Angriff auf Geldautomaten LKA ermittelt gegen Bankomat-Bomber

Von Wolf-Dieter Obst 

Die Bande wählt die radikalste Methode, um an Bargeld zu kommen – sie sprengt Geldautomaten in die Luft. Nun hat die Kripo ein Duo auffliegen lassen.

Spurensicherung an einem gesprengten Geldautomaten im November 2018 in Schlaitdorf.Foto: 7aktuell.de/Simon Adomat

Stuttgart - Die beiden Männer kommen aus einem Vorort von Utrecht. Eine holländische Stadt, die bei Kriminalisten schon lange als Herkunftsort von sogenannten Bankomat-Bombern gilt. Zwei mutmaßliche Bandenmitglieder, 27 und 29 Jahre alt, sitzen in Untersuchungshaft – ein Ermittlungserfolg, den das Landeskriminalamt (LKA) nun bekannt gegeben hat. Das Duo dürfte zu einer Gruppierung gehören, die unter anderem im Herbst 2018 in Weilimdorf einen Geldautomaten in die Luft gejagt hat.

Der Knall am 1. Oktober vergangenen Jahres war zugleich der Startschuss für eine Sonderermittlungsgruppe beim LKA. Um 3.20 Uhr waren Anwohner der Kaiserslauterer Straße aus dem Schlaf geschreckt worden, als in einer Filiale der BW-Bank am Fuße eines Mehrfamilienhauses der Geldautomat gesprengt wurde. Die Täter hatten ein explosives Gasgemisch in das Gerät gepumpt und gezündet. An das Bargeld aber kamen sie nicht. Zeugen sahen zwei Gestalten, gekleidet in schwarze Ganzkörperanzüge, mit einem Audi S 5 flüchtend. Für die Kripo ein unverwechselbares Erkennungszeichen: Offenbar hatte eine der berüchtigten Gruppierungen zugeschlagen, die in den Medien als Audi-Bande bezeichnet wird. Benannt nach der bevorzugten Marke der Fluchtfahrzeuge.

Wie alles begann mit den Täten aus Holland

Das Phänomen der sprengenden Holländer hatte sich seit 2015 in Deutschland ausgebreitet. Bis dahin waren in den Niederlanden serienweise Bankomaten gesprengt worden, bis die dortigen Geldinstitute mit intensiven Sicherheitsmaßnahmen reagierten. Die Banden versuchten sich deshalb jenseits der Grenze in Deutschland. Erst in Nordrhein-Westfalen, bald schon im Südwesten. Im April 2016 knallte es erstmals in Stuttgart. Ein Geldautomat an der Mensa der Universität Hohenheim flog in die Luft – mit knapp 60 000 Euro Beute.

Im Weilimdorfer Fall im Oktober 2018 hatten die Fahnder offenbar bessere Ermittlungsansätze. Die Erkenntnisse über die möglichen Täter wurden mit der Zeit so umfangreich, dass die Ermittler den Verbrechern sogar einen Schritt voraus waren. Vor gut einem Monat war die Zeit dann reif – als im badischen Müllheim, 30 Kilometer südlich von Freiburg, ein weiterer Geldautomat in die Luft gesprengt werden sollte. „Die Ermittler waren durch operative Maßnahmen auf die mögliche Tatbegehung vorbereitet“, sagt LKA-Sprecher Marc Eggert.

Als Fluchtwagen wird die Marke Audi bevorzugt

Zwei dunkle Gestalten drangen an jenem 15. August gegen 4 Uhr in einen Supermarkt ein, machten sich an einem Geldautomaten mit Gasleitung und Zündkabel zu schaffen. Anschließend kam es zum großen Knall – aber anders, als es die Täter erwartet hatten. Ein Mobiles Einsatzkommando der Polizei griff zu und nahm die 27 und 29 Jahre alten Männer aus Utrecht fest. Der Fluchtwagen der Verdächtigen wurde sichergestellt. Dabei handelte es sich um einen Mietwagen, der mit gestohlenen Freiburger Kennzeichen versehen war. Für die Beamten war es keine Überraschung, dass es sich bei dem Wagen um einen Audi handelte.

Welche Taten der Spreng-Serie in Stuttgart, der Region sowie im gesamten Bundesgebiet den beiden Verdächtigen konkret zugeordnet werden können – das gehört nun zur aufwendigen Ermittlungsarbeit. Denn die Strukturen der Bande sind komplex: „Nicht immer muss so etwas eine hierarchisch durchorganisierte Vereinigung sein“, sagt LKA-Sprecher Eggert, „deshalb sucht man nach möglichen Verknüpfungen.“

Die Liste der Verdachtsfälle ist lang

Für welche anderen Taten könnte das Duo verantwortlich sein? „Aus ermittlungstaktischen Gründen können wir darauf nicht eingehen“, sagt Eggert. Die Liste der Verdachtsfälle ist lang. Etwa die spektakuläre Explosion eines Bankomaten im Rathausgebäude von Schlaitdorf im Kreis Esslingen. Am 5. November 2018 hatte die Feuerwehr die brennenden Reste löschen müssen, das Rathaus blieb geschlossen. Weitere Detonationen gab es in Leinfelden-Echterdingen (Kreis Esslingen), Kaisersbach und Althütte (Rems-Murr-Kreis), Uhingen (Kreis Göppingen), Gerlingen (Kreis Ludwigsburg), Renningen (Kreis Böblingen) und Tübingen. Bei letzterer Tat im Mai 2019 sahen Zeugen drei schwarz gekleidete Männer – diesmal auf Motorrollern.

Bei den Tätern handelt es sich nach Erkenntnissen des LKA meist um holländische Staatsbürger mit nordafrikanischer Abstammung. So auch ein 26 bis 31 Jahre altes Trio, das in Düsseldorf vor Gericht stand. Die drei wurden wegen Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion zu Haftstrafen zwischen vier Jahren und sechs Jahren und zehn Monaten verurteilt. Ein einziger Coup hatte ihnen 108 460 Euro eingebracht.

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