Pillen, Diät, Sport Was hilft dem Herzen wirklich?

Von Gerlinde Felix 

Mittelmeerdiät, Nahrungsergänzungsmittel oder Sport – wie kann man Herzkrankheiten vorbeugen? Eine neue Studie gibt Antworten.

Ob Nahrungsergänzungsmittel oder spezielle Diäten helfen, Herzkrankheiten vorzubeugen, hat eine neue Studie untersucht.Foto: dpa

Stuttgart - Das Herz ist unser wichtigster Muskel. Schwächelt er, können Herzinfarkt, Koronare Herzkrankheit und Herzschwäche die Folge sein. Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die Todesursache Nummer eins in Deutschland. Deshalb ist es ratsam, sich zu fragen: „Was kann ich für meine Herzgesundheit tun?“ Moderater Sport ist zweifellos gut. Es gibt aber auch diverse Ergänzungsmittel wie Vitamine und Mineralien sowie Kostformen, denen immer wieder unterstellt wird, das Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle und sonstige Herzprobleme zu verringern. Fragen und Antworten dazu.

Können Nahrungsergänzungsmittel Herzkrankheiten vorbeugen? Das haben Forscher der John Hopkins Universitätsmedizin in Baltimore im Rahmen einer zusammenfassenden Analyse von 277 Einzelstudien untersucht – allesamt randomisiert, das heißt die Studienteilnehmer wurden rein zufällig einzelnen Studiengruppen zugeteilt. In die Analyse sind die Daten von fast einer Million Menschen eingeflossen. Der Großteil der untersuchten Vitamin-Ergänzungsmittel (A, B, C, D, und E und Betakarotin, Multivitamine), Mineralien & Co. bieten nach dem Ergebnis der Studie weder einen Schutzeffekt vor Herzerkrankungen noch verhelfen sie zu einem längeren Leben. Und von den acht in die Analyse einbezogenen Kostformen von salzarm, fettarm bis zu mediterraner Kost zeigte nur eine die erhofften Effekte für die Herzgesundheit, nämlich die salzarme. Die Analyse ergab zudem, dass die kombinierte Einnahme von Kalzium und Vitamin D das Schlaganfallrisiko erhöht.

Was sind die weiteren Hauptergebnisse der Studie? Nach den Daten soll die Einnahme von Folsäure das Risiko für einen Schlaganfall verringern. Allerdings stammen die Studien hierzu vor allem aus China, wo relativ oft ein Folsäuremangel auftritt. Es scheint also vor allem dann ein positiver Effekt einzutreten, wenn ein Folsäuremangel besteht. Das gilt offenbar auch für die entzündungshemmenden Omega-3-Fettsäuren aus Fischöl. Die Mehrheit der Studien haben die erhofften positiven Effekte für die Herzgesundheit nicht belegt. „Ich würde die Ergebnisse als grenzwertig bezeichnen“, sagt Meinrad Gawaz, Ärztlicher Direktor und Ordinarius für Innere Medizin und Kardiologie, Deutsches Herzkompetenzzentrum am Universitätsklinikum Tübingen.

Bei welchen Patienten ist die Einnahme von Omega-3-Fettsäuren sinnvoll? Nur zwei aktuellere Studien haben ergeben, dass Menschen, die sehr selten Meeresfrüchte essen und möglicherweise deshalb einen Mangel an Omega 3-Fettsäuren haben, von der Einnahme eines Supplementes profitieren. Bei Hochrisiko-Patienten, die sehr hohe Dosen einer gereinigten Form von Omega-3-Fettsäuren (Vascepa) einnahmen, war die Einnahme vorteilhaft. „Es scheint tatsächlich so zu sein, dass ein positiver Effekt dann gegeben ist, wenn ein Mangel vorliegt“, sagt der Tübinger Herzspezialist. „Zu einem Mangel sollten Sie es aber erst gar nicht kommen lassen.“

Gibt es eine besonders geeignete Ernährungsweise? Studien zu fettarmen Diäten, zu denen lange geraten wurde, um Cholesterol und das Risiko für Herzerkrankungen abzusenken, brachten keine überzeugenden Ergebnisse. Allerdings haben Untersuchungen gezeigt, dass das Verhältnis von ungesättigten Omega 3- zu den gesättigten Omega-6-Fettsäuren sehr wichtig ist. Deshalb ist es ratsam, wenig Butter, Fleisch und Käse zu essen.

