Frühstück mit Sara Dahme Was diese Frau so alles treibt

Von Gunther Reinhardt 

Die Kunstvermittlerin Sara Dahme fühlt sich dort am wohlsten, wo Hipster auf Rentner prallen – wie zum Beispiel im Café Schurr. Ein Treffen, bei dem es um Kunst, Autos, Stuttgart und Amerika geht.

Sara Dahme schwärmt von den Torten im Café Schurr, begnügt sich beim Frühstück dann aber doch mit einem Croissant und zwei Eiern im Glas. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Wäre Sara Dahme ein Kinofilm, wäre sie ein New-Hollywood-Roadmovie aus den 1970ern – ein Actiondrama, bei dem man nie weiß, was als Nächstes passiert, ein schnelles, aufregendes, grelles, lautes, schickes und verdammt schlaues Stück Zelluloid. Und ihr Hauptdarsteller wäre eine Auto. Nicht irgendein Auto, sondern ein schwarzer Pontiac Firebird, Jahrgang 1974. Genauso einer wie der, mit dem sie gerade beim Café Schurr in Heslach vorfährt und – wie im Kino – kurioserweise direkt vor der Haustür einen Parkplatz findet.

„Ich bin eine Rumtreiberin“

Sara Dahme ist Autonarr, zehn Jahre jünger als ihr Firebird, Halbfinnin, verbeamtete Kunstlehrerin, Stuttgarts umtriebigste Kulturvermittlerin und Stuttgarts zweitgrößter Fan der Serie „Buffy – Im Bann der Dämonen“ – und wenn in der Stadt irgendwo etwas Aufregendes passiert, kann man sich sicher sein, dort Sara Dahme zu treffen. „Ich bin eine Rumtreiberin“, sagt die Frau, die ihre Neugier und Entdeckungslust zum Beruf gemacht hat. Ständig denkt sie sich neue Formate aus, um Kunst und Kultur zum Gesprächsstoff zu machen – in der Staatsgalerie, im Kunstverein, im Literaturhaus, im Stadtmuseum, im Theater Rampe. Sie leitet Workshops, hat eine eigene Gesprächsreihe („Sara Dahme trifft . . .“), bei der im September Schorsch Kamerun zu Gast ist. Und sie legt als DJ obskure Musik zwischen House und Disco auf. Haben wir etwas vergessen? Bestimmt. Jede Menge.

Im Café Schurr herrscht ein ebenso großes Durcheinander wie in Sara Dahmes Berufsleben. Hier treffen Omas, die im Schurr schon immer ihr Kaffeekränzchen abhielten, auf Hipster, die es cool finden, dass der Shabby Chic durch jahrelanges Nichtrenovieren entstanden ist. Dahme liebt „die spezielle Kunst, die hier ausgestellt wird“ (zurzeit sind es merkwürdige Aquarienbilder), hat hier schon zweimal ihren Geburtstag gefeiert – auch wegen der Kuchenauswahl. Und sie findet es toll, dass gerade an der Theke „die coolste Stuttgarterin, die ich kenne“ steht.

„Die Stuttgarter sind so aufgeräumt“

Dabei dachten wir immer, die coolste Stuttgarterin sei Sara Dahme. Doch wahrscheinlich hat, wer erst seit 2003 hier lebt, keinen Anspruch auf den Titel. Einer so viel quirlige Urbanität ausstrahlenden Frau glaubt man nicht wirklich, dass sie ein Dorfkind ist, aufgewachsen in Blitzenreute bei Ravensburg. Erst zum Studium an der Kunstakademie ist sie in die große Stadt gezogen. „Am Anfang war’s schon schwierig: Die Stuttgarter sind so aufgeräumt“, sagt sie. Man müsse die Menschen hier schon ein bisschen besser kennenlernen, um sie ins Herz zu schließen. Inzwischen sieht sie sich aber als „Nutznießerin der Stuttgarter Beharrlichkeit“. Anders als in Städten wie Hamburg oder Berlin könne sie sich hier auf die Leute verlassen – und darauf, dass ein Gesprächspartner eine Veranstaltung nicht kurzfristig absagt, nur weil er ein besseres, cooleres Angebot woanders bekommen hat. „Es macht Spaß, hier zu arbeiten.“

