Bosch, Dekra und Co. Saubere Luft als lohnendes Geschäft

Von red/dpa 

Die Einhaltung der EU-Grenzwerte für Luftschadstoffe beschäftigt die Kommunen - und hat längst auch Firmen auf den Plan gerufen. Sie nutzen die fieberhafte Suche nach einer Lösung für ihre Forschung - und wittern neues Geschäft.

Bosch rechnet pro Stadt mit einem Umsatz im einstelligen Millionen-Euro-Bereich.Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Ludwigsburg/Stuttgart - Sie hängen neben Anzeigen von Bushaltestellen und Straßenschildern. Im Masten- und Schilderwald der Stadt fallen die grauen Boxen kaum auf. Aber sie sollen nach dem Plan des Technikkonzerns Bosch dazu beitragen, ein entscheidendes Problem von vielen deutschen Städten zu lösen: die schlechte Luft.

In Ludwigsburg nahe Stuttgart hat Bosch rund ein Dutzend der unscheinbaren Kästen aufgehängt. Sie messen nicht nur den Wert der immer wieder diskutierten Stickstoffdioxide, sondern auch Ozon oder die Feinstaubbelastung. Der Plan dahinter: „Wir wollen die Echtzeitdaten sowie die daraus erstellten Karten an Kunden verkaufen. Städte könnten zum Beispiel stündlich ihre Ampelsteuerung an die Luftqualität anpassen“, sagte Marko Babic, Leiter des Bereichs Luftqualität, bei Bosch. Die Boxen werden aber auch in Großstädten wie Paris und Marseille erprobt.

Kampf gegen die schlechte Luftqualität

Ludwigsburg ist eine derjenigen Städte, welche die Deutsche Umwelthilfe wegen zu hoher Stickstoffdioxid-Werte aufs Korn genommen hat. Seit die deutschen Städte wegen Problemen mit den EU-Grenzwerten für Stickstoffdioxide über Fahrverbote nachdenken, engagieren sich immer mehr Firmen im Kampf gegen die schlechte Luftqualität. Am Stuttgarter Neckartor etwa, wo in den vergangenen Jahren immer wieder hohe Schadstoffwerte gemessen wurden, waren zahlreiche Firmen engagiert - neben Bosch auch Unternehmen wie die Dekra oder der Filterexperte Mann+Hummel.

Im Kampf gegen Feinstaub hat die Dekra 2017 einen Versuch am Stuttgarter Neckartor mit Reinigungsmaschinen gestartet. Ziel war es, während der Feinstaubsaison im Winter nachts Partikel aufzusammeln, die ansonsten von vorbeifahrenden Autos wieder aufgewirbelt werden. Der Versuch wurde im vergangenen Winter bereits fortgeführt. Der österreichische Baukonzern Strabag hat einen Hightech-Asphalt entwickelt, der Stickstoffdioxide aus der Luft abbauen soll. Die Deckschicht des Straßenbelags enthält Titandioxid, das Stickoxide in unschädliche Stoffe umwandelt. Das Projekt wird wissenschaftlich begleitet. Nach Stuttgart soll der Belag auch in Stockach im Bodensee und in Potsdam eingesetzt werden.

Der Autozulieferer Mann+Hummel hat ebenfalls am Stuttgarter Neckartor Filtersäulen aufgestellt. Sie sollten zunächst den Feinstaub aus der Luft abfangen und wurden nun nachgerüstet, damit sie auch Stickstoffdioxide filtern.

Noch sind die Summen überschaubar

Der Chef der Deutschen Umwelthilfe, Jürgen Resch, der die Diskussion um saubere Luft in deutschen Städten maßgeblich mit ins Rollen gebracht hat, hält von solchen Aktionen wenig. „Der einzig wirklich sinnvolle Ansatz ist es, die Fahrzeuge sauberer zu machen“, sagt er. Die Konzepte zur nachträglichen Reinigung der Luft oder zur Verkehrssteuerung lösten die Probleme nicht dauerhaft.

Bislang dienen die Projekte den Firmen meist selbst zur Forschung oder zur Erprobung der eigenen Technik. Doch bei Strabag heißt es auch: „In jedem Fall ergeben sich aus den globalen Klimaproblemen auch wachsende Marktchancen.“ Auch Mann+Hummel hofft auf einen wachsenden Geschäftsbereich: „Wir rechnen mit einer deutlichen Steigerung in den nächsten Jahren“, so ein Sprecher.

Doch noch sind die Summen überschaubar: Bosch rechnet für sein Immissions-Messsystem pro Stadt mit einem Umsatz im einstelligen Millionen-Euro-Bereich. Das Geld soll dabei nicht nur von Kommunen, sondern auch von möglichen Partnern stammen, die die Geschäftsmodelle auf Basis der Daten entwickeln. „Das Projekt soll noch in diesem Jahr Umsatz bringen“, sagt Babic. Der Konzern sei in der Kommerzialisierung und führe erste Gespräche mit Städten - etwa mit London - und werde sich dieses Jahr auch auf eine Ausschreibung in Kopenhagen bewerben. „Vom kommenden Jahr an wollen wir uns zu einer profitablen Geschäftseinheit entwickeln.“

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