Arailym Kubajeva kämpft gegen Nuklearwaffen Ein junges Gesicht für den Frieden

Von Frank Buchmeier 

Den Kämpfern gegen Nuklearwaffen und Wettrüstung mangelt es an Nachwuchs. Die 27-jährige Kasachin Arailym Kubajeva von der Friedenwerkstatt Mutlangen will dafür sorgen, dass sich ihre Generation nicht nur gegen den Klimawandel engagiert.

Arailym Kubajeva bei einer Demonstration vor dem UN-Büro in Genf Foto: Presshütte

Mutlangen - Aqtöbe muss man nicht gesehen haben. Wenn der Herbst naht, steigt ein übel riechender Nebel über dem Fluss Ilek auf, färbt die Vorhänge in den Plattenbauten gelb und treibt den Bewohnern Tränen in die Augen. Chevron und die China National Petroleum Corporation, die rund um die kasachische Stadt Öl produzieren, achten nicht auf gute Luft, sondern auf satte Renditen.

Arailym lebt an diesem grauen Ort, aber in ihrer eigenen bunten Welt. Das Mädchen liest alles, was es in die Hände bekommt – deutsche Märchen, russische Romane, Fachbücher über die Rolle der Frau in der unter­gegangenen Sowjetunion –, und fragt sich: Warum gibt es in Kasachstan, das so reich an Bodenschätzen ist, so viele arme Menschen?

Arailym ist fleißig, die Schule schließt sie als Jahrgangsbeste ab. Mit einem Stipendium beginnt sie ein Politikstudium an der Deutsch-Kasachischen Universität in Almaty, der größten Stadt des zentralasiatischen Landes. Ihre Bachelorarbeit trägt den Titel: „Korruption in der Erdölwirtschaft Kasachstans“.

Fünf Jahre später sitzt die Politikwissenschaftlerin Arailym Kubajeva an ihrem Arbeitsplatz in der Mutlanger Pressehütte. „Ich möchte etwas bewirken“, sagt sie, „hier bekomme ich die Möglichkeit dazu.“ Anfang der 80er Jahre, als Tausende in dem Dorf auf der Ostalb gegen die Stationierung amerikanischer Atomraketen demonstrierten, trafen sich in dem Holzhaus neugierige Journalisten und langhaarige Protestler zum Informationsaustausch. Der Name Pressehütte ist geblieben, obwohl die oberen Stockwerke heute von afghanischen Flüchtlingsfamilien bewohnt werden und die Friedenswerkstatt Mutlangen nur noch das Erdgeschoss nutzt. Mittlerweile ist das jüngste Vereinsmitglied Anfang 60 und das älteste Mitte 80. Arailym Kubajeva, 27, soll als hauptamtliche Mitarbeiterin dabei helfen, endlich einen Generationswechsel einzuleiten. Eine junge, intelligente, engagierte Frau, die zudem genau weiß, wie man sich auf Instagram inszeniert.

„Widerstand und Aufbruch“: Die Protestgeschichte des Südwestens

Am 22. Oktober 1983 versammeln sich im Bonner Hofgarten 300 000 Menschen, um gegen den Nato-Doppelbeschluss zu demonstrieren, mit dem der Westen auf die Stationierung sowjetischer Mittelstreckenwaffen reagierte. Petra Kelly, Mitgründerin der Grünen, ruft von der Bühne herab: „Meine lieben Schwestern und Brüder. Wir lassen uns nicht zu Tode verteidigen!“ Die Bundesregierung ignoriert den Massenprotest und lässt in Mutlangen US-Mittelstreckenraketen stationieren. Prompt bricht die Friedensbewegung zusammen, nur ein Kern von Aktivisten bleibt übrig. Dieses Jahr an Karsamstag, bei der größten Demo, die Arailym Kubajeva bisher miterlebt hat, hören nicht mal 400 Leute zu, als sie ihre erste Ostermarschrede hält: „Die Folgen des Einsatzes von Atomwaffen sind so katastrophal, dass es keine Rechtfertigung für ihre Produktion, ihre Bereithaltung und ihren Einsatz gibt!“

