London vor dem Brexit Mr. Johnson, machen Sie doch, was Sie wollen!

Von Elisabeth Kabatek 

Proteste, Aufruhr, Plakate? Von wegen! In London geht alles seinen gewohnten Gang, über den nahenden EU-Austritt will kaum einer sprechen, und der Lieblingssatz dieser Tage ist „Let’s get on with it“ – Augen zu und durch.

Lynne Medcraft demonstriert seit zwei Jahren gegen den Brexit – täglichFoto: Kabatek

London - Am Beginn der Recherche für diesen Bericht steht das seltsame Gefühl, dass es nichts zu berichten gibt. Es ist Wochenende, und Tausende von Touristen prägen in London das Bild. Sie haben Buckingham Palace, Westminster und die Theater und Bars im Westend fest in ihrer Hand. Vor dem Sitz des Premierministers wimmelt es von spanischen Sprachschülern. Demonstranten, EU-Flaggen, Anti-Boris-Sticker? Fehlanzeige. Der größte Aufreger in der Downing Street sind Selfies in roten Telefonzellen. Es scheint so, als sei der Brexit eine Erfindung der Medien. Dass sich hier in London das politische Schicksal Großbritanniens entscheiden wird, dass der Premierminister den Eindruck erweckt, dass es ihm herzlich egal ist, ob und wie der Konflikt gelöst wird: Es ist an nichts festzumachen in einer kosmopolitischen Stadt, deren große Mehrheit für den Verbleib in der EU gestimmt hat.

Weder Brexit noch Boris, kein B-Wort, nirgends. Bleibt also nur, gezielt Menschen anzusprechen, die nicht wie Touristen aussehen. Die Gespräche verlaufen, gelinde gesagt, zäh. Die Londoner sind viel zu höflich, um Fragen nach ihrem Befinden direkt abzuwimmeln, aber es ist ganz offensichtlich, dass sie am liebsten die Flucht ergreifen würden, sobald ihnen klar wird, um was es geht. Die junge Mutter auf dem Spielplatz sagt, sie sei einfach nur noch deprimiert, hoffe aber immer noch auf ein Wunder, das den Brexit verhindere. Dann muss sie ganz schnell ihre Kinder nach Hause bringen. Der Wirt des Pubs „Sun in Splendour“ in Notting Hill steht hinter seiner Theke und kann nicht flüchten, und nach einer Weile kommt er dann doch ins Reden. Er will den Brexit nicht, macht sich aber auch keine Sorgen. „London wird immer Touristen und Business haben.“ Demonstrieren? Kann man immer noch, wenn der Brexit wirklich kommt. Und so schlimm wird es schon nicht werden, viel Panikmache sei da im Spiel.

Im Schuhladen laufen die Geschäfte schlecht

Anders sehen es zwei junge Verkäuferinnen in einem leeren Manolo-Blahnik-Schuhladen. Sie stürzen sich auf mich, weil sie mich für eine Kundin halten. Sie dürfen eigentlich nicht drüber reden, aber seit ein paar Monaten laufen die Geschäfte schlecht. „Und das wird noch schlechter. Wenn das Pfund weiter fällt, müssen wir die Preise anheben. Wer kommt dann noch?“ Es sind die einzigen besorgten Stimmen. Nach zwei Tagen London ist klar: Das vorherrschende Gefühl ist weder Brexitangst noch No-Deal-Panik. Als hätten sie sich abgesprochen, taucht bei allen Gesprächspartnern dasselbe Wort und derselbe Satz auf. Das Wort heißt „Brexit fatigue“, Brexitmüdigkeit. Seit drei Jahren geht das jetzt schon, es reicht allmählich. Der Satz resultiert daraus, er lautet, „Let’s get on with it.“ Augen zu und durch, und endlich wieder nach vorn schauen, das ist alles besser als dieses fürchterliche Gezerre.

Ein wenig mulmig wird einem da, weil es fast so scheint, als hätte sich Boris Johnson, der seit Tagen gebetsmühlenartig den Satz „Let’s get Brexit done“ wiederholt, in die Köpfe geschlichen. Gleichzeitig scheint niemand daran zu glauben, dass Großbritannien die EU zum 31. Oktober verlässt. Einig sind sich alle, dass es die ländlichen Gebiete viel härter treffen wird als London, also ausgerechnet die, die für den Brexit gestimmt haben. Niemand erwähnt Nordirland.

