Pinks Konzert im Stuttgarter Stadion Kommt ein Rockstar geflogen

Von Jan Ulrich Welke 

Jede Menge Welthits und eine Himmelfahrt: Die amerikanische Sängerin Pink ist vor 44 000 Besuchern im ausverkauften Stuttgarter Stadion aufgetreten und hat eine Show gezeigt, die alles von ihr bisher Gezeigte in den Schatten stellt.

Pink schwebt singend bei ihrem Konzert im Stuttgarter Stadion ein. Foto: Lichtgut/Oliver Willikonsky

Stuttgart - Wer ein Konzert besucht, so ließe sich grob differenzieren, macht dies aus einem von drei Gründen. Aus Interesse daran, außerordentlich befähigten Künstlern beim Vorführen ihrer Fertigkeiten zuzusehen und vor allen Dingen zuzuhören. Aus dem Wunsch heraus, wohlbekannte und -geschätzte Stücke in einer tollen Show und als zusammenhängendes Panoptikum serviert zu bekommen. Oder aus der Erwartung, dass beides ideal zusammenfällt.

Ein Vergleich sei erlaubt

Der erstgenannte Grund ist neulich beim Konzert von Phil Collins im Stadion zu bestaunen gewesen. Dorthin kam niemand, weil er sich eine bombastische Show erwartet hätte oder von dem bekanntlich gesundheitlich schwer angeschlagenen Musiker außergewöhnliche Bühnenagilität erwartet hätte. Als Vergleich mag dieser Auftritt dennoch herhalten, denn mit welchen Stuttgarter Konzerten sonst könnte man ein so gigantomanisches Spektakel wie einen Auftritt vor gut vierzigtausend Besuchern in einem Fußballstadion vergleichen.

Weltstars sind sie beide, der Brite Collins wie die Amerikanerin Pink, einen vergleichbar üppig gefüllten Sack voller Welthits haben sie beide – und ihn haben sie beide auch bei ihren Auftritten in der Stuttgarter Mercedes-Benz-Arena freigiebig geöffnet. Collins jedoch hatte ein wirklich vorzügliche Begleitband mit erfahrenen Könnern dabei, bei seinem Auftritt näherte sich der Klang dem in einem Auditorium dieser Größe besten machbaren Sound, und bei ihm zog das Konzert ohne störende Kunstpausen oder ablenkenden Bühnenzierrat vorüber.

Bei Pink gibt’s eine weitaus kleinere und unspektakulärer musizierende Band, sechsköpfig mit zwei Backingvokalisten. Der viel zu laute Gesamtklang ist sehr höhenlastig und kurz vor der Übersteuerungsgrenze. Und zwischendurch ergeben sich vier längere Pausen, die – erwartungsgemäß – den Garderobenwechseln der Sängerin sowie – überraschend – eingespielten Kurzfilmen dienen, deren edler intendierter Zweck sich zwar erschließt (eine verrohende Gesellschaft, der man Empathie und Mutterliebe entgegensetzen sollte), den man aber lieber leibhaftig aus dem Mund der Sängerin statt nur aus dem Off eingesprochen gehört hätte. Im Vergleich ergäbe sich so ein klarer Punktsieg für Collins über Pink, doch der wird umgehend egalisiert.

Diese Show sucht ihresgleichen

Denn da wäre ja noch der zweite Punkt, die Bühnenshow. Sie stellt in den Schatten, was Pink bei ihren bisher erstaunlicherweise schon sieben Konzerten in der Schleyerhallein diesem Jahrtausend geboten hat. Los geht’s mit einer Art riesigem pinkfarbenen Kronleuchter, auf dem die Sängerin auf die Bühne eingeschwebt kommt und von dem sie sich kunstvoll abseilt. „Get the Party started“ heißt passend die Marschroute vorzeichnend der erste ihrer vielen Riesenhits, den sie dazu serviert. Die Frau aus Pennsylvania, die als 16-jährige Schulabbrecherin nach Atlanta zog, um dort Drogenprobleme und Fast-Food-Läden-Kellnerinnenjobs hinter sich zu lassen und eine Karriere anzuzetteln, die ansonsten nur im Märchen möglich ist, zeigt somit umstandslos, dass sie sich auch in beneidenswerter athletischer Verfassung befindet. Sie hat aber noch reichlich mehr in Petto. Ein ganzes Rudel Tänzerinnen und Tänzer steht ihr dabei zur Seite, ein zigfach wechselndes Bühnenbild auf einer ohnehin – bis hin zu den beiden üppigen Videowänden – reich verzierten Bühne, zwischendurch brennt sie buchstäblich ab, was in diesem Stadion eine ganze Saison lang nicht zu bewundern war, nämlich ein Feuerwerk. Unzählige neue Settings gibt es zu bestaunen, ununterbrochen neue visuelle Reize.

Dazu kommen Welthits im Zehnminutentakt. „Just like a Pill“ folgt als drittes Lied, „Funhouse“ als fünftes, „Try“ als achtes und „Just give me a Reason“ als neuntes, zum Ende des zweistündigen Spektakels „Raise your Glass“ und „Blow me (One last Kiss)“. Gewürzt wird das Ganze schließlich zwischendurch mit zwei besonderen Momenten. Ihrer Coverversion von Cindy Laupers „Time after Time“, die man nicht besser gelungen als das Original finden muss und die vielleicht auch nicht die originellste Wahl ist, die sie aber allein zur Gitarrenbegleitung vorne am weit aus der Bühne herauskragenden Steg hübsch anzuhörend singt. Sowie ihrer wirklich gelungenen Version des Lieds „River“ der britischen Alternative-Elektronikmusikerin Bishop Briggs, über die Pink im Stadion erzählt, dass sie an ihr einen Narren gefressen habe. Pink gibt sich ebenso leutselig wie Publikumsnah, die Frau ohne Berührungsängste – bei ihrem Konzert in Hamburg besuchte sie den Zoo, in Köln radelte sie um den Dom, in Stuttgart shoppte sie in einer Weinhandlung – steigt gar von der Bühne hinab und signiert einen Besucherinnenleib.

Wer wollte da klagen?

All das könnte man als völlig überkandidelt, als heillos hedonistisch und als im wahrsten Wortsinne überfrachteten Event – knapp neunzig LKW sind nötig, um die Staffage zu transportieren – einer Unterhaltungsmaschinerie lesen, die nur noch in Gigantomanie ihre Erfüllung findet. Ganz gerecht würde man dieser Alecia Beth Moore damit allerdings nicht. Die Beharrlichkeit, mit der sie ihre Künstlerkarriere vorangetrieben hat, nötigt Respekt ab. Der Umstand, dass sie im Gegensatz zu vielen ihrer Superstarkolleginnen fast alle ihrer Erfolge selbst geschrieben hat, ebenso. Und dass ihre Musik so große Massen anspricht, dass jede Form von Konzertintimität schlichtweg nicht mehr zu realisieren ist, wird man schwerlich der Künstlerin vorwerfen können.

Die allem übrigens auch noch eine Krone aufzusetzen vermag. Zum Finale zeigt Pink anschaulich, was sie herausragen lässt. Explosiv katapultiert sie sich in die Höhe, an einem das komplette Stadion überspannenden Seil aufgehängt rauscht sie durch lichte Höhen bis hinüber zur der Bühne gegenüberliegenden Tribüne, in einer wirklich atemberaubenden Leistung gibt sie dazu in zig Metern Höhe „So what“, den letzten großen Hit des Abends.

„So, so what, I’m still a Rock Star“ singt sie darin. Und genau so ist es auch.

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