einem Happy End. Nachdem der Geschäftsführer eines Abschleppunternehmens mit Sitz im Fasanenhof vor zwei Monaten vom Amtsgericht zu einer Haftstrafe von einem Jahr und zehn Monaten auf Bewährung verurteilt worden ist, sollen die Geschädigten nun Schecks in ihren Briefkästen finden. „Es ist alles abgewickelt“, sagt der Anwalt des 33-Jährigen auf Nachfrage unserer Zeitung. Die Opfer sollen die 250 bis 285 Euro Abschleppgebühren zurückbekommen.

Freilich betrifft das nicht alle 640 Opfer, die bei der Polizei-Ermittlungsgruppe „Haken“ gelistet sind. Vielmehr geht es um lediglich jene 57 Autobesitzer, die von der Staatsanwaltschaft für ihre Anklage gegen den Abschleppunternehmer wegen gewerbsmäßigen Betrugs und Erpressung berücksichtigt worden waren. Diese Betroffenen sollten jedenfalls ganz genau in ihren Briefkasten schauen – denn ganz offensichtlich wissen nicht alle von ihrem Glück, wie Stichproben nach dem Gespräch mit dem Anwalt zeigen.

Blick in den Briefkasten lohnt sich

„Ich habe noch nicht einmal etwas von dem Urteil gehört“, sagt ein Opfer aus der Staatsanwaltsliste. Auch vom Geld habe er nichts gesehen. Ein anderer dagegen meldet Vollzug. „Allerdings hat man mich zwei Monate hingehalten“, sagt er. Seine erste Mail sei im Spam-Ordner gelandet, habe er zur Auskunft bekommen, als der Betroffene telefonisch bei der Firma nachfasste. Es habe ihn überrascht, dass der Verurteilte noch immer bei der Firma erreichbar gewesen sei.

Den Stein ins Rollen gebracht hatte eine Autobesitzerin, deren Wagen im Dezember 2017 von einem privaten Baustellengelände an der Nordbahnhofstraße abgeschleppt worden war. Angeblich hatte ein Nürtinger Bauunternehmer dort Fremdparker abschleppen lassen – doch der Bauunternehmer wusste davon nichts und war auch schon lange nicht mehr dort tätig. Recherchen unserer Zeitung ergaben, dass da System dahintersteckte. Zumal die Abschleppfirma auch im angeblichen Auftrag der Bahn AG Autos in der Wolframstraße an den Haken nahm.

Wie der Prozess endete

Die Berichterstattung unserer Zeitung führte zu Ermittlungen, bei dem die Staatsanwaltschaft eine Razzia in den Firmenräumen startete. Die Polizei gründete wegen der Vielzahl der Fälle die Ermittlungsgruppe „Haken“. Die Stapel waren noch nicht abgearbeitet, als es Mitte Juli zum Prozess beim Amtsgericht kam.

Dass es beim Urteil bei einer Bewährungsstrafe blieb, lag auch an einem sogenannten Rechtsgespräch der Verfahrensbeteiligten. Der Angeklagte, der die Vorwürfe zunächst bestritten hatte, legte ein Geständnis ab und versprach über seinen Anwalt, den Schaden von rund 14 000 Euro an die Opfer zurückzuzahlen.

Das Amtsgericht prüft aber nicht

Überprüft wird das weder von Staatsanwaltschaft noch Amtsgericht: „Im Zweifel müssen die Geschädigten selber klagen, um an ihr Geld zu kommen“, sagt ­Monika Rudolph, Sprecherin des Amts­gerichts. Die Schadenswiedergutmachung sei keine Auflage im Bewährungs­beschluss. „Ob die Wiedergutmachung des Schadens erfolgte, können wir nicht ­sagen“, so Monika Rudolph.

Der Anwalt des 33-Jährigen versichert, dass die Schecks raus seien. Dies habe wegen des Aufwands so lange gedauert. „Wir mussten alle Adressen zusammensuchen“, sagt er. Der 33-Jährige ist laut Handelsregister seit Juli nicht mehr Geschäftsführer. Dass er auch die Firma verlasse, so der Anwalt, habe nie zur Debatte gestanden.

Artikel teilen