Klaus Hemmerle inszeniert „Wilhelm Tell“ „Darf man einen Tyrannen ermorden?“

Von Roland Müller 

Gewalt und Gegengewalt: Am 13. September eröffnet das Alte Schauspielhaus in Stuttgart seine Spielzeit mit „Wilhelm Tell“. Der Regisseur Klaus Hemmerle verrät, was ihn am Schiller-Klassiker jenseits aller geflügelten Worte reizt.

Früher einer der profiliertesten Schauspieler im Staatstheater, heute erfolgreicher Regisseur: Klaus Hemmerle bei den Proben im Alten SchauspielhausFoto:  

Stuttgart - Geht’s noch? „Wilhelm Tell“, den Schrecken der Deutschschüler, aufführen? Und damit die Saison eröffnen? Der Regisseur Klaus Hemmerle, unter Friedrich Schirmer einer der profiliertesten Schauspieler im Staatstheater-Ensemble, nimmt die Herausforderung an. Im Alten Schauspielhaus will er das Schiller-Drama in all seiner Modernität zeigen – und in seiner Brisanz: Die Welt wäre besser ohne Tyrannen, aber darf man sie deshalb töten, wie es Wilhelm Tell tut? „Schiller“, sagt der 59-jährige Hemmerle, „konfrontiert uns mit einem moralischen Dilemma, das zeitlos ist.“

Herr Hemmerle, eine Frage vorweg: Im Schiller-Klassiker wimmelt es nur so von Versen, die heute als geflügelte Worte zitiert werden. Ihr Lieblingsvers?

Das ist der, den ich gestrichen habe: „Die Axt im Haus erspart den Zimmermann.“ (lacht). Im Ernst: Ich bin erleichtert, dass ich diesen und andere totzitierte Verse aus meiner Fassung schmeißen konnte. Ich will ja keinen erstarrten Säulenheiligen, sondern einen frischen, lebendigen „Tell“ auf die Bühne bringen. Im Übrigen bin ich aber überzeugt, dass der durchtriebene Schiller schon im Voraus wusste, was aus seinen Versen werden würde. Nach dem Motto: Jetzt setz ich mich hin und schreib ein Sprichwort für die Ewigkeit!

Aber dann wäre er nicht nur durchtrieben gewesen, sondern genial . . .

„Tell“ hat er auf jeden Fall virtuos geschrieben. Was er hier aus dem Ärmel schüttelt, ist unglaublich: Er lässt die Menschen in ganz verschiedenen Weisen miteinander reden. Und das führt auch zu diesen zugespitzten Sprichwörtern und Allgemeinplätzen, mit denen sich Tell als Einzelgänger und Einzelkämpfer die Welt vom Leibe halten will: „Wer gar zu viel bedenkt, wird wenig leisten“, „Es kann der Frömmste nicht im Frieden bleiben / Wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt“ oder „Der Starke ist am mächtigsten allein“ – wobei mir der letztgenannte Spruch in seinem dominanten Mackertum nicht sehr sympathisch ist.

Aber nochmals: Ihr Lieblingsvers?

„Rasch tritt der Tod den Menschen an“ – ein wunderbares, ins Schauspiel eingelassenes Gedicht, in dem sich Schiller als vorweggenommener Rilke zeigt. Das bleibt in der Inszenierung drin. Sowieso habe ich nicht nur gestrichen, sondern auch Texte hinzugefügt: Schillers Szenenanweisungen, die ich sprechen lasse. Obwohl er – anders als Goethe – nie über Schwaben und Thüringen hinausgekommen ist, behaupten die Schweizer noch heute, ihr Land sei so, wie es Schiller beschrieben hat. Sensationell, wie er sich anhand von Landkarten und Zeichnungen in die Bergwelt hineinversetzt, ja, daran berauscht hat: leuchtende Eisberge, Mondregenbogen, Sonnenaufgänge. Dazu Bauern, die auf die Alm steigen, Schiffe, die über den See gleiten und so weiter – mit „Tell“ hat Schiller ein Drehbuch avant la lettre geschrieben, das Stück steckt voller filmischer Landschafts- und Actionszenen und sprengt mit seiner Sehnsucht das Theater.

„Der Held ist schwer traumatisiert"

Inszenieren Sie das Drama nur wegen seiner virtuosen Machart?