Experten glauben, dass die aktuelle weltpolitische Lage brisanter ist als zu Zeiten des Kalten Kriegs. In einem Bericht der Münchner Sicherheitskonferenz heißt es: „Ein zweites Nuklearzeitalter mit mehr Akteuren und weniger Stabilität nimmt Gestalt an.“ Die Spannungen zwischen den USA und Russland, Konflikte wegen chinesischer Gebietsansprüche, die sich verschärfende Rhetorik zwischen den verfeindeten Nachbarn Pakistan und Indien oder Provokationen von Nordkoreas Diktator Kim Jong-un: Es sind viele Szenarien denkbar, die einen atomaren Schlagabtausch auslösen könnten. Dennoch juckt die Gefahr einer nuklearen Apokalypse die Deutschen nicht sonderlich. Wenn die Jugend auf die Straße geht, dann tut sie es heute, weil sie den ökologischen Weltuntergang fürchtet. „Klimaschutz ist wichtig, aber das Thema überlagert manches, was auch wichtig ist“, sagt Arailym Kubajeva. „Ohne Frieden ist alles sinnlos.“

Porträt des Friedensstifters Roland Blach

Es bedurfte einiger glücklicher Fügungen, ehe Arailym Kubajeva ihre Veranlagung zur Idealistin ausleben konnte. Nach dem Bachelor in Almaty ermöglicht ihr eine Stiftung, das Studium in Tübingen bis zum Masterabschluss fortzusetzen. An der Eberhard-Karls-Universität beschäftigt sie sich schwerpunktmäßig mit Streitschlichtung. Als sie nach einem Praktikumsplatz sucht, wird sie 12 800 Kilometer südöstlich bei der neuseeländischen Peace-Foundation fündig. Die Organisation erzieht Kinder zum Frieden.

In Auckland erzählt Arailym Kubajeva in Schulen, wie ihr Heimatland nach dem Zweiten Weltkrieg von der Sowjetarmee missbraucht wurde: Von 1946 an testete die UdSSR in Kasachstan ihre Massenvernichtungswaffen. Innerhalb von vier Jahrzehnten explodierten auf einem 18 000 Quadratkilometer großen Gelände bei Semipalatinsk 496 Atombomben, davon 113 überirdisch. Die Folgen für die Bevölkerung in der zentralasiatischen Steppe sind verheerend: Bis heute liegt die Krebsrate weit über dem Durchschnitt, auf den Friedhöfen der Region findet sich kaum ein Grab von einem Menschen, der älter als 60 Jahre geworden ist.

Neuseeland, erzählt Arailym Kubajeva, sei ihr Erweckungserlebnis gewesen: „Mir wurde bewusst, dass es allen Menschen besser gehen würde, wenn kein Geld mehr für Waffen ausgegeben würde.“ Dieser Utopie will sie dienen. Als sie nach Tübingen zurückkehrt, nimmt sie Kontakt zu „Ohne Rüstung Leben“ auf, einem Verein, der seit 40 Jahren für Frieden und Gerechtigkeit streitet. Eine ihrer ersten Protestaktionen führt Arailym Kubajeva in die Vulkaneifel. Dort, im Fliegerhorst Büchel, lagern 20 US-Atombomben des Typs B-61, jede hat ein Vielfaches der Zerstörungskraft jener Sprengsätze, die Hiroshima und Nagasaki auslöschten. Wenn Trump es befiehlt und die Nato – deren Oberbefehlshaber ist ein Landsmann des US-Präsidenten – ihm folgt, werden die Bomben im Rahmen der sogenannten nuklearen Teilhabe von Bundeswehr-Tornado-Piloten abgeworfen. Deutschland, sagt Arailym Kubajeva, sei „Teil eines Systems, in dem Waffen, deren Ziel es ist, ganze Landstriche radioaktiv zu verstrahlen und in kürzester Zeit so viele Menschen wie möglich zu töten, als akzeptabel gelten“.

