Plastikverpackungen Was das Vermeiden so schwer macht

Von Judith A. Sägesser 

Wer anders lebt als die breite Masse, hat es nicht leicht. Warum es sich trotzdem lohnt, es zu versuchen.

Häufig sind Obst und Gemüse in Plastik eingeschweißt.Foto: dpa/Christoph Sator

Stuttgart - Mein Vorsatz, Plastik zu vermeiden, war ruck, zuck gefasst. Mir war vor einem Jahr, als ich angefangen habe, allerdings nicht bewusst, welchen Rattenschwanz an Problemen das nach sich zieht. Es sind vor allem vier Dinge, die mich seither herausfordern.

Erstens: Plastik hat seit seiner Erfindung nicht grundlos den Siegeszug angetreten. Plastik ist verdammt praktisch. Das passt zu einer Gesellschaft, die verlernt hat, Spätzle selbst zu schaben, die sich lieber mit Duschgel statt mit Seife wäscht, die sich abends rasch eine Tiefkühlpizza aufbackt. Heißt im Umkehrschluss: Ohne Plastik ist erst mal alles kompliziert. Schaffe ich zum Beispiel meine Pasta beim Italiener nicht komplett, muss ich sie entweder abräumen – also wegwerfen – lassen, oder ich war weitsichtig genug, eine eigene Dose einzupacken. Weitsicht ist ein gutes Stichwort. War ich früher einkaufen, benötigte ich allenfalls den Einkaufszettel. Jetzt brauche ich Gefäße, einen Rucksack und einen Plan für all die Anlaufstellen. Einkaufen geht nicht mehr spontan, sondern will durchdacht sein.

Freunde und Fremde sind skeptisch

Zweitens: Plastik zu vermeiden heißt auch zu verzichten. Es lässt sich nicht alles eins zu eins ersetzen. Oder aber es ist mit großem Aufwand verbunden, womit wir wieder beim ersten Punkt wären. Tortellini, Chips, Honigwaffeln, Krabben, Küchenrolle – alles nicht oder nur schwer ohne Plastik zu finden. Es gilt, jahrelang einstudierte Gewohnheiten zu überdenken – und zu ändern.

Drittens: Wer einen anderen Weg geht als die breite Masse, erntet Bewunderung, aber auch Skepsis. Ob Freunde oder Fremde, viele machen sich einen Sport daraus, einem vorzuhalten, dass Papiertüten eine viel schlechtere Ökobilanz haben als die aus Plastik. Oder dass Glas bei seiner Herstellung mindestens so viel wenn nicht sogar mehr Energie frisst. Oder dass es doch eh nichts bringt bei all den Plastikbergen in den Läden. Kann gut sein, dass alle mitein­ander recht haben. Der Ausweg wäre Zero Waste – also gar kein Müll mehr. Und das ist mir (noch) eine Nummer zu groß. Also versuche ich, schnell das Thema zu wechseln.

Viel Plastik kommt als Geschenk ins Haus

Viertens: Es wird einem sehr schwer gemacht. Da kaufe ich eine Seife in Papierbanderole und merke zu spät, dass das Papier mit Plastik durchsetzt ist. Oder ich greife zu Müsli in Papier, beim Öffnen sehe ich: Plastikinnentasche. Oder ich kaufe Käse in die eigene Box, und die Verkäuferin legt ein beschichtetes Papier auf die Waage. Außerdem wird auch der Käselaib in Plastik an den Laden geliefert und in der Auslage in Folie eingeschlagen. Und dann kommt einem viel Plastik ungefragt ins Haus. Als Kindergeschenk beim Zahnarzt, als Mitbringsel von Gästen. Plastik ist wirklich überall.

Fragt sich, warum ich trotzdem so lang durchgehalten habe. Weniger Auswahl zu haben nervt erst einmal. Doch mit der Zeit merke ich, dass nicht nur das Sortiment geschrumpft ist, sondern auch meine Bedürfnisse. Das wirkt befreiend.

Artikel teilen