Heizen mit Holz Wie gefährlich sind Komfortkamine?

Von Jan Georg Plavec 

Am Wochenende geht die dritte Feinstaubalarm-Periode zu Ende. Am Neckartor wird die Luft langsam besser. Doch da sind ja noch die Komfortkamine. Wie giftig sind diese Holzöfen? Und warum brennt außer Jörg Kachelmann niemand für dieses Thema?

Jörg Kachelmann warnt vor der gemütlichen Wärme aus Holzöfen. Was ist da dran?Foto: ZB

Stuttgart - Von der Straße aus kann man die Holzkamine riechen. Sie duften würzig bis rauchig, bevorzugt in der Übergangszeit oder an den Feiertagen. Wenn es in den Wohngebieten dann wieder nach Lagerfeuer riecht, denken viele an diese gemütliche Wärme im Wohnzimmer und an das flackernde Feuer, um das man sich gerne versammelt.

Gut anderthalb Millionen solcher Öfen gibt es allein in Baden-Württemberg. Sie spenden Wärme aus einem nachwachsenden Rohstoff – und spucken Tausende Tonnen Feinstaub aus. Jeder fünfte der winzigen Partikel im Land kommt aus Holzöfen, hat die Landesanstalt für Umwelt ermittelt – doppelt so viel wie im Bundesschnitt. Das Autoland Baden-Württemberg ist auch das Land der Holzöfen.

Für Jörg Kachelmann sind die Kamine ein Aufregerthema. Der Schweizer Meteorologe und Fernsehmoderator denkt bei den Öfen nicht an behagliche Wärme. Er twittert lieber über den „Holzofen-Wahnsinn“. Findet, dass es in den Wohngebieten „nach Gemütlichkeit stinkt“. Ätzt gegen den „Reichenfeinstaub“ aus den gern in Eigenheimen verbauten Holzöfen. Kachelmann sieht darin Geräte, die krank machen und die Luft verpesten. Als „gemütliche Dementoren“ verunglimpft er sie. Und twittert: „Es stinkt wieder abends in Deutschland.“ Zuletzt habe es in den neunziger Jahren so stark gerochen. In seiner Internetkolumne „Donnerwetter“ behauptet er, Deutschland hätte ohne die Holzkamine kein Feinstaubproblem: „Riecht es, dann herrschen deutlich grenzwertüberschreitende Feinstaubwerte.“

Holzgeruch – wird es jetzt brenzlig?

Im feinstaubgeplagten Stuttgart horcht man bei solchen Sätzen auf. Zwar wurden im vergangenen Jahr die Grenzwerte erstmals sogar am Neckartor eingehalten. Das bestreitet auch Jörg Kachelmann nicht. Aber was ist, wenn an der falschen Stelle gemessen wird? Wenn all die Luftfilter, Ampelschaltungen, Mooswände, Nassreinigungen und Tempo-40-Blitzer am eigentlichen Pro­blem vorbeigehen – weil die Menschen in den Wohngebieten mit ihren Holzöfen die Luft so verpesten, dass eine Nacht bei offenem Fenster viel schädlicher ist, als ein paar Minuten an der Neckartor-Kreuzung herumzustehen? Wird es wirklich brenzlig, wenn die Luft nach verbranntem Holz riecht?

Sandra Peters hat sich darüber auch schon Gedanken gemacht. Mit richtigem Namen will sie nicht in der Zeitung stehen, ansonsten spricht die 43-Jährige offen über das schlechte Gewissen, das sie beschleicht „wenn ich das Ding nur wegen der Gemütlichkeit anhabe“. Sandra Peters wohnt mit Mann und Kind im schönen Cannstatter Stadtteil Seelberg: alte Wohnhäuser, hübsch saniert, viele leben wie Familie Peters im Eigentum. Auf dem Nachhauseweg hat sie den Holzgeruch immer wieder mal in der Nase. In ihrem Haus hat die Mehrzahl der sechs Parteien einen Holzkamin. Nur eine Nachbarin benötigt ihn tatsächlich, um die Wohnung zu heizen.

Sanda Peters hingegen hat einen Komfortkamin, 7000 Euro hat er gekostet. Klar sei das klischeemäßig, sagt sie, „aber ich finde Feuer schön, und der Ofen macht es total gemütlich“. Zwar macht er auch die Luft trocken und dass beim Verbrennen von Holz viel Feinstaub entsteht, darüber hat sich Peters ebenfalls informiert. Dass aber der Ofen ausbleiben muss, wenn die Stadt mal wieder Feinstaubalarm ausruft, sieht sie nicht ein. Sie kriegt womöglich nicht einmal mit, dass Feinstaubalarm ist. Wenn doch, dann ist sie manchmal genervt. Bevor der Staat ihr verbiete, ab und zu ein bisschen Holz zu verbrennen, „soll er erst mal das Dieselproblem lösen. Außerdem kann keiner das Verbot kontrollieren.“

Ein Verbot das keiner kontrollieren kann

Dieses Verbot ist seit Februar 2017 in der „Verordnung der Landesregierung über Betriebsbeschränkungen für kleine Feuerungsanlagen“ festgeschrieben. Nur für die Gemütlichkeit brennende Holzöfen müssen kalt bleiben, wenn die Stadt Feinstaubalarm ausgerufen hat. Am Montag endet die dritte Alarmperiode. Möglicherweise ist es die letzte, weil am Neckartor die Grenzwerte ja zuletzt eingehalten wurden und, so argumentiert jedenfalls die Stuttgarter CDU, der Feinstaubalarm seinen Zweck erfüllt habe. Allerdings dürften die Kommunalpolitiker eher die Verkehrsbeschränkungen auf der B 14 im Blick haben als den Holzofen von Sandra Peters. Die Verordnung, die ihr an feinstaubreichen Tagen das Befeuern ihres Kamins verbietet, gilt jedenfalls noch bis 2022.

