Luftschadstoffe in Stuttgart Zweifel am Sinn von Fahrverboten

Von Werner Ludwig 

Im Streit über ältere Diesel stehen vor allem Stickoxide im Fokus. Dabei sind sie nach Ansicht vieler Wissenschaftler nicht das größte Problem.

Ältere Diesel müssen draußen bleiben.Foto: dpa

Stuttgart - D ass die Besitzer älterer Diesel nichts von Fahrverboten halten, ist wenig überraschend. Doch auch viele Forscher zweifeln am Sinn dieser Maßnahme. Das geht aus einer Stellungnahme hervor, die kürzlich von der Nationalen Wissenschaftsakademie Leopoldina vorgelegt wurde. 20 Professoren aus zwölf Fachgebieten hatten sich dazu im Auftrag der Bundesregierung mit den Grenzwerten für Luftschadstoffe und den Möglichkeiten zu ihrer Einhaltung beschäftigt.

„Zu den gesundheitlich wenig sinnvollen Maßnahmen zählen kleinräumige und kurzfristige Beschränkungen, die sich gegen einzelne Verursacher von Stickstoffdioxid-Belastungen richten. Dies gilt unter anderem für Straßensperrungen und isolierte Fahrverbote“, schreiben die Experten. Auch das stadtweite Dieselfahrverbot in Stuttgart halten die Autoren mit Blick auf die Luftreinhaltung für wenig sinnvoll, wie sie bei der Vorstellung ihres 64-seitigen Berichts betonten.

Feinstaub ist deutlich gefährlicher

Zudem stellen sie fest, dass die Gesundheitsgefährdung durch Stickstoffdioxid (NO2) deutlich geringer sei als jene durch Feinstaub. Vor diesem Hintergrund erscheint es zumindest fragwürdig, dass die Fahrverbote bislang ausschließlich mit der Überschreitung des EU-Grenzwerts für Stickstoffdioxid an mehreren Messstationen in Großstädten begründet werden. Auf der anderen Seite machen die Leopoldina-Experten klar, dass gesetzlich festgelegte Grenzwerte nun mal eingehalten werden müssen. Sie plädieren deshalb auch nicht für eine Anhebung des EU-weiten NO2-Grenzwerts von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft im Jahresmittel. Nötig seien eher strengere Grenzwerte für Feinstaub – die dann womöglich auch in Stuttgart wieder überschritten würden.

Trotz der in den vergangenen Jahrzehnten bereits erreichten Verbesserungen der Luftqualität sei es wichtig, die Schadstoffbelastung weiter zu senken, da die Luftverschmutzung immer noch die Gesundheit vieler Menschen gefährde, so das Fazit der Experten. Dazu schlagen sie unter anderem eine umfassende Verkehrswende vor. Nötig seien ein schnellerer Ausbau alternativer Antriebe wie Elektromotoren, ein besseres Verkehrsmanagement, Geschwindigkeitsbeschränkungen und ein massiver Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Die Leopoldina-Stellungnahme setzt einen Schlusspunkt unter einen monatelangen Streit um den NO2-Grenzwert, in dem ein paar Dutzend Lungenärzte massive Zweifel an der gesundheitsschädlichen Wirkung des Reizgases geäußert hatten. Die entsprechenden Studien seien fehlerhaft, so der Vorwurf. Eigene Forschungsergebnisse zur Stützung ihrer Argumente konnten die Grenzwert-Skeptiker aber auch nicht vorweisen.

Mehrere Schadstoffe wirken zusammen

Die Kritik der Lungenärzte war zwar nicht wissenschaftlich fundiert, doch die dadurch ausgelöste Debatte blieb nicht ohne Wirkung. So ist auffällig, dass einige der in jüngerer Zeit vorgelegten Studien zu Luftschadstoffen den Fokus klar auf Feinstaub legen, während Stickstoffdioxid eher am Rande erwähnt wird. Tatsächlich ist es schwierig, die alleinige Wirkung dieses Gases zu erfassen, weil die Anwohner stark befahrener Straßen immer einem Gemisch aus mehreren Luftschadstoffen ausgesetzt sind. Trotzdem halten es Umweltmediziner für sinnvoll, weiterhin auch die NO2-Belastung im Auge zu behalten, weil sie ein ­guter Indikator für die gesamte verkehrsbezogene Luftverschmutzung sei. Die Deutsche Lungenstiftung verweist zudem darauf, dass bei der Festlegung von Grenzwerten ein großer Sicherheitspuffer sinnvoll sei, um auch besonders empfindliche Personen wie Kinder, Ältere und chronisch kranke Menschen zu schützen.

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