Geld für Verpackungen Kampf den kleinen Plastikbeuteln

Von Imelda Flaig 

Im Gegensatz zu den Plastiktüten an der Kasse sind die kleinen Plastikbeutel für Obst und Gemüse kostenlos. Aldi will das ändern.

Aldi schafft die kostenlosen Plastikbeutel bei Obst und Gemüse ab.Foto: Aldi

Stuttgart - Aldi-Kunden, die beim Einkauf für Obst oder Gemüse die kleinen dünnen Plastikbeutel nutzen – im Fachjargon werden sie Knotenbeutel oder Hemdchenbeutel genannt –, müssen umdenken. Der Discounter will sie in allen Filialen – sowohl bei Aldi Süd als auch Aldi Nord – abschaffen und ab Sommer nur noch Knotenbeutel aus nachwachsenden Rohstoffen anbieten, die es dann nicht mehr kostenlos gibt, sondern für einen Cent, wie das Unternehmen mitteilt.

Damit reagiert Aldi offenbar auf den vielen Plastikmüll, der beim Einkauf in den Geschäften entsteht. Dass sich das Verhalten der Verbraucher ändert, wenn sie für etwas bezahlen müssen, zeigt die Entwicklung bei den klassischen Plastiktüten an der Supermarktkasse. Seit diese nur noch kostenpflichtig abgegeben werden, ist deren Verbrauch um rund zwei Drittel zurückgegangen. Im vergangenen Jahr nahmen die Deutschen pro Kopf durchschnittlich nicht mehr als 24 Plastiktaschen mit nach Hause. „Die Zahlen bestätigten, dass die Bepreisung der Plastiktaschen Verbraucher sichtlich zum Umdenken bewegt hat“, sagt Aldi-Managerin Kristina Bell. „Ein ähnliches Prinzip verfolgen wir mit dem symbolischen Cent für unsere Einwegtüten im Obst-und Gemüsebereich“, begründet sie den Vorstoß, mit dem man eine Vorreiterrolle übernehme, und würde sich freuen, wenn andere Händler mitziehen. Denn nur durch eine branchenweite Lösung könne man bei der Reduzierung der Plastiktüten einen großen Schritt nach vorne machen.

Drei Milliarden Plastikbeutel für Obst und Gemüse

Im vergangenen Jahr haben Verbraucher in Deutschland rund drei Milliarden solcher Knotenbeutel verbraucht, um beispielsweise Kirschen, Äpfel, Tomaten, Paprika oder Pilze abzuwiegen und einzupacken – das sind pro Kopf gerechnet 37,3 Plastikbeutel.

Aldi setzt als Alternative auf Einwegbeutel aus einem nachwachsenden Rohstoff, der bei der Zuckerrohrproduktion anfällt. Für die Herstellung des Beutels wird kein Erdöl verwendet. Viele Händler setzen auf Verpackungsvermeidung. „Die Reduzierung der Verpackungen für Obst und Gemüse hat an Fahrt aufgenommen“, sagt Kai Falk, Geschäftsführer Nachhaltigkeit beim Branchenverband HDE. Viele Händler etwa setzen auch auf Mehrwegnetze als zusätzliche Alternative zum Plastikbeutel – darunter etwa Rewe oder Edeka. Bei Kaufland können Verbraucher auch Frischetaschen kaufen, um Obst und Gemüse zu verstauen.

Auch der Lebensmitteleinzelhändler Real will nach und nach im Jahresverlauf den Plastikbeutel ganz aus der Obst- und Gemüseabteilung verbannen und bis Ende 2020 Kunden die Wahlmöglichkeit zwischen den waschbaren Mehrwegnetzen oder kostenlosen Tüten aus recyceltem Papier wie auf einem Wochenmarkt geben. Allein durch den kompletten Verzicht auf Plastikbeutel in der Obst- und Gemüseabteilung spart Real nach Angaben von Finanzchef Patrick Müller-Sarmiento pro Jahr mehr als 70 Millionen Plastikbeutel ein.

Der Schritt von Real ist nicht ganz unumstritten. Laut Bund für Umwelt und Naturschutz sind zwar Papierbeutel, wenn sie in die Umwelt gelangen, leichter abbaubar als Plastikbeutel, doch von der Ökobilanz her nicht besser. Für die Herstellung von Papiertüten würden mehr Energie und mehr Wasser verbraucht als für die Produkte aus Plastik, heißt es. Zudem setzt Real auch auf Mehrwegnetze. Auch Aldi setzt zusätzlich ab Herbst auf wiederverwertbare Mehrwegnetze.

Vorwurf der Symbolpolitik und Augenwischerei

Aldis Vorstoß in Sachen Bioplastikbeutel stößt bei Umweltschützern aber auf erhebliche Vorbehalte. Die Deutsche Umwelthilfe bewertete den Schritt als „reine Symbolpolitik“. Ein signifikanter Lenkungseffekt sei bei einem derart niedrigen Preis nicht zu erwarten. Auch eine Greenpeace-Sprecherin bezeichnete die Initiative als „Augenwischerei“. Der Umstieg auf Bioplastik sei keine Lösung, denn auch dieses Material brauche sehr lange, bis es verrotte. Wenn Aldi hier wirklich etwas tun wolle, müsse der Discounter das Einkaufen von unverpackten Produkten aktiv fördern.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) mahnte unterdessen weitere Maßnahmen an: „Ich habe den Handel aufgefordert, mir bis Herbst konkrete Konzepte vorzulegen, wie die Supermärkte auf ökologisch sinnvolle Weise die Menge an Plastikverpackungen deutlich verringern können. Das gilt für Hemdchenbeutel, aber eben auch für andere Obst- oder Gemüseverpackungen“, sagte sie.

Die Reduzierung von Verpackungen beziehungsweise Plastikmüll sei ein zentrales umweltpolitisches Thema der Branche, sagt HDE-Manager Falk. Einige Betriebe testeten auch Mehrwegbehälter an den Frischetheken für Käse und Fleisch, nennt er ein Beispiel. Auf 75 Prozent des Sortiments habe man aber keinen Einfluss, weil das herstellerabhängig sei.

Aldi jedenfalls hat schon mal Plastikgeschirr und -strohhalme aus dem Sortiment gestrichen, Gurken sind schon seit März nicht mehr in Plastik verschweißt. Insgesamt wolle man den Anteil von Plastik bei der Verpackung von Eigenprodukten bis 2025 um 30 Prozent senken, teilte Aldi mit.

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