Fake News im Netz Warum verdrehte Fakten gefährlich sind

Von Christian Wolf 

Neuere Forschungen zeigen: Fake News sind zwar wohl weniger verbreitet als vielfach angenommen wird. Schaden in der Gesellschaft können sie dennoch anrichten, wie Psychologen sagen.

Diese Falschmeldung wurde in den sozialen Medien vielfach geteilt und gilt als ein Paradebeispiel für Fake News.Foto: Screenshot Facebook

Stuttgart - Im vergangenen Jahr kursierte die Meldung „Jeder Flüchtling bekommt 700 Euro Weihnachtsgeld“ im Internet. Die Bundesregierung dementierte. Falschmeldungen wie diese lösen seit Jahren hitzige Debatten in den Medien aus und verunsichern die Gesellschaft. Doch wie stark ist der Einfluss von Fake-News wirklich? Das nahmen Forscher in den letzten Jahren genauer unter die Lupe. Am besten untersucht sind Wahlkampfzeiten, in denen Politiker um jede Stimme kämpfen. Und die meisten Studien stammen aus den USA.

Wie stark kommen Menschen mit Fake-News in Berührung?

Ökonomen von der Universität Stanford zählten im Rahmen des US-Präsidentschaftswahlkampfs 2016 115 gefälschte Geschichten pro Donald Trump, die insgesamt 30 Millionen Mal auf Facebook geteilt wurden; und 41 Fälschungen pro Hillary Clinton, die 7,6 Millionen Mal geteilt wurden. Das klingt nach einer starken Verbreitung. Doch einer Schätzung der Forscher zufolge hatte der durchschnittliche Wähler im Wahlkampf 2016 nur eine einzige Falschmeldung gesehen. Wie andere US-Studien zeigen, gibt es zwar einen kleinen harten Kern von Personen, die sehr regelmäßig Kontakt mit Falschmeldungen haben. Etwa indem sie Webseiten aufsuchen, die gezielt Fake-News verbreiten wie donaldtrumpnews.co. Doch es gibt eine große Mehrheit, die gar nicht mit Fake-News konfrontiert wird.

Wie sieht die Situation in Deutschland aus?

„Für Deutschland liegen die Werte für den Kontakt mit Fake- News wahrscheinlich noch niedriger als in den USA“, sagt der Kommunikationswissenschaftler Philipp Müller von der Uni Mannheim. Das legt etwa eine Studie von Forschern der Oxford University nahe. Sie hatten das Twitter-Gezwitschere anlässlich der Bundestagswahl 2017 unter die Lupe genommen – insgesamt 985 000 Tweets. Deutsche Social-Media-Nutzer teilten mit 11,5 Prozent einen geringeren Anteil an Fake-News-Inhalten als Nutzer, die aktiv über die US-Präsidentschaftswahl 2016 in Michigan diskutiert hatten.

Welche Wirkung haben Fake-News?

Die Verbreitung von Fake-News mag also kleiner sein als häufig angenommen. Zudem genießen soziale Medien als Quelle für Nachrichten im Allgemeinen keine so große Glaubwürdigkeit wie traditionelle Medien. Dennoch können gezielte Falschmeldungen auf sozialen Medien einiges in den Köpfen der Menschen anrichten, denn für falsche Informationen ist der menschliche Geist überaus anfällig. Gibt man etwa Versuchspersonen falsche Aussagen zu lesen wie etwa „St. Petersburg ist die Hauptstadt von Russland“, dann fällt es ihnen sehr schwer, sich an ihr eigentliches Wissen zu erinnern statt an die falsche Information. Zudem konsumieren User viele Nachrichten im Feed von sozialen Netzwerken quasi nur im Vorbeigehen – mit geringer Reflexion und eher unbewusst.

Und da liege laut Philipp Müller eine Gefahr: „Denn fehlende Reflexion erhöht erheblich das Risiko, Falschinformationen für glaubwürdig zu halten, selbst wenn man bei genauerem Nachdenken die Quelle eigentlich für wenig seriös halten würde.“ Fake-News haben nach dem derzeitigen Stand eine Wirkung, aber eine sehr begrenzte. Begrenzt ist die Wirkung deshalb, weil eben nicht klar ist, ob die Bürger überhaupt so viele Falschnachrichten zu sehen bekommen.

Welche Rolle spielen Filterblasen?

