Kunstmuseum Stuttgart mit „Kubus. Sparda-Kunstpreis“ Stuttgart entdeckt die Kunst mit Fotografie neu

Von Nikolai B. Forstbauer 

Das Thema des Sparda-Kunstpreises 2019 ist eine Punktlandung: Vier aktuelle Positionen zur Kunst mit Fotografie zeigt die Kubus-Schau im Kunstmuseum Stuttgart. Das weckt Erinnerungen – und macht Hoffnung.

Kunstmuseums-Direktorin Ulrike Groos will Kunst mit Fotografie weiter forcieren Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart - Im Oktober 2016 ist Timm Rautert, seit den 1960er Jahren einer der Großen der deutschen Fotografie, Gast der Gesprächsreihe „Über Kunst“ unserer Zeitung in der Galerie Parrotta in Stuttgart.

Die Fotografie ist wie eine Sprache

Über den Abend notiert unser Mitarbeiter Thomas Morawitzky: „Rautert widerspricht gerne und mit Bedacht, nicht nur seinem Lehrer Otto Steinert, auch dem Poststrukturalisten Roland Bar­thes, populär zur Zeit seines Studiums. ,Barthes sagte: Die Fotografie ist wie eine Sprache ohne Code. Das ist vollkommener Unsinn. Sie ist wie eine Sprache vollständig codiert und genauso schwer zu ­lesen.‘“ Und weiter: „Einen theoretischen Orientierungspunkt bietet ihm lediglich Ludwig Wittgenstein, den er paraphrasiert: ,Die Fotografie ist alles, was der Fall ist. Alles ist fotografierbar; alles ist wichtig.‘“

Erinnerung an den Kreis um Achim Kubinski

Wer in Stuttgart über den Philosophen Wittgenstein spricht, riskiert, festgenagelt zu werden, spielt auf aufrufbare Linien an. Einige führen in den späten 1970er Jahren zum Kreis um den Künstler und Galeristen Achim Kubinski. Zu Namen wie Rudolf Bumiller, Veit Görner, Annette Gmeiner und Ute Meta Bauer. Nicht direkt und nicht folgerichtig, doch über die in den 1980er Jahren bald auch mit Joseph Kosuth geführte Debatte, wie etwas mitgeteilt werden kann, welche Bedeutungen Bilder in sich tragen, bevor sie veröffentlicht werden, welche ­Bedeutungen verschwinden.

Kunstmuseum-Obergeschoss als Labor

Und nun? Ist das dritte Stockwerk des Kunstmuseum-Kubus in Stuttgart ein Labor, ein Büro, ein Ort der Erinnerung, der Vergewisserung. Armin Linke hat ihn geschaffen, hat das gemeinsam mit der Fotohistorikerin Estelle Blaschke forcierte Projekt „Image Capital“ Raum werden lassen.

In der Linie der Ensemblekunst der 1960­er und 1970er Jahre verschmilzt „Image Capital“ Vergangenheit, Gegenwart und (als Frage) Zukunft. „Image Capital“, heißt es in der Ankündigung für einen Auftritt von Blaschke und Linke in Berlin treffend, „bringt Mikrofilm und Science-Fiction, Fotoarchive und Datenbanken, Bildrechte und Kryptowährung zusammen und zeigt, dass die Fotografie – jenseits der Kunst – fundamental ist für eine Vielzahl ­sozialer, ökonomischer und kultureller Praktiken“.

Starkes „Kubus“-Quartett

Linkes Auftritt und Antritt krönt buchstäblich die noch bis zum 23. Juni im Kunstmuseum Stuttgart zu sehende Ausstellung zum vierten „Kubus. Sparda-Kunstpreis“ – mit Werken zudem von Sinje Dillenkofer, Peter Granser und Annette Kelm.

Erinnerung auch an „Film und Foto“ 1929

Gemeinsam vergeben die Sparda-Bank Baden-Württemberg und das Kunstmuseum Stuttgart die mit 20 000 Euro dotierte Auszeichnung. Kaum zufällig galt im Jahr der 100-Jahre-Bauhaus-Feierlichkeiten das Augenmerk aktuellen fotografischen Positionen. Doch das Thema passt nicht nur zum großen Jubiläum und ist auch nicht nur Hommage an die legendäre Ausstellung „Film und Foto“ vor 90 Jahren in Stuttgart.

