Autonomes Fahren Müssen Porsche-Fahrer künftig ins Reservat?

Von Werner Ludwig 

Experten warnen bei einer Diskussion am Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme vor zu hohen Erwartungen an automatisierte Fahrzeuge. Die Technik könnte lange Zeit auf Autobahnen beschränkt bleiben. In Städten dürften zunächst vor allem Sammeltaxis und Busse autonom unterwegs sein.

Autonome Autos sind mit Sensoren und Software vollgestopft.Foto: Tierney/Adobe Stock

Stuttgart - Es gibt viele Gründe dafür, dass alle großen Autobauer an autonomen Autos arbeiten. Sie sollen den Fahrer entlasten, damit er sich unterwegs mit anderen Dingen beschäftigen kann. Sie sollen älteren Menschen helfen, mobil zu bleiben. Zudem sollen sie zur intelligenten Verkehrssteuerung beitragen und damit Staus verhindern sowie die Umweltbelastung verringern.

An erster Stelle der Liste von Andreas Geiger steht aber das Thema Sicherheit. „Allein im Jahr 2017 gab es weltweit 1,3 Millionen Verkehrstote“, sagte der Tübinger Informatiker am Montagabend bei einer Diskussion zum Thema „Künstliche Intelligenz und Autonomes Fahren“ am Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme in Stuttgart. Eingeladen hatten die Gemeinnützige Hertie-Stiftung und das Cyber Valley, die nach eigenen Angaben europaweit größte Forschungskooperation im Bereich Künstliche Intelligenz.

Der Mensch ist ein verdammt guter Autofahrer

Computergesteuerte Autos könnten helfen, die Zahl der Unfalltoten zu senken, so Geiger. Bereits heute machen Abstands- oder Spurhalteassistenten Autos sicherer. Bis jedoch der Mensch das Fahren in jeder Situation an die Maschine delegieren kann, werden nach Geigers Einschätzung noch etliche Jahre vergehen. „Das Problem ist, dass der Mensch ein verdammt guter Autofahrer ist“, sagt Geiger. Statistisch gebe es nur alle 100 Millionen gefahrene Kilometer einen Todesfall. Das entspreche einer Fehlerquote von 0,000001 Prozent, rechnet er vor. „Ein System, das von der Gesellschaft akzeptiert werden soll, muss mindestens zehn- oder sogar hundertmal besser sein.“

Um dieses Ziel zu erreichen, müssen selbstfahrende Autos sich absolut sicher im Verkehr zurechtfinden. Hier kommt die Arbeit von Geigers Forschungsgruppe „Autonomes Maschinelles Sehen“ am May-Planck-Institut für Intelligente Systeme ins Spiel. Der Professor aus Tübingen und seine Mitstreiter beschäftigen sich mit der computergestützten Bildverarbeitung, die beim autonomen Fahren – Experten sprechen lieber vom automatisierten Fahren – eine zentrale Rolle spielt.

Letztlich geht es darum, die Signale all der Kameras, Laserscanner und Radarsensoren richtig zu interpretieren, um ein dreidimensionales Abbild der Umgebung zu erstellen. Geiger und sein Team setzen dabei auf Künstliche Intelligenz– also auf Systeme, die aus bisher gewonnenen Daten lernen und sich so ständig verbessern. Allerdings seien dafür gewaltige Rechenkapazitäten erforderlich.

Schlechte Sicht als Herausforderung

Zugleich gebe es nur wenige Trainingsdaten, weil kritische Situationen vergleichsweise selten seien. Probleme haben die Systeme laut Geiger vor allem in „unstrukturierten Umgebungen“ – etwa im dichten Stadtverkehr, in dem ständig Fahrzeuge, Radfahrer oder Fußgänger queren. Auch schlechte Sichtverhältnisse bei Regen oder Dunkelheit seien eine Herausforderung.

Doch wollen etwa die Käufer eines Porsche, die viel Geld für ihren Flitzer zahlen, überhaupt das Steuer an eine Software abgeben? In manchen Situationen schon, meint Sebastian Söhner, der bei dem Stuttgarter Sportwagenbauer für Fahrerassistenzsysteme und hochautomatisiertes Fahren zuständig ist. Als Beispiele nennt er Fahrten im Stau oder das selbstständige Einparken im Parkhaus, aber auch Teilstrecken auf der Autobahn. Doch auch dort wird es noch lange Zeit so sein, dass der Mensch in unübersichtlichen Situationen selbst das Kommando übernehmen muss.

Oliver Bendel, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) in Basel, sieht genau darin ein zentrales Problem: „Wenn man autonom fährt und unterwegs zum Beispiel ein gutes Buch liest, braucht man sehr lange, bis man mit der Aufmerksamkeit wieder beim Fahren ist.“ Hinzu komme, dass es den Menschen zunehmend an Fahrroutine fehlen werde, wenn die meiste Zeit der Computer den Wagen steuert, fügt Bendel nach der Diskussion hinzu.

Nur eine gigantische Blase?

Der gebürtige Ulmer geht noch weiter: Vieles spreche dafür, dass es sich bei dem Hype ums autonome Fahren „um eine gigantische Blase“ handelt, die vor allem von wirtschaftlichen Interessen getrieben sei. „Doch selbst wenn diese Blase platzt, bleiben interessante neue Technologien zurück“, sagt Bendel. Sorgen bereiten ihm allerdings der Datenschutz („bisher weiß nur Google, wo ich bin, künftig werden das auch Daimler oder VW wissen“) und das Risiko von Hackerangriffen. „Jede Art von Kommunikation kann gehackt werden“, bestätigt Geiger mit Blick auf den Datenaustausch zwischen autonomen Autos und ihrer Umgebung.

Geiger wie auch Bendel sehen das voll automatisierte Fahren in den nächsten Jahren ausschließlich auf der Autobahn. Ein anderes vielversprechendes Einsatzgebiet seien selbstständig fahrende Busse und Sammeltaxis, die in den Städten die „letzte Meile“ zwischen der Wohnung und der nächsten Haltestelle des öffentlichen Verkehrs überbrücken. Solche Robotervehikel könnten auf definierten Strecken mit relativ geringen Geschwindigkeiten verkehren. „Das wäre auch wirtschaftlich interessant“, so Geiger. Denn solche Fahrzeuge wären sehr gut ausgelastet, während Privatautos „95 Prozent der Zeit unproduktiv herumstehen“.

Wenn eines fernen Tages – allen technischen Schwierigkeiten zum Trotz – sämtliche Autos überall autonom unterwegs wären, ergäbe sich indes ein ganz anderes Problem, meint Bendel. Denn dann wäre jedes von einem Menschen gesteuerte Fahrzeug ein potenzieller Störfaktor für das Gesamtsystem. Der Wissenschaftler kann sich vorstellen, dass es dann so etwas wie Reservate für Porschefahrer geben könnte – also abgetrennte Bereiche, in denen Sportwagenfreunde ihre Freude am Schnellfahren ausleben können. Die Möglichkeit dazu gibt es nach den Worten des Porsche-Manns Söhner bereits heute: „Viele Porsche Kunden bevorzugen es, am Wochenende Ihre Fahrzeuge auch auf der Rennstrecke zu bewegen.“

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