Bund zeichnet Dörfer aus Zukunft mit Buddha, Bier und Bollenhut

Von Eberhard Wein 

Das kleine Ulm hat beim Bundesentscheid „Unser Dorf hat Zukunft“ das Land Baden-Württemberg vertreten – mit Erfolg?

Der Blick geht von den Ausläufern des Schwarzwalds über Ulm hinweg bis nach Frankreich.Foto:  

Ulm - Die Melodie klingt schunkeltauglich. „In Ulm im Schwarzwald ist unsere Heimat, da sind wir zu Haus“, tönt es an diesem Mittwochmorgen aus den Boxen in der Ulmer Ullenburghalle. Und um jeden Zweifel zu zerstreuen, hat sich Sängerin Sandra Stettner einen Bollenhut aufgesetzt. Das Ulm, um das es hier geht, gehört zur Stadt Renchen im Ortenaukreis und liegt nicht einmal 200 Meter hoch. Der Schwarzwald erhebt sich eher „um Ulm herum“, muss man wohl sagen. Als die örtliche Familienbrauerei vor drei Jahren ein Bier namens „Schwarzwaldmarie“ herausbrachte, kam es prompt zum Streit mit einem Konkurrenten, der bis zum Bundesgerichtshof führte. Doch die Ulmer waren erfolgreich. Und der etwas angegrauten Reisegruppe, die gerade aus dem Bus gestiegen ist und jetzt in der Ullenburghalle sitzt, ist es sowieso egal. „Sie leben hier in einem richtigen Herrgottswinkel“, sagt Reinhard Kubat anerkennend. Und als er später vom Aussichtspunkt Kußeich hinunter auf den Ort und weiter bis zum Straßburger Münster blickt, wiederholt er es noch einmal: „Diese Lage ist gesegnet.“

Eine Klassenfahrt durch Deutschlands Provinz

Kubat ist so etwas wie der Chef der 24-köpfigen Reisegruppe. Der SPD-Politiker und Landrat des Kreises Waldeck-Frankenberg in Hessen leitet die Bewertungskommission des Bundeswettbewerbs „Unser Dorf hat Zukunft“. Drei Wochen hat die Klassenfahrt quer durch Deutschlands Provinz gedauert. Die Kommission, der Landschaftsarchitekten, Vertreter des Landwirtschaftsministeriums und Mitglieder des Landfrauenbundes angehören, fuhr durch das Kohlerevier des Ruhrgebiets, gastierte in Backemoor in Ostfriesland, schaute sich im „Storchendorf Dissen“ im sorbischen Brandenburg um und erwanderte Niederwinkling im Bayerischen Wald – 30 Sieger auf Landes- oder zumindest Bezirksebene.

Jetzt sind die Kommissionsmitglieder also endlich in Ulm, und Ulms Ortsvorsteher Roland Boldt muss sich beeilen. Drei Stunden hat der 53-jährige IT-Spezialist Zeit, um die Vorzüge seines Ortes anzupreisen. Dann muss die Truppe schon wieder weiter. Am Nachmittag steht zum Abschluss noch die Visite in Rumbach in der Pfalz auf dem Programm. Das sei gewiss anstrengend, sagt Kubats Stellvertreter Elmar Henke, Bürgermeister im fränkischen Sommerach. Aber es sei auch schön und ermutigend: „Wir bekommen hier keine Probleme, sondern lauter Lösungen präsentiert.“

Gemeinschaft und Ehrenamt wird großgeschrieben

Doch jetzt hat Boldt ein Problem: Was soll man zeigen, wo doch Ulm – 2082 Einwohner, 950 Arbeitsplätze, erste urkundliche Erwähnung vor 949 Jahren – „1000 schöne Seiten hat“, wie es im Lied heißt? Bei der Vorbereitung habe ihm fast das Herz geblutet, als ihm klar wurde, was er alles unerwähnt lassen müsse. Mehr als 100 Projekte seien am Laufen. Doch lamentieren hilft nichts. Es geht auf Tour: zu den neuen Wohnmobilstellplätzen an der alten Obstsammelstelle, zum gerade umgestalteten Dorfplatz, auf dem an diesem Tag eine Hähnchenbraterei vorgefahren ist, und weiter zum Pfarrmättle, einem paradiesisch wirkenden Kräutergarten, der in ehrenamtlicher Arbeit gepflegt wird. Gemeinschaft und Ehrenamt seien für die Ulmer wichtig, sagt Boldt. Bei der Sanierung des Sportlerheims arbeiteten alle Vereine zusammen, auch der Bau des riesigen Abenteuerspielplatzes gelang mit viel Eigenleistung, ebenso die Bepflanzung des Kreisverkehrs mit 3000 Stauden und 400 Blumenzwiebeln.

Weiter geht es vorbei an Kirschbäumen – einer ziert auch das Wappen – durch Weinberge und entlang bunter Wiesen. Selbst im Neubaugebiet wachsen Wildblumen in den Gärten. Durch einen umfassenden Biotopschutz sei es gelungen, Lebensräume für Eisvogel, Wiedehopf, Steinkauz und Ameisenbläuling zu sichern, erzählt Boldt.

Viel Aufgeschlossenheit gegenüber dem buddhistischen Zentrum

Dann hält der Tross an einer ehemaligen Ausflugsgaststätte. Früher gingen die Leute hier kegeln, heute umwandeln sie eine so genannte Stupa, ein mit Blattgold überzogenes buddhistisches Heiligtum. Bis zu 1500 Menschen kämen jährlich auf ihrer Suche nach den vier edlen Wahrheiten nach Ulm. „Wenn ein buddhistisches Zentrum in einen solchen Ort kommt, ist das ja so eine Sache“, sagt die Leiterin der Einrichtung, Sabine Teuber. Aber dann habe sie sehr viel Aufgeschlossenheit erlebt. Die Ansiedlung des buddhistischen Zentrums sei „ein Glücksfall für den Ort“ gewesen, sagt der Ortsvorsteher.

Es ist also nicht nur eine Weltreligion, die die Ulmer auf ihrer Seite wissen. „Der Herrgott hat es gut mit uns gemeint“, heißt es im Lied. Da ist es nicht so schlimm, wenn die Jury am Tag darauf bei der Preisverleihung ein wenig knickrig ist. Die Goldmedaillen gehen nach Rheinland-Pfalz, Thüringen, Niedersachsen, Brandenburg, Bayern und Nordrhein-Westfalen. Für den baden-württembergischen Landessieger bleibt Bronze und immerhin der Sonderpreis in der Kategorie Arten- und Biotopschutz. Für Boldt steht aber außer Frage: „Wir haben allein durch die Teilnahme gewonnen.“

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