Sammler Rolf Mayer und Rolf H. Krauss als Schrittmacher

Der Blick auf Sprachformen der Fotografie reflektiert auch ein neues Bewusstsein für die Linien, die sich in Stuttgart immer wieder zusammenfinden und doch bisher nicht konsequent fortgeführt wurden. Beispiele? Achim Kubinski lernt Anfang der 1980er Jahre das Künstlerduo Michael Clegg und Martin Guttmann kennen. Seit 1979 studieren sie in New York, irritieren mit ihrer Inszenierungskraft. 1983 stellen Clegg & Guttmann erstmals in der Galerie Kubinski aus. Ihr Aufenthalt in Stuttgart hat Folgen. Michael Clegg und Martin Guttmann lernen den Sammler Rolf Mayer kennen. Mayer ist international für seine Sammlung von Fotografien des 19. Jahrhunderts bekannt, der Stuttgarter ist aber auch bestens über aktuelle Entwicklungen der „Kunst mit Fotografie“ informiert. Unter diesem Titel positioniert im gleichen Jahr ein anderer Stuttgarter Sammler, Rolf H. Krauss, seinen Bestand, mehr noch aber seine Ideen zur Bedeutung der „Kunst mit Fotografie“.

Andreas Gursky gewinnt den „1, Deutschen Photopreis“ in Stuttgart

Es ist die Zeit, da die Staatsgalerie Stuttgart die Foto-Wege mitgeht und der junge Stuttgarter Fotograf Christoph Valentien die damalige Landesgirokasse für das ­Medium begeistert. 1989 ­­wird der „1. Deutsche Photopreis“ ausgelobt. Der Gewinner wird eher am Rande notiert – Andreas Gursky überzeugt mit den heute legendären Porträts seiner Freunde.

Über Günther Förg führt die Spur zur Weißenhofsiedlung

Rolf Mayer und Clegg & Guttmann kommen 1983 bei Achim Kubinski nicht nur ins Gespräch. Mayer bietet dem Duo einen Vertrag an – monatliche Gelder für die Künstler, im Gegenzug eine bestimmte Anzahl von Werken für den Sammler. Mit Achim Kubinski verbindet sich ein weiterer Name, der für die „Kunst mit Fotografie“ wichtig wird: Günther Förg. Und: Über Förg, der als Maler die Fotografie für sich entdeckt, führt die Spur zur Weißenhofsiedlung und damit zum Bauhaus. 1994 präsentiert die Galerie der Stadt Stuttgart (heute Kunstmuseum Stuttgart) das fotografische Werk. Der 2013 gestorbene Förg bestätigt seine Rolle als „Stratege des Schönen und des Zerbrechlichen“, wie Eckhard Schneider den Flaneur des Materials und der Moderne schon 1990 skizziert.

In den 1990er und 2000er Jahren stockt das Fotokunst-Engagement

Andere Stuttgarter Fotokunst-Wege geraten ins Stocken. Das frühe Engagement der Staatsgalerie für den Kanadier Jeff Wall verhallt ebenso wie Ausstellungen etwa zu Ken Lum (1988 bei Ralph Wernicke). Und auch der Einsatz der Galerie Klaus Gerrit Friese (inzwischen Berlin) etwa für Jürgen Klauke oder von Sandro Parrotta (inzwischen Köln und Bonn) für Timm Rautert, aber auch für Susanne M. Winterling oder Pieter Laurens Mol wird in den vergangenen zehn Jahren nicht als Chance gesehen, die etwa mit Anton Stankowski oder Nikolaus Koliusis nicht weniger eng verbundenen Stuttgarter Fotokunstfäden neu zu knüpfen.

Das Interesse erwacht neu

Nun aber dreht sich etwas. Im Kunstmuseum wie in der Staatsgalerie erwacht das mit dem Künstlerforscherblick im Württembergischen Kunstverein gepflegte Interesse neu. Und in den Privatgalerien lassen konzeptuelle Positionen mit poetischem Unterton aufhorchen. Clement Cogitore in der Galerie Reinhard Hauff etwa. Aber auch in der Metropolregion zeigt man Flagge – wie 2017 die Städtische Galerie Ostfildern mit einem Vor-Ort-Projekt von Gert Wiedmaier, die Edition Cantz 2018 mit „Tanzende Blicke“ von Roman Nowitzky oder das Debüt „Wir sind Helden“ von Steffen Schmid in der Ruoff-Stiftung in Nürtingen.

Da passt es, dass der Fotospezialist Markus Hartmann nicht mehr nur von Stuttgart aus als Verleger, Berater und Kurator agiert. Der Schritt von Hartmann Projects ins Galerienhaus Stuttgart (Breitscheidstraße 47) lenkt die Scheinwerfer auch verstärkt auf die Dauerläufer (und vormalige Hartmann-Bühnen) wie Ute Noll oder Kernweine.

Starkes Signal für den Fotokunst-Standort Stuttgart

So unterschiedlich nun die Positionen der vier „Kubus“-Künstlerinnen und Künstler im Kunstmuseum Stuttgart sind – eines verbindet sie doch: Die große Behauptung ist ihnen fremd. Strategen des Zerbrechlichen sind auch sie – und folgerichtig teilen sie den von der „Kubus“-Jury Armin Linke zugedachten Preis. Weniger für Linke könnte hier tatsächlich mehr für alle sein – als starkes Signal an den, für den und aus dem Fotokunst-Standort Stuttgart.

Artikel teilen