Stattdessen sollte man beispielsweise zu Olivenöl, Leinöl, Walnussöl und ganzen Walnüssen, Chia-Samen, Leinsamen, Ölsaaten, Avocado und Lachs greifen oder, als vegane und vegetarische Alternative hierzu, Omega-3-Algenöl verwenden.

Ist die mediterrane Kost besser als andere Diäten? Bei der mediterranen Kost oder Mittelmeerdiät, zu der viel Gemüse, Fisch, Olivenöl und Nüsse gehören, kamen die Studienautoren zum Ergebnis, dass sie im Hinblick auf Herzerkrankungen keine Vorteile, aber auch keine Nachteile bringt. Vorteilhaft ist sie auch weiterhin, um das Risiko für Darmkrebs und Typ-2-Diabetes zu verringern. Was bestätigt wurde: Möglichst Kochsalz-bewusst zu essen. Kochsalz kann den Blutdruck erhöhen. Fünf Gramm Kochsalz täglich ist der von der Weltgesundheitsorganisation empfohlene Wert. „Man muss aber Unterschiede berücksichtigen. Marathonläufer und Magen-Darm-kranke Menschen brauchen mehr Kochsalz als andere“, sagt Gawaz.

Außerdem reagiert der Blutdruck nicht bei allen Menschen gleich empfindlich auf Kochsalz. Die Analyse ergab, dass eine salzarme Ernährung die Gesamtsterblichkeit – das heißt, wenn alle möglichen Ursachen berücksichtigt werden – nur bei Menschen mit normalen Blutdruckwerten verringert. Bei Personen mit Bluthochdruck reduzierte eine verringerte Kochsalzaufnahme die Zahl der Todesfälle infolge von Herzerkrankungen.

Welche Aktivitäten sind gut fürs Herz? Wichtig ist, dass wir bereits aktiv werden, so lange wir gesund sind. „Die Reparaturmedizin ist immer weniger effektiv als die Prävention“, sagt Gawaz. Er rät viel zu laufen, möglichst 10.000 Schritte pro Tag. Am besten kontrolliert man sich eine Zeit lang mit einem Schrittzähler. Normalerweise bringen wir täglich viel weniger Schritte zusammen, als wir vermuten. Etwa drei bis vier Mal pro Woche sollte die Bewegung – zum Beispiel Treppensteigen, Schwimmen, Fahrradfahren, Joggen, Walken – etwas anstrengender sein, um den Puls auch mal nach oben zu bringen. Wer sich mehr bewegt, tut auch etwas gegen das überflüssige Fett im Bauchbereich. „Dieses Übergewicht ist besonders schädlich und führt zum sogenannten metabolischen Syndrom, zu dem auch Typ 2-Diabetes gehört“, warnt der Tübinger Mediziner. Darüber hinaus rät er dazu, den Alkoholkonsum einzuschränken, denn Alkohol lässt den Blutdruck steigen. „Wer gleichzeitig noch raucht, schadet sich doppelt.“

Wie groß ist das Problem hierzulande?

Zuletzt ist die Sterblichkeit durch Herzkrankheiten etwas gesunken – das geht aus dem jüngsten Herzbericht 2018 der Deutschen Herzstiftung hervor. Doch nach wie vor gelten Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Deutschland als Todesursache Nummer eins. In Baden-Württemberg starben im Jahr 2016 landesweit 200 Menschen je 100 000 Einwohner durch Herzkrankheiten. Allerdings steigen die Klinikaufnahmen in bestimmten Bereichen deutlich an: Mehr Patienten werden wegen Herzschwäche, Rhythmusstörungen und Klappenerkrankungen stationär behandelt. Zu tun habe das mit der älter werdenden Bevölkerung und der steigenden Lebenserwartung, sagt Raffi Bekeredjian, Chefarzt der Abteilung für Kardiologie im Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhaus. Eine Herzschwäche etwa ist häufig die Folge anderer Herzerkrankungen, auch die Funktion der Herzklappen wird mit der Lebensdauer immer stärker beeinträchtigt.

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