Am Montagmorgen ändert sich das Bild, nun wird massiv demonstriert, allerdings nicht gegen den Brexit. Es sind die Klima-Aktivisten von „Extinction Rebellion“, die London an zwölf neuralgischen Punkten mit Sitzblockaden lahmlegen. Das Regierungsviertel ist komplett abgesperrt, die Polizeipräsenz ist massiv, die Medienpräsenz ebenfalls. Mit Hunderten von Demonstranten stiehlt Extinction Rebellion der kleinen Gruppe vor den Houses of Parliament die Show. Deren harter Kern besteht aus ungefähr fünfzehn Leuten, erzählt Lynne Medcraft. Sie ist 82, kommt aus dem wohlhabenden Londoner Vorort Richmond und demonstriert seit knapp zwei Jahren gegen den Brexit, jeden Tag drei bis vier Stunden. Wegen ihrer auffallenden Anti-Brexit-Kluft wird sie oft gefragt, ob sie keine Angst hat, so auf die Straße zu gehen. „Ich bin bedroht worden, aber ich habe keine Angst. Da kam einer, der sagte zu mir, ich weiß, wie du aussiehst, ich merke mir dein Gesicht. Der Konflikt hat religiöse Züge angenommen. Seine Meinung zu ändern, das wäre so, als würde man vom Protestantismus zum Katholizismus konvertieren. Deshalb mobilisiert Extinction Rebellion viel mehr Leute. Beim Klima ist es leichter, einen gemeinsamen Nenner zu finden.“ Lachend erzählt Medcraft, man habe sie als „domestic terrorist“ beschimpft, als „einheimische Terroristin“. Warum tut sie sich das an? „Weil ich noch genau weiß, wie dieses Land vor dem EU-Beitritt aussah. Es geht uns soviel besser seither! Und wegen Nordirland, wo ich Familie habe.“

Das Leben geht seinen gewohnten Gang, von Brexit-Hysterie keine Spur

Lynne war Lehrerin, und sie macht die Schule mitverantwortlich dafür, dass so wenige Menschen demonstrieren. „Politik spielt in der Schule keine Rolle.“ „Apathie“, lautet die Erklärung von Steve Bray. Er ist mittlerweile das Aushängeschild der Anti-Brexit-Bewegung. Steve ist jeden Tag da, acht Stunden lang, und er ist für seine lauten „Stop Brexit!“-Rufe bekannt, mit denen er erfolgreich Interviews stört. Eine Gruppe Parlamentarier aus den Niederlanden nimmt Steve für ein Foto in die Mitte. Sich mit Steve fotografieren zu lassen, ist schick. Eine Aktivistin von Extinction Rebellion bittet ihn, doch mal kurz „Stop Climate Change!“ zu brüllen für einen werbewirksamen Video-Clip.

Szenenwechsel. Im Londoner Bankenviertel geht man zum Lunch. Gefährdet der Brexit nicht Tausende von Jobs? Doch in der City herrscht Geschäftigkeit, keine Nervosität. Vor dem imposanten Hochhaus der Lloyd’s Bank stehen drei smart aussehende junge Männer. Der erste Satz, der fällt? „Let’s get on with it.“ Alles in trockenen Tüchern, seit drei Jahren bereitet sich ihre Bank auf den Ernstfall vor. Jobverluste? Keine. Der Absturz des britischen Pfunds? Sie schauen sich an. Achselzucken. „Macht ihr was in Pfund?“, fragt der eine. „Nee. Nur Dollar“, antwortet der andere, der dritte ergänzt: „Und ich nur türkische Lira.“

Der Countdown läuft. Der französische Präsident hat Boris Johnson eine letzte Frist bis Freitag gesetzt, um neue Vorschläge zu machen, wie ein geregelter Brexit aussehen könnte. Gute zwei Wochen vor dem geplanten Austrittsdatum kämpft London nicht um Normalität, in London herrscht Normalität, die politische Meile um Westminster herum einmal ausgenommen. Das Leben geht seinen gewohnten Gang, von Hysterie keine Spur, und man weiß nicht, ob man die Londoner für ihren Gleichmut bewundern oder für naiv halten soll.

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