Eintagsküken Haben die Richter ein Herz für Küken?

Von Werner Ludwig 

Die Tötung männlicher Eintagsküken bringt nicht nur Tierschützer in Rage. Das Bundesverwaltungsgericht will am Donnerstag darüber urteilen.

Das millionenfache Töten männlicher Küken in der Legehennenzucht soll beendet werden.Foto: dpa

Stuttgart/Leipzig - Jedes Jahr werden in Deutschland 45 Millionen männliche Küken getötet, weil es sich nicht lohnt, sie zu mästen. Nun entscheidet das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig, ob diese Praxis mit dem Tierschutzgesetz vereinbar ist. Wir beantworten die wichtigsten Fragen dazu.

Warum werden massenhaft männliche Küken getötet?

Eier und Hühnerfleisch werden in spezialisierten Betrieben produziert. Deshalb gibt es Hühnerrassen, die entweder auf hohe Legeleistung gezüchtet wurden oder auf hohen Fleischzuwachs. Beide Zuchtziele lassen sich schwer unter einen Hut bringen. Legehennen legen mehr als 300 Eier im Jahr, doch die männlichen Tiere solcher Rassen eignen sich schlecht für die Mast. Sie nehmen nur langsam zu. Zudem benötigen sie zweieinhalb Mal soviel Futter, um die gleiche Menge Fleisch anzusetzen wie ein speziell dafür gezüchtetes Masthuhn. Aus den befruchteten Eiern von Zuchttieren schlüpfen aber gleich viel junge Hennen und junge Hähne. Letztere sind praktisch unverkäuflich. Sie werden nach dem Schlüpfen aussortiert und getötet. Die Formulierung „Küken schreddern“ ist allerdings irreführend. Schreddern ist seit Jahren verboten. Meist werden die Tiere durch CO2-Begasung getötet.

Was plant die Bundesregierung?

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) hat zuletzt Mitte Mai ein Verbot des Kükentötens im kommenden Jahr in Aussicht gestellt. Ihr Ministerium hat nach eigenen Angaben bislang rund 6,5 Millionen Euro ausgegeben, um die Entwicklung von Methoden zur Bestimmung des Kükengeschlechts im Ei zu unterstützen. Klöckners Vorgänger Christian Schmidt (CSU) hatte schon 2015 das Ziel ausgegeben, die Tötung männlicher Küken bis 2017 zu beenden, blieb aber am Ende erfolglos.

Wie ist die Rechtslage?

Das Land Nordrhein-Westfalen wollte den dortigen Brütereien 2013 das massenhafte Kükentöten per Erlass verbieten. Zwei Betriebe klagten dagegen und setzen sich 2016 vor dem Oberverwaltungsgericht (OVG) in Münster durch. Das Tierschutzgesetz legt fest, dass ein Tier nur aus einem „vernünftigen“ Grund getötet werden darf. Ein solcher Grund könnte etwa das Fehlen einer Alternative zum Kükentöten sein, die sich nicht negativ auf die Versorgung der Verbraucher mit Eiern und Geflügelfleisch auswirkt. Das OVG verwies auch auf wirtschaftliche Interessen der Brütereien. Klarheit soll ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts bringen, das an diesem Donnerstag fallen soll.

Welche Alternativen zum Kükentöten gibt es?

Schon länger suchen Forscher nach Wegen, um bereits an befruchteten Hühnereiern festzustellen, ob sich darin ein männlicher oder weiblicher Embryo befindet. Dann könnten „männliche“ Eier schon vor dem Schlüpfen aussortiert und als Futter verwendet werden. Am aussichtsreichsten sind derzeit zwei Methoden. Beim endokrinologischen Verfahren wird mit einem Laser ein winziges Loch in die Eierschale gebrannt, um etwas Flüssigkeit zu entnehmen. Das passiert in der Regel neun Tage nach der Befruchtung. Anhand der Hormonzusammensetzung lässt sich das Geschlecht bestimmen. Die zweite Methode, das spektroskopische Verfahren, funktioniert bereits vier Tage nach der Befruchtung. Dabei wird das Ei mit Licht einer bestimmten Wellenlänge bestrahlt. Anhand der Zusammensetzung des reflektierten Lichts lässt sich das Geschlecht bestimmten. Bislang muss dazu ein etwa zehn Millimeter großes Loch in das Ei gefräst und wieder verschlossen werden. Forscher der TU Dresden und der Universität Leipzig wollen die Methode aber so weiterentwickeln, dass die Schale heil bleiben kann. Andere Wissenschaftler arbeiten an einer dritten Methode: der Geschlechtsbestimmung mit der aus der Humanmedizin bekannten Magnetresonanztomographie.

Welche Methode wird sich durchsetzen?

Am weitesten entwickelt sei die endokrinologische Methode, sagt Michael Grashorn. Der Professor für Kleintierzucht an der Universität Hohenheim geht davon aus, dass dieses Verfahren als erstes den Weg in die Praxis finden wird. „Die Politik will endlich Erfolge sehen und wird deshalb auf die Methode setzen, die zuerst die Marktreife erreicht.“ Der Hormontest hat aber einen Nachteil: Am neunten Tag der 21 Tage währenden Brutzeit sind die Embryonen bereits relativ weit entwickelt. Aus Sicht des Tierschutzes sei das spektroskopische Verfahren besser, so Grashorn: „Am vierten Tag ist der Keim noch ziemlich klein und kaum differenziert.“ Allerdings dauere es hier bis zur Praxisreife noch ein bis drei Jahre. Für alle Methoden der Geschlechtsbestimmung im Ei gilt aber, dass noch keine Erfahrungen zum großflächigen Einsatz in der Praxis vorliegen.

Was bringen sogenannte Bruderhahn-Projekte?

Eine andere Möglichkeit, Eintagsküken den frühen Tod zu ersparen, sind sogenannte Bruderhahn-Projekte. Dabei werden männliche Küken von Legerassen trotz ihrer schlechten Zunahme gemästet. Die entstehenden Mehrkosten werden auf den Eierpreis umgelegt, der dadurch um etwa drei bis vier Cent steigt. „Wir müssen den Verbrauchern klarmachen, dass Eier und Fleisch zusammengehören“, heißt es bei der Bruderhahn-Initiative, die auch die Selektion der Eier nach Geschlecht ablehnt. Schließlich wisse niemand, ob nicht auch der Embryo schon Schmerzen spürt, sagt eine Sprecherin. Allerdings decken solche Projekte nur eine kleine Marktnische ab. Die Bruderhahn-Förderer, die vor allem aus der Bio-Landwirtschaft kommen, halten spezialisierte Lege- und Fleischrassen generell für einen Irrweg. Sie plädieren für das sogenannte Zweitnutzungshuhn. Der Hohenheimer Experte Grashorn glaubt allerdings nicht, dass es sich in der Breite durchsetzen kann. Der Trend gehe zur Geschlechtsbestimmung im Ei, die zudem nicht die Welt koste – nämlich nur rund einen Cent pro verkauftem Ei. Wie schnell die Methode als neuer Standard eingeführt wird, hängt auch vom Urteil des Bundesverwaltungsgerichts ab.

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