Im Zusammenhang mit Fake-News wird viel über die Gefahr von Filterblasen diskutiert. Schließlich bekommen Menschen von Algorithmen der sozialen Netzwerke wie Facebook nur noch das vorgesetzt, was bereits in ihr persönliches Weltbild passe. Zwar ist diese Idee in den Medien äußerst beliebt. Für Wissenschaftler ist die Existenz und Bedeutung von Filterblasen derzeit eher unklar, so Lena Frischlich, Psychologin und Kommunikationswissenschaftlerin an der Uni Münster „Wir wissen, dass selbst Menschen, die etwa auf Facebook populistische Bewegungen unterstützen, durchaus noch etablierte Medien konsumieren.“

Sie kommen also durchaus noch mit seriösen Informationen in Kontakt. Allerdings ist wissenschaftlich gut belegt, dass Menschen dazu neigen, Informationen eher zu glauben, die ihr bereits vorhandenes Weltbild stützen. Im Falle von Fake-News könnte das bedeuten, dass ein Mensch, der Migration kritisch sieht, einer unwahren Nachricht über Gewalttaten von Migranten leichter Glauben schenkt.

Was sind die Folgen von Fake-News für die Gesellschaft?

Perfiderweise können nicht nur Fake- News selbst, sondern schon alleine die Diskussionen über sie gesellschaftlichen Schaden anrichten. Denn die Menschen verlieren ein Stück weit Vertrauen in Informationen. Zwar ist kritisches Denken in der Bevölkerung grundsätzlich ein wichtiges Element für das Funktionieren der Demokratie. Und die Bürger fordern zu Recht immer mehr eine gewisse Transparenz, wie die Angaben aus Politik, Medien und Wissenschaft zustande kommen.

Problematisch wird es aber, wenn Menschen ganz allgemein jeder Äußerung von politischen Institutionen oder Massenmedien misstrauen, ohne diese überhaupt noch inhaltlich zu bewerten. „In einer Demokratie sind wir als Bürger immer auch darauf angewiesen, dass wir bestimmten Experten wie etwa Ärzten vertrauen“, sagt Lena Frischlich. Nicht jeder könne schließlich Medizin studieren. „Am Beispiel der Impfskepsis sieht man, wie gefährlich es sein kann, wenn man komplett das Vertrauen in Experten verliert.“

Wie entstehen manche Fake-News?

Die Falschmeldung zum vermeintlichen Weihnachtsgeld für Flüchtlinge stammt von der Webseite Nachrichten.de.com. Wer sich die Seite genauer ansieht, erkennt schnell, dass hier keine seriösen Meldungen zu erwarten sind. So findet sich nur kurz unterhalb des Meldungstextes ein Knopf mit der Aufschrift: „Erstelle deinen Witz“. Die Webseite verbreitet immer wieder Falschmeldungen: 2017 einen vermeintlichen Gefängnisausbruch eines Massenmörders in Kaiserslautern. Viele riefen daraufhin bei der Polizei an. Die enttarnte die Meldung als Blödsinn: In Kaiserslautern gibt es nicht mal ein Gefängnis. Der Betreiber der Seite versucht, seine Identität zu verschleiern: Als Domain-Inhaber ist eine „Privacy Corp.“ eingetragen, die ihr Geld damit verdient, Webseitenbetreiber anonym zu halten.

Wie erkennt man Falschmeldungen?

Bevor man ein Posting teilt, sollte man sich das Profil des Absenders genau ansehen. Wie lange gibt es den Account bereits und welche Tweets/Posts wurden dort bislang abgesetzt? Wenige Follower und sehr neue Profile geben Anlass zur Skepsis. Auch die bisher veröffentlichten Beiträge sollten geprüft werden. Es ist ratsam, sich Fotos im Netz genau anzusehen. Wurde das Foto tatsächlich an dem angegebenen Ort aufgenommen? Werbetafeln, Verkehrsschilder und Autokennzeichen geben Hinweise auf den Ort. Mit der umgekehrten Bildersuche lassen sich viele gefälschte Inhalte und im falschen Zusammenhang geteilte Inhalte entlarven. Diese führt man durch die Eingabe der Bild-URL oder durch rechten Mausklick auf das Foto (im Dialogfenster Option „In Google nach diesem Bild suchen“ auswählen) durch. Liegen mehrere Kopien eines Videos vor, kann der YouTube-Dataviewer von Amnesty International beim Finden der Originalversion helfen. Er zeigt nicht nur die konkrete Upload-Uhrzeit an, sondern extrahiert gleichzeitig die Vorschaubilder des Clips.

Artikel teilen