Klimaretter oder Ärgernis? Das sind die Vor- und Nachteile von E-Tretrollern

Von Markus Brauer und dpa 

Seit Juni sind E-Scooter in Deutschland zugelassen und fahren durch die Städte. Doch wie klimafreundlich sind die Roller wirklich? Helfen sie bei der Mobilitätswende? Eine Zwischenbilanz.

Heiß begehrt und schwer umstritten: E-Tretroller sind in den Städten der neueste Mobilitätstrend.Foto: luna - stock.adobe.com

Berlin -

Wie klimafreundlich sind E-Tretroller?

Legt man Tretrollern mit Elektromotor – auch E-Tretroller oder E-Scooter genannt – den deutschen Strommix zugrunde, würden bei einer 100-Kilometer-Strecke auf einem E-Tretroller etwa 0,5 Kilogramm des Treibhausgases CO2 ausgestoßen, sagt Alexander Jung vom Think Tank Agora Verkehrswende. Ein neuer benzinbetriebener Kleinwagen produziere auf der gleichen Strecke elf Kilogramm. Um die gesamte CO2-Bilanz zu berechnen, reicht der Blick auf einzelne Fahrten nicht aus: Denn auch bei Herstellung und Transport der Roller fallen klimaschädliche Stoffe an.

Wie umweltschädlich sind die Akkus?

Laut Umweltbundesamt enthalten die Akkus der Elektro-Roller eine fluorhaltige, giftige Flüssigkeit, die leicht entzündlich sei. Bekommt die Batterie etwa einen Riss, könne der Akku in Brand geraten. Zudem werden für die Akkus unter anderem Lithium und seltene Erden verwendet. Der Lithium-Abbau ist für die Umwelt bedenklich. Derzeitige Akku-Modelle könnten bei täglichem Laden knapp drei Jahre durchhalten, schätzt Jung. Rechne man die Produktionsschritte für die Akkus zusammen, falle so viel CO2 an wie für eine 250-Kilometer-Fahrt mit einem VW Golf oder für eine Bahnfahrt von Berlin nach Köln bei durchschnittlicher Auslastung, sagt der Experte. Die gesamte Lebensdauer ihrer Roller schätzen Betreiber wie Voi, Tier und Lime auf über ein Jahr.

Können E-Tretroller die Verkehrswende in Deutschland vorantreiben?

Noch gibt es nach zwei Monaten nur wenige Daten zum Einfluss des E-Tretroller-Verleihs auf den Autoverkehr in deutschen Städten. Das Umweltbundesamt verweist auf eine Umfrage unter 4000 Verleih-Nutzern in Paris. Demnach wäre fast die Hälfte der Befragten ohne Roller zu Fuß gegangen. Knapp 30 Prozent hätten den öffentlichen Nahverkehr genutzt oder das Rad genommen. Nur acht Prozent der Befragten ersetzten demnach mit dem geliehenen E-Scooter eine Auto- oder Taxifahrt.

Sind E-Tretroller nur ein Gefährt für den Freizeitspaß oder auch ein ernst zu nehmendes Verkehrsmittel?

Tilman Bracher vom Deutschen Institut für Urbanistik ist sehr skeptisch: „E-Tretroller werden besonders im Freizeitverkehr und von Touristen benutzt“, sagt der Mobilitätsforscher. E-Scooter könnten den Autoverkehr in der Stadt nicht reduzieren. „Da hat sich der Verkehrsminister einen Bären aufbinden lassen.“ Besonders Außenbezirke von Städten ließen sich nicht wirtschaftlich abdecken. Der Agora-Experte Jung hingegen glaubt, E-Tretroller hätten durchaus das Potenzial, ein kleiner Baustein für einen umweltfreundlicheren Stadtverkehr zu werden. Sie allein würden die Verkehrswende aber nicht schaffen. Nötig seien grundlegende Veränderungen wie der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs.

Sind E-Tretroller für Fußgänger, Radler und die Fahrer selbst ein Risiko?

Viele Städte klagen über unachtsam abgestellte oder abgelegte Geräte, gerade an touristischen Zielen. Verbände beklagten unlängst, dass nachlässig abgestellte E-Tretroller ein Problem für behinderte Menschen sein könnten. Viele Kommunen haben darum schärfere Regeln angekündigt. Wie Fußgänger und Radler seien auch die Fahrer von E-Tretrollern Risiken ausgesetzt, erklärt der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Oliver Malchow. „Übersehen zu werden, mit anderen zu kollidieren, die Gefahr besteht natürlich.“ Riskant sei vor allem der enge Raum, auf dem sich mehrere Verkehrsteilnehmer den Platz teilen müssten. Der Radfahrer-Club ADFC fordert deshalb, Radwege auszubauen.

Wie steht es um die Verkehrssicherheit von E-Tretrollern?

Viele Nutzer stünden das erste Mal auf den Rollern und seien entsprechend unsicher unterwegs, sagt ein Sprecher des Anbieters Lime. Das Unternehmen will darum Fahrtrainings anbieten. Außerdem empfehle man Nutzern einen Helm, Pflicht ist der nicht. Den Deutschen Verkehrssicherheitsrat besorgt besonders, dass viele Nutzer betrunken auf die Geräte steigen. Die Forderung nach einer Null-Promille-Grenze für Roller-Nutzer wurde vom Bundesverkehrsministerium zurückgewiesen. Derzeit gelten die gleichen Promille-Grenzen wie für Autofahrer. „Bei der jetzigen Infrastruktur ist kein Platz für mehr Fahrzeuge“, betont die ADAC-Vorsitzende Gudrun Zühlke. Die ohnehin „unterdimensionierten Fahrradstreifen“ würden durch E-Scooter noch mehr überlastet. „Es wird massiv zu Verkehrsunfällen kommen“, warnt sie. Die Regelung, wer wann wo fahren dürfte, sei so kompliziert, dass die Nutzer gar keine Chance hätten, sich regelkonform zu verhalten.

Sind höhere Unfallzahlen im Verkehr zu befürchten?

Der Versicherungskonzern Allianz erwartet durch die neuen E-Scooter einen Anstieg der Unfallzahlen – sowohl durch Zusammenstöße als auch durch Unfälle ohne Beteiligung anderer Fahrzeuge. Besonders kritisch sieht Jochen Haug, Vorstandsmitglied der Allianz Versicherungs-AG, das niedrige Einstiegsalter ab zwölf Jahren und eine mögliche Freigabe der Gehwege für langsame E-Roller. Laut Innenministerium Baden-Württemberg ereigneten sich seit Mitte Juni bereits sechs größere Unfälle, bei denen die Polizei hinzugerufen wurde. Eine Person wurde schwer verletzt, fünf erlitten leichte Verletzungen. (Mit dpa)

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