Kinokritik: Gut gegen Nordwind Digitale Fernbeziehung in der Nachbarschaft

Von Falk Straub 

In dieser Romanverfilmung führen zwei frustrierte Großstädter eine virtuelle Beziehung. Obwohl sie einander nie persönlich begegnen, sprühen die Funken.

Nur zufällig sind Alexander Fehling und Nora Tschirner in „Gut gegen Nordwind“ gemeinsam im Bild zu sehen – ohne dass ihre Figuren es ahnen. Foto: Verleih

Stuttgart - Im Digitalzeitalter verlagert sich auch die Liebe ins World Wide Web. Einsame Herzen nutzen statt Zeitungsannoncen oder einer Partnerschaftsvermittlung Online-Single-Börsen und Dating-Apps. Doch weil im Internet fast jeder alles­ über sich preisgibt, gibt es kaum Geheimnisse­. Einfach schnell den Namen des potenziellen Dates in die Suchmaschine getippt und peinliche Überraschungen beim ersten Treffen bleiben aus.

Leo (Alexander Fehling) und Emma (Nora Tschirner) verfahren anders. Damit ihre ungewöhnliche Beziehung und letztlich der Film funktionieren, geloben sie digitale Enthaltsamkeit: keine Internet­recherche, kein Cyberstalking, kein Blick ins Telefonbuch. Die beiden wissen nur, dass sie in derselben Stadt wohnen, keiner tatsächlich existierenden übrigens, sondern einem Kinoamalgam aus Köln, Düsseldorf und weiteren schönen Orten in Nordrhein-Westfalen mit dem Fantasie-Kennzeichen „T“. Leo ist Linguist.

Komplizierte Beziehungen

Emma nennt er lieber Emmi, weil ihm ihr Name zu „alt und robust“ klingt. Kennengelernt hat er sie rein zufällig. Als Emmis­ Weihnachtsrundmail versehentlich in Leos elektronischem Postfach landet­, entspinnt sich ein Dialog, der den gesamten Film über andauert. Ohne sich von Angesicht zu Angesicht zu sehen, durchleben Leo und Emmi alle Höhen und Tiefen einer Beziehung, und die ist kompliziert.

Leo trauert seiner Ex Marlene (Claudia Eisinger) hinterher, Emmi ist verheiratet. Er ist ein Kommunikationsexperte mit Bindungsängsten, sie eine Webdesignerin, die sich einen schöneren Alltag, vielleicht auch nur ein Abenteuer ausmalt. Zwar führt Emmi mit dem Dirigenten Bernhard (Ulrich Thomsen) und dessen zwei Kindern­ kein unglückliches Leben, aber ein zunehmend distanzierteres. Bald denkt sie vor dem Einschlafen nur noch an die nächste Nachricht von Leo und umgekehrt­.

Es wird viel gesprochen statt getippt

Das war schon in Daniel Glattauers gleichnamiger Vorlage so. Der Österreicher hat 2006 einen Bestseller gelandet. Inzwischen ist sein moderner Briefroman in mehr als 20 Sprachen übersetzt und ein Theaterstück daraus entstanden. Vanessa Jopp („Engel & Joe“, „Lügen und andere Wahrheiten“), geboren in Leonberg, hat die Geschichte­ behutsam in eine veränderte digitale Gegenwart überführt. Das ermöglicht ihrer Handlung den nötigen Freiraum. Sie kann ihre Protagonisten überall zeigen, statt nur am Computer. Und dank der Sprachfunktion der Mobiltelefone können sich Leo und Emmi das mühsame und visuell wenig attraktive Tippen sparen. Text blendet die Regisseurin nur dosiert ein – und wenn, dann als künstlerisches Element an Wände oder in den Nachthimmel projiziert.

Der Rest der Inszenierung ist geradezu altmodisch. Während sich vergleichbare Filme in aufwendigen bis albernen Effekten versteigen, mit denen sie die Benutzeroberflächen der sozialen Medien und die dort geführten Konversationen ins Bild rücken, löst Jopp das Problem durch einen Voice-over-Kommentar. Einer sitzt vor dem Endgerät und liest, die andere trägt das Geschriebene aus dem Off vor und umgekehrt. Den ersten Akt über ist Emmi gar nicht zu sehen. Das funktioniert nicht nur wegen Nora Tschirners und Alexander Fehlings kraftvollen Stimmen blendend, sondern auch dank deren facettenreicher Mimik.

Zwischendurch gibt es Kopfkino

„Alles ist erlaubt, alles außer Schweigen“, schreibt Emmi Leo nach längerer Funkstille. Obwohl in diesem Liebesfilm fast pausenlos geschrieben­ und geredet wird, gerät er nie geschwätzig, werden einem die zwei Stunden nur ab und an lang. Jopps Inszenierung ist locker­ und einfallsreich, etwa wenn sich ein angedachtes Treffen der zwei Turtelnden vor den Augen des Publikums als Kopfkino abspielt. Ein paar eingestreute Songs und experimentelle, von Streichern begleitete Klänge des Pianisten Hauschka setzen einen melancholischen Grundton. Die Dialoge sind mitunter kitschig, aber treffsicher. Zwischen Tschirner und Fehling sprühen die Funken, auch ohne gemeinsam­ im Bild zu sein.

Anders als der Roman schließt die Verfilmung mit einem angedeuteten Happy End – Seelenfutter für all jene Romantiker, die wie Emmi und Leo auf die physische Vollendung einer Liebe im virtuellen Raum hoffen.

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