Peter Wohlleben im Gespräch Glücksformel Wald

Von Ina Nefzer 

Der Erfolgsautor erzählt, warum man Kinder im Wald schreien lassen soll, wie Stadtmenschen mehr Kontakt mit der Natur haben können und wie wir dem Wald Gutes tun können.

Peter Wohllebens Welt ist der Wald. Er sagt: „Kindern den Wald als spannendes Abenteuerland vorzustellen, ist das Allerbeste, denn wenn sie als Erwachsene mit dem Thema Wald zu tun haben, ist das verankert.“ Foto: Oetinger/Jens Steingässer

Stuttgart - Peter Wohllebenist Vorbild für Kinder wie Erwachsene, denen er den Wald näher bringt. Im Interview erzählt er, warum wir alle mehr Zeit im Wald verbringen sollten.

Herr Wohlleben, funktioniert Naturschutz nur dann nachhaltig, wenn er Menschen glücklicher macht?

Ja, denn wenn Sachen keinen Spaß machen, hält man sich nicht daran. Ich würde mir natürlich schärfere Gesetzes­regelungen wünschen, aber Naturschutz funktioniert momentan zum Großteil auf freiwilliger Basis. Wenn man weiß, dass Bäume Gefühle haben und sich um ihren Nachwuchs kümmern, dann geht man auch anders mit ihnen um. Allein für die Werbeblättchen im Briefkasten werden in Deutschland Hunderttausende Bäume gefällt. Wenn man das weiß und es gar nicht braucht, kann man darauf verzichten.

Macht Ihnen Ihr umtriebiges Leben noch Spaß?

Ja natürlich! Jedes neue Projekt macht mich neugierig. Ich will immer wissen, wie was geht. Ich habe in meinem Leben konsequent nur gemacht, was ich für richtig halte, egal, ob das viel oder wenig Geld bringt. Anfang Mai haben wir beispielsweise die ersten an der Waldaka­demie ausgebildeten Waldführer verabschiedet. An der Waldakademie investieren wir mittlerweile viel in Ausbildung, Fortbildung und Forschung, gleichzeitig auch in Veranstaltungen, um den Leuten den Wald generell näherzubringen. Das explodiert förmlich und macht nicht nur insofern Spaß, als dass Kollegen und Kolleginnen mitarbeiten, sondern auch die ganze Familie. Das ist etwas, das würde ich gar nicht mehr als Beruf bezeichnen.

Warum fällt es so vielen Menschen so schwer, in der Natur loszulassen?

Sie erleben den Wald unter Zeitdruck, wollen bestimmte Strecken zurücklegen und können sich so einfach nicht entspannen.

Was kann da helfen?

Neben Erlebnisspaziergängen rate ich zu „Waldbaden“. Das ist eine Anleitung zurückzuschalten, ein bisschen aufmerksamer durch den Wald zu gehen, verbunden mit entsprechenden Yoga-Übungen oder Ähnlichem. Waldbaden ist mittlerweile im seriösen, wissenschaftlichen Bereich angekommen, weil es nachweis­bare Gesundheitseffekte gibt. In Japan gibt es Waldbaden sogar auf Krankenschein. Wie bei anderen Therapieformen hält das natürlich nur dann an, wenn Menschen anschließend das Gelernte umsetzen.

Eltern empfehlen Sie, mit ihrem Nachwuchs kreuz und quer durch den Wald zu laufen.

Wenn man über Waldboden läuft, entdeckt man natürlich viel mehr als auf dem Weg. Es macht Spaß, weil es Abenteuercharakter hat. Vornedran empfehle ich, die Kinder richtig laut schreien zu lassen. Bis heute wird Kindern erzählt, sie sollen im Wald leise sein – wegen der Tiere. Es ist aber genau das Gegenteil richtig: Wer leise ist, ist ein Jäger, laut ist der Spaziergänger. Zecken gibt es querfeldein natürlich mehr. Ich empfehle, helle und einfarbige Kleidung zu tragen, weil man sie dann sofort krabbeln sieht. Unmittelbar nachdem man durch ein Gestrüpp und Gebüsch gelaufen ist und sich wieder auf einem festen Weg befindet, sollte man mal kurz die Vorderseiten der Hosen absuchen. Damit kann man die allermeisten Zecken abfangen.