„Die Mutlanger mahnen wieder“

Solche Botschaften verbreitet die kasachische Jungakademikerin seit dem Frühjahr von der Schwäbischen Alb aus. Sie übersetzt das „Mutlanger Manifest“ ins Russische, verteilt auf dem Gmünder Marktplatz Flugblätter oder schreibt Beiträge für das Vereinsmagazin „Freiraum“. Zum Dank werden Arailym Kubajeva Fortbildungen in Berlin, Basel, Genf oder New York spendiert. Im UN-Hauptquartier begegnet sie einem Überlebenden des Atombombenabwurfs auf Hiroshima und einem Kasachen, der bei einem Atomtest in Semipalatinsk Arme und Beine verlor. Mit diesen beklemmenden Eindrücken im Kopf fragt sie einen westeuropäischen Diplomaten: „Glauben Sie wirklich, dass morgen in Europa ein Krieg ausbrechen würde, wenn die EU nuklearwaffenfreie Zone wäre?“ Der Diplomat antwortet: „Ja. Ich möchte aber betonen, dass Nuklearwaffen nicht eingesetzt werden sollen, sie sollen abschrecken.“

Von New York reist Arailym Kubajeva an die Westküste, „ganz alleine, weil ich mich und die anderen ohne Begleitung am besten kennenlerne“. Sie unterhält sich mit Amerikanern, so wie sie in ihrer Jugend häufig mit Russen geplaudert hat. Sie versteht nicht, dass sich die Völker gegenseitig bedrohen.

Arailym Kubajeva leidet darunter, dass die Welt nicht so ist, wie sie sein sollte. Wenn sie nach ihrer Familie gefragt wird, könnte sie vor Sehnsucht weinen. Doch als sie zuletzt bei ihren Eltern in Aqtöbe war, saß sie bloß deprimiert in ihrem Zimmer, weil sie die Zustände in ihrer Heimat nicht erträgt: In der Rangliste der Pressefreiheit von Reportern ohne Grenzen liegt Kasachstan auf Platz 157 von 180 Ländern, im Korruptionsindex von Transparency International zusammen mit Dschibuti und Liberia auf Rang 122. „Dennoch wird unsere Regierung von den USA, Russland, China und der EU gleichermaßen hofiert“, sagt Arailym Kubajeva. Schließlich wollten alle die Bodenschätze plündern.

Interview: Droht Europa ein neues Wettrüsten?

Als Arailym Kubajeva nach Deutschland kam, fühlte sie sich frei. Die Museen, die Theater, die Bibliotheken, die „allgegenwärtige Demokratie“, wie sie sagt, faszinierten sie. Mittlerweile hat sie erkannt, dass trotz des großen kulturellen Angebots die meisten Menschen nicht so bildungshungrig sind wie sie. Auch die Euphorie über ihre unbefristete 50-Prozent-Stelle in der Mutlanger Pressehütte ist verflogen: In ihrem Berufsalltag bekommt die Profi-Pazifistin zu spüren, dass das Thema Frieden keine Konjunktur hat. „Selbst am Landesgymnasium für Hochbegabte haben mir die Schüler nicht richtig zugehört, als ich ihnen erklärt habe, dass die atomare Bedrohung näher rückt“, erzählt sie.

Kürzlich haben Donald Trump und Wladimir Putin den INF-Vertrag gekündigt, in dem sich 1987 beide Supermächte verpflichtet hatten, auf die Stationierung von Mittelstreckenraketen in Europa zu verzichten. Nun testet das Pentagon bereits einen neuen Marschflugkörper, der für Reichweiten ausgelegt ist, die bisher verboten waren. Arailym Kubajeva würde gerne mit hunderttausend jungen Friedensbewegten gegen das drohende nukleare Wettrüsten auf die Straße gehen. Noch marschiert sie ziemlich einsam vorneweg.

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