Begegnung mit Joachim Luger Erleichtert, nicht mehr Hansemann zu sein

Von Miriam Hesse 

33 Jahre lang hat Joachim Luger als Hans Beimer in der „Lindenstraße“ Alltagskatastrophen und Schicksalsschläge erduldet. Er ist erleichtert, in der Stuttgarter Komödie im Marquardt endlich mal wieder sein Talent fürs Komische entfalten zu dürfen.

Joachim Luger macht einen sehr zufriedenen Eindruck.Foto: Miriam Hesse

Stuttgart - Kohlemäßig hat er es nicht weit gebracht. Vom geldsorgengeplagten Sozialarbeiter Hans Beimer aus der „Lindenstraße“ zum Alt-68er-Anwalt der Armen, den Joachim Luger derzeit in der Stuttgarter Komödie im Marquardt spielt, ist es eher ein Katzen- als ein Karrieresprung. „Jetzt fehlt uns das Geld, das wir damals nicht verdient haben“ – dieser Satz könnte von beiden stammen. Und trotzdem ist der Rollenwechsel für den 75-Jährigen ein großer Schritt gewesen. Nicht etwa, dass er in 33 Jahren Vorabendserie die Bühne nicht mehr betreten hätte. Mitnichten. Luger hat parallel zur Fernsehrolle immer Theater gespielt, weil ihm das „ein Bedürfnis“ war, wie er sagt.

1685 mal Hansemann

Aber jetzt ist das Theater kein „willkommener Ausgleich“ mehr zum durchschnittsdeutschen Hans, der sich – von Anfang an problembeladen – durch 1685 sonntägliche Folgen seufzte. Der die Mundwinkel wenn, dann meist gequält hochzog. Dem das Drehbuch eine Übermutter der Nation als Ehe- und später Ex-Ehefrau aufbürdete, außerdem eine labile, aber große Liebe zu „seiner Anna“ und am Ende eine Parkinson-Erkrankung, die Luger nach all der an Tiefschlägen reichen Zeit letztlich den Rest gab. Über Jahre diese fortschreitende Erkrankung zu spielen, habe ihn regelrecht niedergedrückt, sagt er – auch weil es für einen Schauspieler schmerzhaft sei, Mimik, Gestik und Sprache immer weiter zu reduzieren.

Luger beschloss den Ausstieg aus der Serie. Im vergangenen September starb Hans Beimer den Serientod. Reue habe er nach der Entscheidung nicht verspürt, „nur Erleichterung“. Dass die ARD kurz darauf das Aus der Kult-Serie ankündigte (im März 2020 läuft die letzte Folge), kam für ihn überraschend. Der Schauspieler bedauert es: „Was momentan im Vorabendprogramm zu sehen ist, ist weiß Gott nicht spannender als die Lindenstraße.“ Aber es betrifft ihn nicht mehr. Dieses Kapitel ist geschlossen.

Stachel in der Seele

In der auf einem Kinofilm basierenden Komödie „Wir sind die Neuen“, die derzeit in Stuttgart zu sehen ist, kann Luger also ganz befreit aufspielen. Darf sich in Yoga-Posen werfen, Luftgitarre spielen, mit Windmühlen-Armschwung auf dem Tisch tanzen. Schließlich sind die Drei (neben Luger Simone Rethel und Lutz Reichert), die sich aus Geldmangel in ihren Siebzigern wieder zur Wohngemeinschaft vereinen, die alten Wilden, die die spießigen Studenten-Schnösel von nebenan mit ihrer lässigen Hippie-Attitüde zur Weißglut treiben. Das Bühnenbild bringt’s auf den Punkt: Flowerpower versus Kaktus auf dem Balkon.

Dessen Stachel pieksen Luger nicht nur in der Rolle, sondern auch in seiner eigenen Seele. Gerade jetzt, da die Jugend – anders als die Möchtegern-Yuppies im Stück – nicht mehr nur stromlinienförmig im Karriere-Windkanal surft und statt hochbezahlter Casual Fridays lieber Fridays for Future anpeilt. Da muss der Schauspieler doch mal auf Generationengerechtigkeit pochen: „Wir haben vieles vorgelegt, was die Jungen sich jetzt auf die Fahnen schreiben.“ Die Schülerstreiks für Klimaschutz, überhaupt das Erwachen aus unpolitischer Online-Lethargie sieht er mit wohlwollender Skepsis: „Das ist schon mal ein Fortschritt. Aber ich traue dem Braten nicht, dass sie sich nicht mehr mit dem Kopfhörer auf dem Ohr abschirmen und sich für etwas engagieren.“

Sinn fürs Aufmüpfige

Der Sinn fürs Aufmüpfige und Rebellische liegt Luger jedenfalls so wenig fern wie seiner neuen Rollenfigur. Und da darf er endlich auch mal komisch sein. Denn zum Scherzen war der meist müde lächelnde Hans Beimer nur selten aufgelegt. Allenfalls wenn seine liebste „Lindenstraßen“-Kollegin Irene Fischer die Szenen textete, durfte ihr armer Seriengatte auch mal einen Witz riskieren. Dass „seine Anna“ nach seinem Ableben nun von den Drehbuchautoren in eine Affäre gestürzt wurde, sieht Luger nicht gern: „Ich werde mich posthum bei ihr beschweren.“

Seine komische Ader hatte Luger einst mehr oder weniger zufällig beim Vorsprechen in Lübeck entdeckt. Weil seine ernsthafte Shakespeare-Vertonung nicht gut ankam, schrammelte er mit Gitarre ein Küchenlied, das er mit einem Kommilitonen im Hinterhof ihrer Studentenbude in Ruit auf den Fildern geträllert hatte – und wurde engagiert. In Erinnerung an die Zeit an der privaten Schauspielschule in der Nähe von Stuttgart hat er jetzt die Tochter der verstorbenen Wirtin besucht, bei der er damals ein Zimmer gemietet hatte. Und den Tankstellen-Besitzer, bei dem er in der Waschanlage jobbte und die Heckflossenschlitten der auf dem nahen Fliegerhorst stationierten Amis wienerte.

Spaß ist das Wichtigste

Besonders gelegen haben muss ihm allerdings die Rolle als Verkäufer, in die er in der Esslinger Karstadt-Filiale schlüpfte, um über die Runden zu kommen: „Ich habe alles verkauft, Anzüge, Betten und ganze Schrankwände.“ Der Chef wollte ihm die Schauspielerei ausreden: „In ein paar Jahren kannst du mein Nachfolger sein.“

Geld und Sicherheit haben Luger aber nie gereizt: „Ich bin nicht Schauspieler geworden, um verbeamtet zu werden.“ Es lief trotzdem gut. Das nächste Engagement ist schon eingetütet: Ab Januar probt er an der Komödie Frankfurt „Wie man fällt, so liebt man“. Warum der passionierte Ruderer nicht in den Ruhestand geht, es sich am derzeitigen Lebensmittelpunkt Bochum oder in der Berliner Heimat am Tegeler See gemütlich macht – diese Frage stellt sich gar nicht, wenn man mit Luger spricht. Über das Schauspielern sagt er: „Ich hab’ einfach Spaß dran.“ Und Spaß ist schließlich mit das Wichtigste.

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