Leopoldina-Fazit zu Luftverschmutzung Klein-Klein hilft nicht weiter

Von Werner Ludwig 

Die Experten der Leopoldina haben in einem wohltuenden Ton Klarheit in die Diskussion um saubere Luft und Fahrverbote gebracht, meint Werner Ludwig. Wer die Luftqualität weiter verbessern will, dürfe nicht nur an einzelnen Schrauben drehen.

Der Atmosphärenchemiker Jos Lelieveld, Manfred Hennecke, Materialwissenschaftler, und Martin Lohse, Pharmakologe und Vize-Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, (von links) stellen vor der Bundespressekonferenz die Stellungnahme „Saubere Luft“ vor.Foto: dpa

Stuttgart - Auf den ersten Blick können sich die Diesel-Demonstranten in Stuttgart und anderen Städten bestätigt fühlen: die Nationale Wissenschaftsakademie Leopoldina sieht in kleinräumigen Fahrverboten für ältere Dieselautos eine „gesundheitlich wenig sinnvolle Maßnahme“. Zudem wird in der von 20 Professoren aus zwölf Fachgebieten verfassten Stellungnahme der Organisation klar gesagt, dass Stickstoffdioxid (NO2) zwar nicht harmlos ist, aber im Vergleich zum Feinstaub deutlich geringere Gesundheitsrisiken birgt. Das ist brisant, weil die Diesel-Fahrverbote ausschließlich mit der Überschreitung des NO2-Grenzwertes begründet werden.

Die Autoren schlagen einen wohltuenden Ton an

Wer jedoch aus diesen Aussagen ableiten will, dass die Verkehrspolitik so bleiben kann, wie in den zurückliegenden Jahrzehnten, täuscht sich gewaltig. Denn die Experten plädieren mit Nachdruck für eine Verkehrswende, die dem Leitbild „Freie Fahrt für freie Bürger“, das viele noch im Hinterkopf haben, diametral widerspricht.

Wohltuend ist der sachliche Ton, den die Autoren anschlagen – erst recht nach der aufgeregten Debatte um Grenzwerte und deren wissenschaftliche Begründung. Da gab es immer wieder Horrorzahlen zu den Toten, die der Luftverschmutzung zugeschrieben wurden. Dass es sich dabei um Schätzungen und Wahrscheinlichkeitsaussagen handelt, die nicht auf einzelne Todesfälle übertragen werden können, rückte oft in den Hintergrund. Auf der anderen Seite behauptete eine kleine Gruppe von Lungenärzten bar jeder Fachkenntnis, dass Tausende von Umweltmedizinern in aller Welt Daten falsch interpretiert hätten und die gültigen Grenzwerte vollkommen unsinnig seien. Dabei ist klar, dass solche Werte nie nur auf wissenschaftlichen Grundlagen beruhen, sondern das Ergebnis gesellschaftlicher Abwägungsprozesse sind.

Beim Feinstaub gibt es weiter Verbesserungsbedarf

Zu loben ist auch, dass die Leopoldina die wissenschaftlichen Unsicherheiten, die nach wie vor bestehen – etwa mit Blick auf den alleinigen Effekt von NO2 – klar benennt. Die Experten fügen aber zu Recht hinzu, dass es trotzdem sinnvoll sein kann, die Belastung mit dem Reizgas weiter zu senken, weil so auch andere verkehrsbedingte Emissionen reduziert werden können. Zu einer Versachlichung der Diskussion trägt auch die Feststellung bei, dass die Luft in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten bereits viel sauberer geworden ist – und dass die Luftverschmutzung auf der Liste der großen Gesundheitsrisiken auf keinem der vorderen Plätze steht.

Doch beim Feinstaub und beim Klimagas Kohlendioxid sieht die Leopoldina in Übereinstimmung mit der großen Mehrheit der Wissenschaftler weiteren Verbesserungsbedarf. Um diese Emissionen weiter zu senken, plädieren die Experten für eine Verkehrswende, die sich nicht auf emissionsärmere Fahrzeuge beschränkt, sondern auch massive Investitionen in den öffentlichen Verkehr und die Vernetzung erfordert. Als ein Instrument schlägt die Leopoldina höhere Spritpreise vor. Das wäre – mit einer sozialen Abfederung – vernünftig. Doch der derzeitige Verkehrsminister wird diesem Rat kaum folgen.

Artikel teilen
Community