Flüchtlingshelferin Efi Latsoudi über Camp Moria „Menschen sterben, aber nichts ändert sich“

Von Cornelius Oettle 

Das Flüchtlingslager Moria auf der Insel Lesbos avancierte 2015 zum Symbol der Krise. Seit Juni ist es wieder heillos überfüllt, sagt Efi Latsoudi.

Efi Latsoudi ist seit 2006 in der Flüchtlingsarbeit aktiv.Foto: mauritius images / Alamy / Stefania Mizara / Le Pictorium

Stuttgart - Die auf Lesbos eingesetzte Elfi Latsoudi, Mitarbeiterin von Refugee Support Aegean und Nansen-Preisträgerin, fühlt sich erschöpft: „Wir stecken so viel Energie hier rein und können die Lage trotzdem kaum verbessern.“

Frau Latsoudi, wie lange sind Sie jetzt schon auf Lesbos?

Seit 2001. Seit 2006 arbeite ich mit Flüchtlingen, also mittlerweile doch schon recht lange.

Auf der griechischen Insel sorgt vor allem das Flüchtlingslager Moria für Schlagzeilen. Es ist eigentlich auf 3000 Personen ausgelegt, laut Medienberichten sind dort derzeit allerdings etwa 10 000 Menschen untergebracht.

Es sind sogar mehr als 10 000. Seit Juni werden es immer mehr. Manchmal kommen hier an einem Tag 500 Leute an. Normal sind 500 oder 600 Personen pro Woche. Weil sich das Wetter in den kommenden Monaten verschlechtern wird, versuchen es jetzt noch mal sehr viele. Gleichzeitig verlassen aber nicht einmal halb so viele das Camp. Letzte Woche zum Beispiel kamen 914 neue Flüchtlinge hier an, während lediglich 255 Richtung Festland weiterreisen konnten.

Wie wirkt sich das auf die Lage im Camp aus?

Die Bedingungen sind sehr schlecht und weit entfernt von humanitären Standards. Menschen leben in Zelten, teilweise schon gar nicht mehr im Camp, sondern drum herum. Die psychologische Betreuung ist nicht ausreichend, wir haben hier Vergewaltigungsopfer, Opfer von Folter und schwerkranke Menschen. Für Wasser und Lebensmittel steht man sehr lange an, von beidem gibt es zu wenig. Mitunter fällt die Elektrizität aus. Und es sind zu wenige Ärzte vor Ort. Das alles ist nicht zu akzeptieren.

Wie nehmen die Einheimischen auf Lesbos die Situation wahr?

Auf Lesbos leben 90 000 Menschen. Bei etwa 14 000 Flüchtlingen auf der Insel ist es natürlich leicht, Xenophobie und Rassismus zu befeuern. Manche richten ihre Wut auf die Flüchtlinge anstatt auf die verantwortlichen Politiker. Viele unterstützen das Camp aber, weil sie wissen, dass die Ursache für dieses Chaos das Versagen der Politik ist. Wenn man vor Ort ist und sich mit den Menschen unterhält, wenn man sieht, wie viele Kinder dort sind, die nicht zur Schule gehen können, die medizinische Versorgung brauchen und sie nicht erhalten, dann gewinnt man schnell einen anderen Blick auf die Lage.

Wie geht es Ihnen und Ihren Kollegen?

Wir haben hier erfahrene und verlässliche Helfer, die genau wissen, was sie tun. Auf die bin ich sehr stolz. Aber ich fühle mich auch erschöpft und bin frustriert. Menschen sterben, Menschen leiden, aber nichts ändert sich. Das ist inhuman. Wir stecken so viel Energie hier rein und können die Lage trotzdem kaum verbessern.

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