Hilft Empathie, die Natur besser zu verstehen?

Meines Erachtens, und das bestätigen immer mehr Wissenschaftler, ist das die einzig richtige Sichtweise. Gerade hat eine Forschung an der Uni Bonn festgestellt, dass Bäume Schmerz empfinden und richtig reflektieren können. Nicht nur, dass das Reflexe sind, sondern da läuft richtig was ab, mit schmerzunterdrückenden Substanzen, sodass die Wissenschaft immer mehr dazu übergeht, die Grenze Tier/Pflanze infrage zu stellen. Umgekehrt: Dieses nüchtern-sachliche Bild, das Pflanzen und Tiere auf das Niveau einer Maschine reduziert, muss man korrigieren.

Sie haben eine Reihe von Sets für Nachwuchs-Förster herausgebracht, mit denen man selbst eine Eberesche oder Hainbuche ziehen oder einen Blütengarten für Bienen anlegen kann. Was steckt hinter der Idee?

Die Samenbomben sind gerade etwas für Stadtkinder, die mit wenigen Blumen in Kontakt kommen. Die kann man irgendwo auf eine Freifläche pfeffern, um Bäume herum oder an einem Verkehrs­dreieck, und in den nächsten Wochen beobachten, was passiert. Natürlich kann man es auch im eigenen Garten machen. Vorausgesetzt, die Fläche wird nicht ständig abgemäht.

Wieso Hainbuche und Eberesche?

Das sind zwei heimische Bäume, die sind für die Tierwelt sehr wichtig. Die Eberesche hat Vogelbeeren, von denen sich über 60 heimische Vogelarten ernähren. Eichhörnchen essen die kleinen Nüsschen der Hainbuche, die sich im Herbst bilden. Man kann die Vogelbeeren der Eberesche essen und aus den Blättern der Hainbuche einen schmackhaften Salat machen. Beide Bäume sind harmlos, haben keine giftigen Anteile und keine hohe allergene Wirkung. Das sind Bäume, mit denen kann man etwas anfangen und sie machen auch als größere Bäume noch Freude.

Der Wald tut uns Gutes. Was können wir dem Wald Gutes tun?

Häufig reingehen! Viel Spaß haben! Kindern den Wald als spannendes Abenteuerland vorzustellen, ist das Allerbeste, denn wenn sie als Erwachsene mit dem Thema Wald zu tun haben, ist das verankert. Eine empathische Herangehensweise führt zu einem viel schöneren Bild von Natur. Man hat mehr Freude, gleichzeitig wächst das Verantwortungsgefühl.

Wohllebens Welt

Kinder- und Bilderbücher: Das neue Buch erscheint am 23. 9.: Weißt du, wo die Tiere wohnen? Oetinger. Ab 6 Jahren. Außerdem erhältlich: Weißt du, wo die Baumkinder sind? Oetinger. Ab 4 Jahren. Hörst du, wie die Bäume sprechen? Oetinger. Ab 6 Jahren.

Für Erwachsene: Das geheime Leben der Bäume. Heyne. Das geheime Band zwischen Mensch und Natur. Ludwig Buchverlag. Im Radio: Immer am Samstagvormittag um 9.40 Uhr in SWR 1. Im Fernsehen: Der mit dem Wald spricht. Unterwegs mit Peter Wohlleben. Er führt Prominente durch große deutsche Waldgebiete inklusive Übernachtung. Die ersten 6 Folgen sind in der ARD-Mediathek zu sehen.

Im Zeitschriftenregal: „Wohllebens Welt“ erscheint viermal jährlich.

Im Kino: Peter Wohlleben – Das geheime Leben der Bäume. Ab Januar 2020.

Wohllebens Waldakademie in Wershofen: Hier kann man am Buchen-Urwald-Projekt teilnehmen, Waldspaziergänge und Workshops buchen: www.wohllebens-waldakademie.de

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