Die Zukunft des „Bayernkurier“ Die CSU will ins Internet

Von Paul Kreiner 

Die CSU will jünger, flotter, moderner werden. Vor allem will sie dahin, wohin ihr die Jugend abgewandert ist: ins Internet. Dafür opfert die Partei ihr Politikmagazin „Bayernkurier“. Es war einst das Sprachrohr des CSU-Politikers Franz Josef Strauß.

Einstmals unzertrennlich: Die Partei und ihr ZentralorganFoto: dpa

München - Laut war er mal. Seit zwei Jahrzehnten aber stirbt er langsam einen leisen Tod, und jetzt ist – noch fürs laufende Jahr – auch die Beerdigung angekündigt: Die CSU stellt den „Bayernkurier“ ein.

Neben dem „Vorwärts!“ der SPD war der seit 1950 erscheinende „Bayernkurier“ aus München lange Zeit das bekannteste Parteiorgan in Deutschland. Der „Vorwärts!“ mochte der Auflagen nach zwar viermal so groß sein; nach außen aber, für die Bundespolitik, war das Wochenblatt aus München nicht weniger einflussreich. Besonders galt das in den annähernd drei Jahrzehnten, als der Chefredakteur, Herausgeber und Parteichef Franz Josef Strauß hieß. Er, der sich immer als Bundespolitiker fühlte (auch nachdem er 1962 infolge der „Spiegel“-Affäre das Verteidigungsministerium hatte räumen müssen), machte aus der nahezu unbekannten bayerischen Partei-Postille eine „Deutsche Wochenzeitung für Politik, Wirtschaft und Kultur.“ Und vor allem, seit man aus München wettern und donnern konnte gegen die links-liberale Koalition in Bonn, stieg die Auflage Woche für Woche bis auf fast 200 000 Exemplare im Jahr 1979.

Einstmals „Bayern-Prawda“

Das Wettern und Donnern, das beherrschte FJS ja perfekt. Das Bierzelt war seine Bühne, der „Bayernkurier“ sein Sprachrohr. In dem Sudetendeutschen Wilfried Scharnagl fand Strauß 1977 auch einen kongenialen Chefredakteur: „Er schreibt, was ich denke, und ich denke, was er schreibt.“ Also bediente der „Bayernkurier“ recht deftig alle Stammtische – mit Slogans gegen linke „Gammler“ oder „Radikalinskis“, mit zwei- oder eindeutigen Anspielungen auf Willy Brandts Privatleben („Bocksprünge“), mit Attacken auf das progressive Künstlertum als „Brutstätten des Verfalls.“ Seine Gegner wiederum schmähte das CSU-Organ als „Bayern-Prawda“.

Am 3. Oktober 1988 starb Franz Josef Strauß, und seither geht’s mit dem „Bayernkurier“ nur noch bergab. „Das Milieu“ dahoam bezog seine Informationen zunehmend lieber aus anderen, aus unabhängigen Medien; zu den Nach-Strauß-Führungskämpfen in der CSU erfuhr man aus dem in Darstellungsnöte geratenen Parteiblatt ja sowieso nix G’scheits. Zur „Amigo-Affäre“, die den unmittelbaren Strauß-Nachfolger Max Streibl 1993 das Amt und die CSU viel Renommee kostete, lieferte der „Bayernkurier“ gleich gar nichts.

Neue Partei, neue Medien

2015 dann, als der „Bayernkurier“ nur mehr ein Schatten seiner selbst war, hübschte Horst Seehofer das Blatt auf. Statt einer wöchentlichen Zeitung erscheint seither jeden Monat ein attraktives, buntes Hochglanzheft als „Magazin für politische Orientierung“. Die Parteilinie, klar, die bleibt; aber knallharte Indoktrinierung versucht man erst gar nicht mehr. Für die Leserzahlen hat auch dieser Umbau nicht viel gebracht. Von nur mehr 5000 Abos ist die Rede und – na gut – von noch 30 000 Beziehern des E-Papers. Vor allem aber ist der „Bayernkurier“ der Partei zu teuer geworden: ein millionenschweres Zuschussgeschäft.

Und derzeit wird ja die ganze CSU umgebaut. Jünger will man werden – weil der Partei gerade die Jungen abhanden gekommen (und zu den Grünen gewechselt) sind. Als „Bewegung“ will man sich neu und flotter definieren. Die bisher aus München zentral gelenkte Organisation soll sich zur „Mitmach-Partei“ wandeln – weil die CSU-Führung mittlerweile einräumt, dass die mündig und mutig gewordene Basis „viel fortschrittlicher unterwegs“ sei als man selbst.

Die Medien der CSU sollen diese Erneuerung mittragen. Laut Generalsekretär Markus Blume strebt die CSU „dorthin, wo die Jugend ist“: ins Internet. Die alte Strauß’sche Lufthoheit, die wolle man nun auch über den „digitalen Stammtischen“ (zurück-)gewinnen. Mit der Einrichtung einer „digitalen Denkfabrik“ hat die bayerische Partei eine solche Wende bereits ein Jahr vor dem Tornado des„Rezo“-Videos eingeleitet; da war man in Bayern schneller und beweglicher als bei der großen Schwester CDU.

Gegen die „digitale Faulheit“

Über die Internet-Medien will die CSU auch ihre bisherige Einbahn-Kommunikation durch „lebendige Mitsprache“ der Basis ablösen. Wie weit das gehen soll, muss sich erst zeigen: bei der Kandidatenaufstellung für die nächsten Wahlen beispielsweise. Die Kür könnte transparenter, jünger, weiblicher ausfallen – so die Idealperspektive aus München gegen das Platzhirschdenken vor Ort. Und Parteichef Markus Söder rüttelt seine Leute auf, ihre „digitale Faulheit“ zu überwinden. Würde sich die CSU in den „sozialen“ Medien den Diskussionen mit Radikalen und Rechtsextremen stellen, „dann wären Schlachten in einer Schwarm-Intelligenz schnell gewonnen. Wer das digitale Spielfeld nicht betritt, der hat das Spiel schon verloren.“

Verloren hat auf jeden Fall das Papier. Irgendwelche analogen Formate, sagt CSU-Generalsekretär Markus Blume, werde es schon noch geben. Aber sie dürften keine Ressourcen von der digitalen Neuausrichtung der Parteikommunikation abziehen: „Wir müssen hier wirklich den Schalter umlegen.“ Knacks. Strom aus für den „Bayernkurier.“

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