Terroranschlag in Halle Der Horror direkt vor der Synagogentür

Von Katja Bauer 

Am jüdischen Feiertag Jom Kippur wird das Gotteshaus in Halle attackiert – Mindestens zwei Menschen sterben. Der mutmaßliche Täter wird am Nachmittag festgenommen. Ein Bekennervideo lässt auf einen rechtsextremen Hintergrund schließen.

Nach der tödlichen Schießerei in Halle schützt ein massives Polizeiaufgebot die Synagoge.Foto: /Georg Wittmann

Halle/Berlin - Es sind Szenen von Handykameras, die fast unwirklich wirken – weil mit Bildern von solch kalter Brutalität in der ganz normalen Welt eines Mittwochnachmittags in Deutschland keiner rechnet: Wie Krieger sehen der oder die Männer aus, die in einer Einstellung aus einem dunklen Auto steigen, in einer anderen hinter einem Wagen hervorschießt. Auf den Bildern wirkt es, als seien es unterschiedliche Männer, es sind unterschiedliche Helme zu sehen, zum Teil mit Handyvorrichtung, Kampfmontur, und Gewehren. Erst nach langen Stunden des Wartens wurde klar, dass es sich um einen Einzeltäter handelte.

Binnen weniger Minuten wird die jüdische Synagoge in Halle an der Saale angegriffen, der Friedhof daneben, ein Dönerimbiss in der Gegend. Es ist Jom Kippur, der höchste jüdische Feiertag, etwa 70 bis 80 Menschen feiern Gottesdienst in der Synagoge. Zwei Menschen werden vor der Synagoge und im Imbiss getötet und mindestens zwei weitere werden verletzt. Und wenig später kommt ein dritter Tatort hinzu: Im 15 Kilometer entfernten Städtchen Landsberg wird nach einer Schießerei alles abgeriegelt. Was dort passiert ist? Ein Rätsel, bisher.

Der mutmaßliche Rechtsextremist Stephan B. aus Sachsen-Anhalt wollte nach Angaben aus Sicherheitskreisen am Mittwochmittag die Synagoge mit Waffengewalt stürmen, scheiterte jedoch. In einem Bekennervideo macht er eine rechtsextreme und antisemitische Gesinnung deutlich. Um 12.48 Uhr meldet die Stadt Halle über das Warn- und Informationssystem Katwarn eine „Warnung Sonderfall“ wegen „Schusswaffengebrauch im Stadtgebiet“, sie bittet die Bewohner, Gebäude und Wohnungen nicht zu verlassen, von Fenstern und Türen fernzubleiben. In Halle bricht die nackte Angst aus, die Behörden sprechen von einer Amoklage.

In Halle bricht die nackte Angst aus, die Behörden sprechen von einer Amoklage

Die Tat scheint aus dem Nichts zu kommen und überrascht alle völlig: Was sich hinter der kühlen Katastrophenwarnung verbirgt, was sich in welcher Reihenfolge abgespielt hat, welcher Plan verfolgt wurde und wo der Täter und mögliche Komplizen sich befinden – all das ist zunächst unklar. Aber was die Behörden bereits am Nachmittag wissen, reicht aus, damit der Generalbundesanwalt die Ermittlungen wegen „Mordes mit besonderem Hintergrund“ übernimmt, und auch wenn es keiner ganz explizit sagt, so verdichten sich die Hinweise auf die plausibelste Richtung: Terror mit rechtsextrem Hintergrund. Der Schutz von Synagogen wird im ganzen Land verschärft. Am Abend berichtet der „Spiegel“ über erste Erkenntnisse: Demnach soll es sich beim Tatverdächtigen um einen 27-jährigen aus Sachsen-Anhalt handeln. Seine Helmkamera habe die Taten gefilmt. Der Mann schimpfe auf „Juden und Kanaken“.