Schillers Sehnsucht rührt mich schon sehr, stimmt. Aber das wäre noch kein Grund für eine Aufführung. „Tell“ hat ein modernes Thema: die Gewaltfrage. Ist es legitim, einen Tyrannen aus dem Weg zu räumen, wie es Tell tut? Vom habsburgischen Fremdherrscher Gessler dazu gezwungen, schießt Tell in der berühmten Apfelszene auf sein eigenes Kind. Danach rächt er sich für die Demütigung und tötet den Habsburger, ein Tyrannenmord aus privaten Motiven, der allerdings dem öffentlichen Wohl dient. Denn zeitgleich versuchen die Schweizer, sich vom Joch der Fremdherrschaft zu befreien und sich eine republikanisch-demokratische Verfassung zu geben. In konspirativen Treffen üben sie die politische Auseinandersetzung und diskutieren, modern gesprochen, eben die Gewaltfrage, die Tell für sich beantworten wird: Darf man jemanden ermorden, der die Gesellschaft bedroht?

Darf man?

Schiller beantwortet die Frage kontrovers: der Vorhang zu – und alle Fragen offen. Tell jedenfalls verkraftet den politischen Mord nicht. Die Schweizer wollen ihn bejubeln: „Es lebe Tell, der Schütz und der Erretter“, aber das Jubelfest ist eine traurige Veranstaltung, weil sich der Held schwer traumatisiert aus der Gesellschaft davon gemacht hat. Auch meine Inszenierung sollen die Zuschauer nicht mit fertigen Antworten verlassen, selbst wenn manche von ihnen denken mögen, es gäbe auch heute Politiker, deren Verschwinden besser für die Menschheit wäre. Aber man gerät da sofort in ein extrem zwiespältiges Feld, in ein moralisches Dilemma, das Schiller mit bewundernswerter Souveränität aufbaut und diskutiert.

Von Ambivalenzen ist auch die Geschichte des Dramas geprägt: In der Nazi-Zeit zählte es zu den meistaufgeführten Schiller-Stücken, weil es die völkische Idee verherrlichte, bis es verboten wurde, weil es über den Tyrannenmord zur Demokratie aufrief . . .

Schiller konnte nicht wissen, dass eine Zeit kommt, die das Nationale für uns Deutsche schrecklich belasten würde. Wenn er von Vaterland, Volk und Boden spricht, habe ich deshalb häufig den Stift angesetzt, um das Stück nicht in eine falsche Ecke zu stellen. Zudem versuche ich, den Titelhelden auf unsere Zeit herunter zu brechen, dann ist er plötzlich auch kein Held mehr, sondern ein, wie gesagt, traumatisierter und tragischer Zeitgenosse.

Neben dem Nationalen hat „Tell“, von heute aus betrachtet, ein zweites Problem: das Männerbündische.

Stimmt. Schiller hatte, abermals konträr zu Goethe, ein konservatives Frauenbild. Die Frau sollte sich ums Heim kümmern, damit er sich zwölf Stunden in seiner Stube einschließen und, inspiriert vom Geruch faulender Äpfel, schreiben konnte. Für meinen „Tell“ habe ich einige Männerrollen mit Frauen besetzt und das Stück gleichsam gegendert, was nicht nur problemlos funktioniert, sondern auch inhaltlich Mehrwert abwirft.

In Stuttgart kennt man Sie nicht nur als Regisseur, sondern auch als Schauspieler. Acht Jahre lang, von 1996 bis 2004, waren Sie unter Friedrich Schirmer eine Stütze des Staatstheater-Ensembles. Warum der Seitenwechsel?

Insgesamt war ich nicht nur acht, sondern dreiundzwanzig Jahre Schauspieler. Vor Stuttgart hatte ich Engagements in Zürich und Heidelberg. Aber irgendwann ging es mir doch manchmal auf den Senkel, wie ich von Intendanten besetzt wurde und was Regisseure von mir wollten oder nicht wollten. Ich war partiell unausgelastet, daher der Wechsel ins andere Fach.

Reizt Sie das Schauspielen nicht mehr?

Doch, mittlerweile reizt es mich wieder. In mir lebt noch immer dieser andere Kerl, der damals zurückgetreten ist, jetzt aber sagt: Hey, ich könnte doch wieder! Wenn ich tolle Inszenierungen sehe, bricht dieser Wunsch aus meinem Sonnengeflecht raus und ruft: Lasst mich mitspielen!

Gibt es konkrete Angebote?

Nein. Aber ich rede mit Intendanten.

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