Irgendjemand muss das Verbot auch kon­trollieren. In Stuttgart sind dafür genau vier städtische Mitarbeiter eingeteilt, die an Feinstaubalarmtagen von Tür zu Tür ziehen – in der einen Hand eine Liste mit allen Ofenbetreibern, in der anderen einen Stapel Flyer mit Informationen zum Heizverbot. Helga Vatui hat sich freiwillig für den Job gemeldet, den kaum jemand machen wollte. Seit Januar 2018 absolvieren Vatui und Kollegen Hausbesuche, am Neckartor haben sie angefangen. Immer in Zweierteams klingeln sie an Feinstaubalarmtagen bei Kaminbetreibern, erkundigen sich nach dem Ofen und weisen auf das Verbot hin. Eine echte Kon­trolle ist das schon deshalb nicht, weil Helga Vatui gar nicht in die Wohnung darf, um nachzusehen, ob der Ofen wie vorgeschrieben aus ist. Sie hat keine Wärmebildkamera und schaut auch nicht, ob aus dem Schornstein Rauch aufsteigt. Zumal oft niemand daheim ist: Vatui zieht immer nur zwischen 16 und 19 Uhr los, danach gönnt die Stadt den Leuten ihre Abendruhe.

An 64 Tagen galt diesen Winter in der Landeshauptstadt der Feinstaubalarm, fast genauso oft war Helga Vatui unterwegs. Sie und die Kollegen haben an die tausend Haushalte besucht. „Da hat schon der eine oder andere zugegeben, dass er den Ofen gerade angeworfen hat“, erzählt sie. Außer einem freundlichen Brief aus dem Amt hatte das aber keine Folgen – bis jetzt wurde kein einziger Bußgeldbescheid verschickt, man setze auf „den rechtstreuen Bürger“, erklärt die Abteilungsleiterin Lore Mauch. „Wir wollen die Leute überzeugen“, ergänzt Helga Vatui. Dass manche sie abwimmeln und andere Kommentare zum Dieselfahrverbot in die Gegensprechanlage raunen, daran hat sie sich gewöhnt. „Aber meistens sind die Leute, bei denen wir klingeln, offen und freundlich“, sagt Vatui.

Wer hat recht?

Im Kopf tut sich jetzt eine kleine Schere auf. Da sind auf der einen Seite die netten Mitarbeiter der Stadt, die bei oft einsichtigen Bewohnern klingeln, aber das mit der Kontrolle eh nicht so streng meinen. Und auf der anderen Seite warnt der fernsehbekannte Meteorologe Kachelmann in drastischen Worten, dass „wir uns selbst vergiften“. Wer hat recht?

Man weiß es nicht genau. Das Umweltbundesamt schreibt, dass Feinstaub aus Holzöfen ähnlich schädlich sei wie Dieselruß und dass selbst ein moderner Ofen auf dem Prüfstand in einer Stunde so viel Staub emittiert wie ein Auto, das 100 Kilometer weit fährt. Andererseits ist der Feinstaubausstoß hiesiger Holzöfen seit 20 Jahren konstant.

Eine Studie der Uni Stuttgart in Dettenhausen und Berchtoldsweiler hat vor Jahren gezeigt, dass Holzöfen die Luft erheblich belasten – jedoch nur bei bestimmten Wetterlagen. Und der Stuttgarter Stadtklimatologe Rainer Kapp sagt, er könne Jörg Kachelmanns Argumentation zwar nachvollziehen, aber Kachelmann sei kein Mediziner. Und: „Wir wissen nicht, wie hoch die Feinstaubbelastung abends in den Wohngebieten genau ist und welchen Beitrag Holzkamine leisten.“

Die Landesanstalt für Umwelt misst in Bad Cannstatt im Wohngebiet an der Gnesener Straße. Aus den unserer Zeitung exklusiv vorliegenden Stundenmittelwerten geht hervor, dass im Winterhalbjahr die Feinstaubwerte in den Abendstunden an mehr als der Hälfte der Tage deutlich sichtbar angestiegen sind. Weil der Verkehr abends deutlich weniger Feinstaub erzeugt, deutet das zumindest darauf hin, dass Heizungen und besonders Holzöfen diesen Feinstaub erzeugen. Allerdings, sagt eine Sprecherin der Behörde, seien die Daten potenziell fehleranfällig und nicht von Fachleuten überprüft. Die Zahlen aus dem Feinstaubradar, mit dem unsere Zeitung seit anderthalb Jahren ebenfalls in Wohngebieten misst, sind etwas weniger eindeutig: Oft ist die Belastung in den Abendstunden hoch, noch häufiger jedoch im Berufsverkehr.

Möglicherweise geht es bei diesem Thema ja gar nicht um Grenzwerte, sondern um Gefühle. Vielleicht spürt Jörg Kachelmann, dass da etwas in der Luft liegt. Aber wahrscheinlich haben die meisten Menschen keine Lust mehr, sich über einen Schadstoff Gedanken zu machen, den man bloß riecht.

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