Plastik-Verzicht Selbstversuch: Ein Jahr lang ohne Plastik leben – geht das?

Von Judith A. Sägesser 

Seit einem Jahr vermeidet unsere Autorin Judith A. Sägesser Verpackungsmüll und Plastik. Was schnell beschlossen war, hat sich als kleines Abenteuer entpuppt. Ein Erfahrungsbericht.

Wie lassen sich die Plastikberge vermeiden? Judith A. Sägesser versucht, auf Plastikverpackungen zu verzichten.Foto: dpa

Stuttgart - Vor einem Jahr habe ich einen Beschluss gefasst, der meinen Alltag verändern sollte. Ich vermeide Plastik. Das heißt nicht, dass ich plastikfrei lebe. Doch ich habe den Gelben Sack deutlich geschrumpft. Waren es mal zwei im Monat, ist es jetzt kaum ein halber.

Start

Ich habe im Urlaub 2018 daheim angefangen, das war schlau. Man braucht Zeit und Muße, im Alltag wäre das Projekt schnell geplatzt. Zwei Dinge habe ich gleich in den ersten Tagen nachjustiert: Plastik ist nicht Plastik – Laptop, Föhn und Kaffeemaschine dürfen bleiben – wobei bei Neuanschaffungen grundsätzlich plastikfreie Varianten geprüft werden. Es geht vor allem um Einwegverpackungen, die nach wenigen Tagen in den Müll fliegen. Zweitens muss nicht alles auf einmal umgekrempelt werden. Es braucht System und Geduld. Die Plastikflut schwappt vor allem in Küche und Bad. Das Ziel: Dort sollte bald Ebbe herrschen.

Küche

Das Gute: Ich musste nicht bei null anfangen. Ich sprudele schon seit Jahren Leitungswasser, verzichte auf Kaffee aus Kapseln, kaufe Joghurt, Milch und Sahne in Mehrweggläsern, und ich bekomme eine Bio-Gemüsekiste nach Hause geliefert, hundertprozentig plastikfrei. Mehl, Reis, Polenta und Pasta gibt es bei mir in Papier, Nudeln allerdings mit Plastikfenster.

In den Fokus rückten die Käseverpackungen, die den Gelben Sack füllten. Nach mehreren Probeläufen die Lösung: Ich kaufe an der Theke jetzt größere Mengen in die eigene Box. Bei Wurst und Fleisch läuft es ähnlich, wobei sich der Konsum hier deutlich reduziert hat. Ganz verbannt habe ich die Küchenrolle und beschichtetes Backpapier. Dem anfänglichen Phantomschmerz folgte die Erkenntnis: Das braucht man eigentlich gar nicht. Weniger geworden sind Knabbereien, die gibt es kaum ohne Plastik. Gummibärchen und Trockenfrüchte aus dem Unverpackt-Laden und Eis in der Waffel stillen den Süßigkeitenhunger aber genauso. Glücklicherweise gibt es Schokolade in kompostierbarer Verpackung. Die Spülschwämme aus Sisal können sogar im Biomüll entsorgt werden. Die Spüllappen sind aus Stoff und somit waschbar, Spülmaschinentabs kaufe ich im Karton, für Klarspüler habe ich ein Rezept.

Bad

Marke Eigenmix hilft vor allem im Badezimmer weiter. Waschpulver, Kloreiniger, Allzweck-Putzmittel, Deo – all das mache ich selbst. Die Rezepte gibt es in Ratgebern in der Buchhandlung und im Internet. Gerade das Bad ist eine Plastik-Hochburg. Das zeigt sich schon in den Drogeriemärkten. Aber immer öfter finden sich dort interessante Alternativen.

Zähne putze ich jetzt mit einer Bürste aus schweizerischem Buchenholz. Wenn auch im Wechsel mit der elektrischen. Bei der Zahnpasta bin ich bisher unentschieden: Neulich habe ich eine aus Natron, Kokosfett und Eukalyptusöl selbst gemischt, sie aber letztlich nicht ausprobiert, weil sie mir zu klebrig-flüssig ist. Mit kaubaren Tabs könnte ich leben, aber ich verwende sie nur sporadisch. Sie schäumen einfach weniger als Zahnpasta. Immerhin gibt es inzwischen Zahncremes, deren Verpackung aus recyceltem Plastik hergestellt ist. Die leichteste Übung: Taschentücher aus der reinen Papierbox und für unterwegs gefaltet im Etui. Und: Seife statt Duschgel und statt Flüssigseife. Gerade in Letzterer soll meinen Recherchen nach in manchen Sorten flüssiges Plastik schwimmen – damit sie glitschig sind. Zudem sind sie in Plastik verpackt. Seifenstücke sind billiger und langlebiger.

Baustellen

Im Bad findet sich meine hartnäckigste Baustelle: Shampoo. An Haarseife, Lava-Erde und saure Rinse – eine andere Form der Spülung – traue ich mich nicht heran. Und trockenes Shampoo bringt bisher nicht den gewünschten Effekt. Im ersten Schritt bin ich auf ein Shampoo aus dem Naturkostladen umgestiegen – in Plastik.

Espresso ist auch eine harte Nuss. Man kann ihn mahlen lassen, doch erstens wird er trotzdem in Plastik verpackt, wenn auch in einem größeren Sack. Zweitens schmeckt mir von den bisher getesteten keiner. Die Suche geht weiter. Und dann Toilettenpapier. Es gibt zwar Rollen aus Bambus im Unverpackt-Laden, aber sie sind dreimal so teuer wie die herkömmlichen. Immerhin funktioniere ich die Tüte nun zum Restmüllbeutel um und recherchiere wegen Großpackungen in Karton zu einem vernünftigen Preis.

Neben diesen harten Brocken gibt es kleinere Pro­blemfälle: Kaugummis, Haargummis, Kugelschreiber, ihnen werde ich mich nach und nach widmen.

Hilfsmittel

Im vergangenen Jahr bin ich über vieles gestolpert, darunter Praktisches, das das plastikarme Leben leichter macht. Das Tollste: Bienenwachstücher. In sie wickele ich den Käse. Dass sie etwas steif sind, daran gewöhnt man sich. Der Käse bleibt frisch, schimmelt nicht und riecht nicht nach Wachs. Die Tücher sind auch ein Ersatz für Frischhaltefolie.

Plastikvermeider werden zudem früher oder später auf Soda und Natron – beides sind Salze – stoßen. Um die Allzweckwaffen aus früheren Zeiten kommt man nicht herum, wenn man Wasch- oder Putzmittel mischen will. Die Herausforderung: Soda plastikfrei zu finden. Ich habe lange danach gesucht, jetzt kaufe ich im Unverpackt-Laden, fast zum selben Preis wie in der Drogerie.

Interessant ist zudem die Handy-App Code-Check, sie hilft einem, vor allem bei Kosmetikprodukten herauszufinden, ob sie zum Beispiel Mikroplastik enthalten.

Preis

Das plastikarme Leben kostet nicht mehr. Manches ist teurer, doch weil ich vieles seltener oder nicht mehr kaufe (z. B. Küchenrolle, Fleisch, Knabbereien), selbst mische (Waschpulver, Putzmittel) oder weil es billiger ist (Seife), spare ich auch. Ich würde sogar sagen, dass ich heute etwas günstiger lebe. Doch ich zahle mit Zeit. Denn es dauert, bis man alles zusammenhat.

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