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde berichtet aus der Synagoge

Bis dahin sind es Augenzeugenberichte, die einen Einblick in das Geschehen geben. Kurz nach der Tat berichtet der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Halle, Max Privorozki, wie er die Situation erlebt hat. Er spricht von der Synagoge aus am Telefon mit ruhiger Stimme. Hinter ihm, im Synagogenraum, wird der Gottesdienst gefeiert. Die Gläubigen, sie beten und singen an gegen den Horror, der vor ihrer Türe geschah. Sie ist immer noch verbarrikadiert. „Wir haben über die Kamera unserer Synagoge gesehen, dass ein schwer bewaffneter Täter mit Stahlhelm und Gewehr versucht hat, unsere Türen aufzuschießen“, sagt Privorozki unserer Zeitung. „Der Mann sah aus wie von einer Spezialeinheit. Aber unsere Türen haben gehalten.“ Durch die Kameralinse hat Privorozki auch den Körper des ersten Todesopfers gesehen. Wie soll man jemanden, der gerade in einer Synagoge steht, die angegriffen wurde, fragen, wie es ihm geht? Privorozki antwortet auf seine Weise: „Ich bin dem Ewigen sehr dankbar, dass wir so gute Türen haben.“

Er sagt, der Täter habe auch versucht, das Tor des ­jüdischen Friedhofs aufzuschießen. In anderen, unbestätigten Berichten heißt es, eine Handgranate sei auf den Friedhof geworfen worden. Von einem granatenähnlichen Gegenstand berichtet gegenüber einer Fernsehreporterin von N-TV auch ein Augenzeuge, der als Opfer den Angriff auf den Dönerimbiss überlebt hat. Es ist das Interview mit einem offensichtlich traumatisierten Menschen, der gerade miterlebt hat, wie neben ihm ein Mensch durch Schüsse starb. Der Überlebende, ein junger Mann mit Hoodie und Kopfhörern, schildert, wie er durchs Fenster einen Bewaffneten mit Sturmmaske gesehen habe. „Ich wusste gleich, da ist etwas falsch.“

Der Augenzeuge erzählt, wie der Attentäter „sein Gewehr erhoben und geschossen“ hat

Der Mann habe eine Granate auf die Tür geworfen. Diese sei abgeprallt und auf der Straße detoniert. Dann, so der Augenzeuge, „hat er sein Gewehr erhoben und geschossen“. Außer ihm selbst seien noch etwa fünf bis sechs Gäste im Raum gewesen. „Ein Mann hinter mir ist wohl verstorben.“ Andere seien durch den Hinterausgang gerannt. „Ich habe mich in der Toilette eingeschlossen und meiner Familie geschrieben, dass ich sie liebe.“

Dass dieser Augenzeuge, dieses Opfer so kurz nach der Tat nicht von Ermittlern befragt wird, sondern von Journalisten, mag auch ein Zeichen dafür sein, wie chaotisch die Lage in diesen Stunden in Halle ist. Später meldet die Polizei eine Festnahme. Der Magdeburger Ministerpräsident Reiner Haseloff reist vorzeitig von Brüssel zurück. Kanzlerin Angela Merkel spricht den Angehörigen der Opfer ihr tiefes Beileid aus. „Unsere Solidarität gilt allen Jüdinnen und Juden am Feiertag Jom Kippur“, twittert Regierungssprecher Seibert, „unser Dank den Sicherheitskräften, die noch im Einsatz sind.“ Politiker aller Parteien sprechen über die Tat, die sich mitten in Deutschland gegen Juden richtete. Und gegen einen Dönerimbiss mit seinen Gästen – ein Ziel, das jeden in diesem Land an den rechtsextremen Terror des NSU erinnert.

Ein Döner-Imbiss – ein Ziel, das jeden an den rechtsextremen Terror der NSU erinnert

Und während der Nachmittag verstreicht und es Abend wird, sitzen in Halle und in Landsberg Menschen in ihren Wohnungen und an ihren Arbeitsplätzen. An einem Mittwochnachmittag müssen Behörden in Deutschland ganz normale Bürger bitten, in ihren Häusern zu bleiben, weil sie sich andernfalls da draußen in eine reale Gefahr begäben.

Artikel teilen