Das hilft gegen Hitze „Nicht kalt duschen!“

Von Frederik Jötten 

Lauwarme Getränke und salziges Essen sind bei großer Hitze wichtig, sagt Klimaärztin Angela Schuh. Was sonst noch hilft, sagt sie im Interview.

Bei großer Hitze sehnen sich viele nach einer kalten Dusche. Ob das aber die richtige Lösung ist?Foto: dpa
- Frau Schuh, wie wirkt sich Hitze auf den Körper aus?
Sie wirkt sich vor allem auf das Herz-Kreislauf-System negativ aus – der Blutdruck sackt durch die Hitze ab, weil die Gefäße sich weiten. Er fällt noch zusätzlich ab, weil man durch Schwitzen Flüssigkeit verliert. Dadurch kann es Menschen schwindlig werden. Besonders gefährdet sind Säuglinge, alte Menschen – und Patienten, die Blutdruckmedikamente nehmen, weil diese den Blutdruck ohnehin absenken.
Warum wird es uns überhaupt zu heiß bei Außentemperauren, die unter unserer Körpertemperatur liegen?
Der Körper hält die Temperatur in seinem Inneren konstant. In den Organen und dem Gehirn liegt sie bei 37 Grad. Nach oben gibt es keinen großen Spielraum, denn bei 42 Grad gerinnt das Eiweiß – dann stirbt der Mensch. Es wird ständig Wärme produziert, die muss der Körper nach außen transportieren, um nicht zu überhitzen. Das macht er, indem er die Gefäße weitet. Dadurch fließt das Blut vom Körperkern verstärkt in die Haut.
Deshalb erröten wir, wenn es uns heiß ist?
Ja – und jetzt treten die Schweißdrüsen in Aktion. Sie geben an der Hautoberfläche Schweiß ab, der dort verdunstet. Dabei wird die Verdunstungskühle frei. Das kühlt das Blut in der Haut, und es fließt mit geringerer Temperatur in den Körperkern zurück. Wenn allerdings die Luft sehr feucht ist, d. h. gesättigt ist, dann kann der Schweiß nicht verdunsten, dann bleibt dieser Effekt der Kühlung aus. Das belastet den Körper sehr.
Es heißt, man soll salzig essen und trinken bei großer Hitze – dabei heißt es doch sonst, wir würden ohnehin zu viel Salz zu uns nehmen, reicht das nicht?
Bei Hitze ist es sinnvoll, etwa salzige Suppe oder Salzstangen zu essen, um den Salzverlust auszugleichen.
Man findet hört oft den Ratschlag, bei Hitze solle man heiße Getränke trinken, weil man dann angeblich weniger schwitzen würde – stimmt das?
Das ist Unsinn. Heiße Getränke sollte man bei hohen Temperaturen auf keinen Fall zu sich nehmen, weil der Körper dann noch eher überhitzt.
Welche Temperatur sollten Getränke bei Hitze haben?
Wichtig ist, dass man keine heißen, aber auch keine eiskalten Flüssigkeiten trinkt, denn auf die zugeführte Kälte reagiert der Körper mit einer Verengung der Blutgefäße. Das Blut bleibt verstärkt im Körperkern, der Körper heizt sich von innen wieder auf. Ich empfehle, bei Hitze lauwarme Getränke um die 30 Grad zu trinken.
Wasser direkt aus der Leitung wäre also zu kalt?
Bei uns hat das Leitungswasser circa 14 Grad. Das sollte man bei Hitze besser ein bisschen stehen lassen, damit es sich ein ­wenig aufwärmt.
Aber die kalte Dusche ist zumindest eine gute Idee?
Nein, man sollte nicht eiskalt duschen, weil das dazu führt, dass die Gefäße sich zunächst zusammenziehen, um die Wärme im Körperinneren zu halten. Danach steigert sich die Durchblutung der Haut, wir werden rot, weil der Körper im Laufe der Evolution gelernt hat, dass sonst bei großer Kälte Arme und Füße erfrieren können. Also besser auch hier: lauwarmes Wasser, damit der Körper sich leicht abkühlt, ohne Gegenreaktionen zu entwickeln. Was auch hilft, ist ein absteigendes Bad.
Wie funktioniert das?
Man legt sich in die Badewanne, lässt lauwarmes Wasser einlaufen, so dass es einem weder warm noch kalt ist darin. Dann lässt man langsam kaltes Wasser nachlaufen – so lange, bis es anfängt, unangenehm kühl zu werden. Dann steigt man sofort aus der Wanne. Auf diese Weise kann man dem Körper langsam Wärme entziehen, ohne dass er gegenreguliert und man dann wieder zu schwitzen anfängt.
Schnellere und einfachere Abkühlung verspricht eine Klimaanlage.
Wenn es wirklich extrem heißt ist, also über 30 Grad, dann ist es sinnvoll, sich in klimatisierten Räumen aufzuhalten. Man sollte aber nicht ständig zwischen klimatisierten und nichtklimatisierten Räumen wechseln, besonders, wenn man Vorerkrankungen hat.
Auf welche Temperatur sollte man eine Klimaanlage bei großer Hitze einstellen?
Es sollte ein modernes Modell sein, das keinen großen Luftzug produziert. Die Klimaanlage sollte nicht zu kalt eingestellt sein, so wie es in Amerika oder in Asien häufig der Fall ist – man sollte nicht auf unter 20 Grad runterkühlen. Auch im Auto sollte man darauf achten, dass die Temperatur nicht zu niedrig eingestellt ist. Ich stelle meine Klimaanlage daher auf 21 bis 22 Grad ein.
Viele Leute klagen über Erkältungen durch Klimaanlagen.
Im Sommer sind viele Menschen erkältet – weil sie permanent in einem leichten Durchzug sitzen. Die Kälterezeptoren auf der Haut reagieren nicht auf eine sogenannte laminare Strömung, die entsteht, wenn beispielsweise durch schräg gestellte oder geöffnete Türen oder eben eine Klimaanlage ein leichter Luftzug entsteht. Sie gewöhnen sich daran, das heißt, der Körper leitet keine Abwehrmaßnahmen ein. Er kühlt an den Stellen aus, an denen die Luft auftrifft. Wenn das zum Beispiel der Hals ist, kann man eine Erkältung bekommen.
Wie sind Ventilatoren zu bewerten?
Wenn Ventilatoren richtig wirbeln, ist es nicht gefährlich. Nur kann man das in Regel nicht ertragen – und bei einem sachten Luftzug muss man sehr aufpassen.
Aber bei extremer Hitze ist ein Luftzug doch ein Segen?
Durchzug ist gut, morgens und abends, um die Räume abzukühlen, aber ich verlasse die Räume, wenn ich auf diese Art durchlüfte. Es gibt abgehärtete Menschen, denen der Durchzug nichts macht, aber dem Gros schon. Man muss dann damit rechnen, dass man sich erkältet. Ich setze mich weder in einen Luftzug noch unter einen Ventilator.
Was machen Sie stattdessen?
Ich versuche eher, in kühle Räume auszuweichen. Wichtig ist, dass man sich klarmacht, dass es Unsinn ist, bei solchen Temperaturen Sport zu treiben. Am besten ist es doch, unter einem großen Baum im Schatten zu sitzen – oder am See zu sein, auch im Schatten, solange man nicht im Wasser ist.
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