Sara Dahme ist aber auch selbst ein schwäbischer Dickschädel, kann ganz schön stur sein, sich wunderbar amüsieren über den Hype, der um ein geschreddertes Bild eines Street-Art-Künstlers gemacht wird, und sich gleichzeitig ­begeistern für das Festival der Kulturen, das Produktionszentrum Tanz + Performance und die vielen kleinen Institutionen, die es letztlich sind, die Stuttgart zu einer Kulturmetropole machen. Von kultureller Bildung mit erhobenem Zeigefinger hält sie trotzdem nichts: „Das Eindeutige nervt mich“, sagt sie, „ich will Kunst nicht erklären.“ Man müsse lernen, das Unverständliche und die Meinungen anderer auszuhalten. Sie steht für einen offenen­ Kulturdialog, bei dem es kein richtig oder falsch gibt. „Ich finde es immer spannend zu erfahren, was jemand anders mit einem Kunstwerk verbindet“, sagt sie.

Ihre Neugier macht sie auch zu einer Reiselustigen. Sie würde zum Beispiel gerne mal Mexiko-Stadt erkunden – gerade weil ihr diese Stadt so fremd erscheint, weil sie als Mischung aus Moloch und Paradiesgarten keinen Anfang und kein Ende hat und damit irgendwie das Gegenteil von einer so kompakten Stadt wie Stuttgart darstellt. Angst vor solchen Abenteuern kennt Dahme nicht. Vielleicht nur, weil sie bisher immer Glück hatte, gibt sie zu. Etwa damals, als sie im L-Train nach Brooklyn eingeschlafen und nachts um drei Uhr allein an der Endstation aufgewacht ist, wo ein ziemlich gangstermäßiger Typ auf sie zukam – der sich dann aber neben sie setzte und ihr Komplimente für ihre Schuhe gemacht hat, die sie einen Tag vorher gekauft hatte.

Sie liebt die protzige Eleganz ihres Pontiac Firebird

Sowieso liebt Sara Dahme Amerika, „aber eigentlich das cineastische, nicht das reale“, sagt sie. Weil im Café Schurr ein amerikanisches Frühstück auf der Karte steht, ist sie lange unentschlossen – entscheidet sich dann doch für ein französisches mit Croissant, Marmelade, zwei Eiern im Glas, frisch gepresstem Orangensaft und – schön omamäßig – einem Kännchen Kaffee. Und Sara Dahmes Liebe zu Amerika ist eng verbunden mit ihrer Liebe zu ihrem Auto. Natürlich weiß sie, in welchen Filmen und TV-Serien ihr Firebird schon mitgespielt hat (in „The Hunter“ mit Steve McQueen zum Beispiel oder in „Stranger Things“). Sie liebt die protzige Eleganz dieses 300 PS starken Muscle Cars, das viele für „eine Zuhälterkarre“ halten, ein Auto, bei dem Männer offenbar noch im Jahr 2019 glauben, dass eine Frau da nichts am Steuer verloren hat. Wie neulich an der Tankstelle, als einer zu ihr gesagt hat: „Da hat Ihr Mann aber ein tolles Auto!“

Doch sie wäre nicht, wer sie ist, wenn sie solche Irritationen nicht kreativ ausschlachten würde. Sie arbeitet gerade an einer Mein-Auto-und-ich-Kunstedition. Und wenn Sara Dahme tatsächlich ein ­Kinofilm wäre, würde sie jetzt, während der Abspann läuft, mit röhrendem Motor in Richtung Horizont davonbrausen.

Frühstück mit . . .

In loser Folge bitten wir Zeitgenossen aus dem Stuttgarter Kulturleben in einem Café ihrer Wahl zum Gespräch über Themen und Projekte, die sie beschäftigen. Und natürlich über ihre Frühstücksgewohn-heiten: Tee oder Kaffee, Müsli oder Croissant?

Im Sommer 2019 Sommer frühstücken wir außer mit Sara Dahme etwa mit Ulrike Groos, der Direktorin des Stuttgarter Kunstmuseums, dem Schauspieler Sebastian Schäfer, dem Architektenpaar Christine und Thomas Steimle, Andreas Hykade von der Filmakademie Baden-Württemberg oder Axel Preuß, dem Chef der Schauspielbühnen in Stuttgart.

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