Fußball-WM der Frauen Warum Leonie Maier auf Abwegen ist

Von Frank Hellmann 

Vom Shootingstar zur Bankdrückerin: Die Stuttgarter Fußballerin Leonie Maier, die nach der Fußball-WM zum FC Arsenal wechselt, wurde aufgrund ihrer Spielweise mit Philipp Lahm verglichen – dann fingen auf einmal die Probleme an. Wie kam es dazu?

Leonie Maier ist nur Reservistin – die Stuttgarterin verhält sich aber tadellos. Foto: Getty Images

Stuttgart - Es gehört zu den vorgeschriebenen Pflichten eines jeden Teilnehmers dieser Frauen-Weltmeisterschaft, dass es mit dem Trainer oder der Trainerin bei der offiziellen Pressekonferenz nicht getan ist. Sondern als Begleitung muss mindestens eine Spielerin mit auf dem Podium sitzen. Vor dem zweiten WM-Gruppenspiel gegen Spanien (Mittwoch 18 Uhr/ZDF) hatte die Stuttgarterin Leonie Maier die Aufgabe, mit der die Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg aus dem Quartier in einem Nobelvorort von Lille im nordfranzösischen Spielort Valenciennes aufzuschlagen. Hin und zurück geht für die Fahrt locker die Länge eines Fußballspiels drauf: Dass muss keiner Stammspielerin zugemutet werden. Es ist das Los der Leonie Maier. Irgendwie mittendrin. Und doch auch nur dabei. Nicht wie damals, als ihr Stern aufging, bei der WM 2015.

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Die 26-Jährige drückte ihre Betroffenheit über die Verletzung der unverzichtbaren Spielmacherin aus und versicherte, der sensiblen Technikerin jegliche Unterstützung zukommen zu lassen. Was auch gut die Rolle der universell einsetzbaren Verteidigerin beschreibt. Unterstützen. Abseits des Spielfelds. Kathrin Hendrich, Carolin Simon und vor allem der Shootingstar Giulia Gwinn stehen in der Hierarchie der Außenverteidigerinnen vor der deutschen Nummer vier.

Bei der WM 2015 war sie die große Entdeckung

Ganz anders als bei der WM 2015, als Maier als die Entdeckung auf kanadischem Kunstrasen unter der damaligen Bundestrainerin Silvia Neid eine starke Vorstellung nach der anderen ablieferte, ist die Stuttgarterin nicht mehr gesetzt. Aber sie ärgert sich deswegen nicht: „Klar, ist es eine andere Rolle, aber letztlich können nur elf Spielerinnen auflaufen.“

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Die Hoffnung auf einen Einsatz bei der „Tour de France“ hat sie gleichwohl nicht aufgegeben: „Ein Turnier ist lang. Ich bin sicher, dass jede noch gebraucht und jetzt gefordert wird. Ich werde bis dahin versuchen, der Mannschaft so viel wie möglich von außen mitzugeben.“

Es sprach eben keine frustrierte Reservistin, sondern eine echte Teamplayerin. Und was steht unter ihrem lächelnden Konterfei auf dem Teamposter, das an französische Schulkinder beim Training verteilt wird? „Wadenbeißerin“ – so eine muss ja am Ball bleiben.

Gespräch mit Teampsychologin Birgit Prinz

Die Schwäbin war der letzte Härtefall bei der Nominierung des 23-köpfigen Kaders, wie Voss-Tecklenburg einmal verraten hat, als ihr Trainerteam über die endgültige Zusammensetzung des Aufgebots beriet. „Ich bin sehr glücklich, dass ich überhaupt dabei bin“, sagte Maier danach. Zeitweise war sie fast schon davon ausgegangen, das Event in Frankreich nur aus der Ferne zu erleben. Allein daher ergibt sich ihre positive Herangehensweise an diese WM: Maier verriet am Dienstag, dass sie neuerdings mit der als Teampsychologin eingebundenen Birgit Prinz ein lockeres Gespräch zum Kennenlernen im Trainingslager in Grassau geführt habe. „Es tut uns gut, so eine Person bei uns zu haben.“

Nicht alle schieben den Formverfall der Fußballerin nur auf ihre Verletzungshistorie. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie vor einigen Jahren sogar mit Philipp Lahm verglichen wurde, weil auch sie fast jede Situation spielerisch zu lösen wusste, ist irgendwie verloren gegangen. Hinzu kommt, dass sie oft nicht in den Rückspiegel schaut, wenn ihr die Gegnerinnen entwischen. Zeitweise kam sie beim FC Bayern dermaßen aus dem Tritt, dass sie sogar in der zweiten Mannschaft aushalf.

Neue Herausforderung beim FC Arsenal

Trotz eines erheblichen Aderlasses beim Vizemeister wurde der 69-fachen Nationalspielerin nicht mal ein neuer Vertrag angeboten, doch ihr Berater Dietmar Ness, der mehr als ein Dutzend WM-Spielerinnen, darunter sieben deutsche Nationalspielerinnen betreut, hat nicht umsonst beste Verbindungen zu ausländischen Topvereinen. Maier hat beim FC Arsenal unterschrieben und blickt dieser Herausforderung erfreut entgegen. „Ich bin jetzt neun Jahre in der Frauen-Bundesliga gewesen. Für mich war es an der Zeit, sich zu verändern, um sich sportlich und persönlich weiterzuentwickeln. Ich habe ein gutes Gefühl.“

Zum einen bleibt London ja auch nach dem Brexit noch eine hoch spannende Stadt, zum anderen rüstet die Women’s Super League wirtschaftlich und sportlich derart auf, dass ihr bald eine Vormachtstellung wie der Premier League bei den Männern vorhergesagt wird. Und in England findet ja auch die EM 2021 statt. Leonie Maier will wieder dabei sein.

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