NBA Finals gegen Golden State Darum drücken alle Toronto die Daumen

Von Tim Wohlbold 

Kanada ist im Basketballfieber. Wo Eishockey den Status einer Religion besitzt, lassen die Toronto Raptors den Traum vom ersten kanadischen NBA-Titel hochleben. Mit einem Team, das das Selbstverständnis Kanadas verkörpert. Nur ein Sieg fehlt noch zur Krönung.

„We the north“ – wir der Norden. In Toronto und ganz Kanada ist eine noch nie dagewesene Basketball-Euphorie ausgebrochen. Foto: AP

Toronto - Nav Bhatia, der berühmteste Basketball-Fan der Stadt, steht fast schon ungläubig am Spielfeldrand während sich 20 000 Fans in und fünf Mal so viele vor Torontos Scotiabank-Arena in den Armen liegen. Tränen der Freude, abgesperrte Straßen, halb leere Schulklassen am nächsten Morgen. All das hat die größte Stadt Kanadas schon erlebt – aber nicht wegen der heimischen Basketball-Mannschaft, die an jenem Tag zum ersten Mal ins NBA-Finale eingezogen war. Solche Szenen waren dem großen Stolz der Stadt vorbehalten: dem dreizehnmaligen nordamerikanischen Eishockey-Meister, den Toronto Maple Leafs.

Eishockey in Kanada: das ist Volkssport, Religion und Tradition in einem. Wer mit zwei bis drei Jahren halbwegs geradeaus laufen kann, lernt schnell, mit Kufen über das Eis zu flitzen. Nicht ohne Grund kommen einige der besten Eishockeyspieler aller Zeiten aus dem Land der Blizzards. Basketball und Kanada? Das passte bis vor einigen Jahren noch zusammen wie Biofleisch und Fast-Food-Kette.

Raptors wollen Geschichte schreiben

Nun aber schicken sich die Toronto Raptors an, Geschichte zu schreiben. Genaugenommen, haben sie das bereits getan. Das einzige kanadische Team in der nordamerikanischen Basketball-Profiliga NBA steht erstmals in den Finals. Gegner sind keine geringeren als die Dominatoren der vergangenen Jahre, die Golden State Warriors. Drei der letzten vier Titel gewannen die Kalifornier. Nun aber fehlt Toronto nur noch ein Sieg zum Titel – 3:2 führen sie in der Serie, die in der Nacht auf Freitag weiter geht.

„Diese Saison ist etwas ganz besonderes“, sagt Bhatia, der seit 1995 kein einziges Heimspiel der Raptors verpasst hat und den regelmäßige TV-Zuschauer oder Hallenbesucher an seinem weißen Turban am Spielfeldrand längst erkennen.

Die Geschichte der Raptors wie auch Bhatias Fan-Dasein begann im Jahr 1995. Der gebürtige Inder aber ist viel mehr als „nur“ der treueste Fans der Raptors. „Er ist ein Symbol dieser Stadt und dieses Clubs“, sagt Journalist Muhammad Lila, der für mehrere große US-amerikanischen Sportsendern über die Raptors berichtet. Bhatia stehe stellvertretend für alles, was sich die größte Stadt Kanadas auf die Fahne geschrieben habe: weltoffen, liberal, divers und gleiche Chancen für alle. Als Ingenieur 1995 immigriert, begann er als Autoverkäufer, ist mittlerweile Millionär und besitzt eine ganze Reihe von Autohäusern. Der „American Dream“ auf kanadisch.

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Aber nicht nur ihr Superfan, auch die Mannschaft der Raptors repräsentiert diese weltoffene Stadt am Rande des Lake Ontario im Süden Kanadas. Auch diese Truppe lebt ihren ganz persönlichen amerikanischen Traum. Aus sechs Nationalitäten setzt sich der aktuelle 15-Mann-Kader der Raptors zusammen. Dazu kommt in Jeremy Lin der erste US-amerikanische NBA-Profi mit asiatischen Wurzeln. Dass Manager Masai Ujiri in Nigeria geboren wurde und Chefcoach Nick Nurse seine größten Erfolge als Trainer in Großbritannien feierte, passt da nur ins Bild. Dieser Multikulti-Truppe ist es zu verdanken, dass Basketball in Kanada auf einmal in aller Munde ist.

Wen interessiert schon Eishockey?

Eishockey-Play-offs? Interessieren nicht. Selbst Premierminister Justin Trudeau, ein bekennender Wintersport-Fan, ist aus dem Häuschen: „Geschichte wurde geschrieben. Raptors, jetzt es ist an der Zeit, die Meisterschaft nach Kanada zu holen“, schrieb der seit 2015 amtierende Premier nach dem Finaleinzug der Basketballer. Es passt zur Stimmung im Eishockey-Land, dass sich der Regierungschef zum Basketball-Fan mausert.

20 000 Menschen passen in die Halle, rund eine viertel Million Tickets könnten die Raptors verkaufen, Millionen fiebern vor den TV-Geräten. Der Maple-Leafs-Platz vor der Scotiabank-Arena, wo zigtausend via Public Viewing zuschauen werden, wurde kurzerhand in Jurassic Park umbenannt und ein ganzes Land hofft, den US-Amerikanern den NBA-Titel wegschnappen zu können. Viel fehlt nicht mehr.

Die Raptors überraschen viele Experten

Mit einer Mannschaft, der das im Vorfeld kaum ein Analyst zugetraut hatte und die dank ihrer Außenseiter-Rolle selbst in den USA viele Sympathien auf sich vereint. Da ist Superstar Kawhi Leonard, der vergangene Saison verletzt ausfiel und dann völlig überraschend von San Antonio nach Toronto transferiert wurde. Da ist der 33-jährige Spielmacher Kyle Lowry, dem bis heute der Ruf anhängt, in den Play-offs nicht annähernd an seine Leistungsgrenze zu kommen. Da ist der spanische Center Marc Gasol. Seit Jahren einer der besten der Liga, steht er mit 34 Jahren erstmals in den Finals. Und da wäre der 24-jährige Kameruner Pascal Siakam, den bis vor dieser Saison kaum ein Experte auf dem Zettel hatte und der in den Play-offs den Basketball seines Lebens spielt

„Warum nicht träumen“, sagte Raptors-Manager Ujiri bereits bei seinem Amtsantritt 2013. Das gleiche dachte sich Bhatia 1995. Und während der mittlerweile mit einem kanadischen Pass ausgestattete Millionär seinen Traum längst verwirklicht hat, steht der Mannschaft der amtierende Meister aus Oakland im Weg. Aber, ob der Titel am Ende nach Kanada geht, scheint fast egal. Das einstige Eishockey-Land hat den Basketball für sich entdeckt – und selbst in den USA drücken die meisten Fans die Daumen. Klingt alles nach einem nordamerikanischen Traum.

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