Rush Hour in Wembach Zur Schichtarbeit ins Schwarzwald-Dörfli

Von Eberhard Wein 

Tagsüber ausgestorben – das gibt es in vielen Schlafgemeinden in Baden-Württemberg. Im winzigen Wembach ist es genau umgekehrt. Wie der Ort mit den prozentual meisten Einpendlern im Land versucht, seine Verkehrsprobleme zu lösen.

Mittags ist bei der Firma Hella Schichtwechsel. Dann sind Parkplätze besonders knapp.Foto:  

Wembach - Es ist Rushhour in Wembach. Gerade überquert Christian Rüscher, seines Zeichens ehrenamtlicher Bürgermeister des 340-Einwohner-Dörflis im Kreis Lörrach, zu Fuß die Hauptstraße. Links erstreckt sich eine Nasswiese, dahinter säumen zwei mächtige Schwarzwaldhäuser mit hölzernen Fassaden und tief herunterreichenden Dächern die Straße. Von dort kommt Förster Rolf Berger angelaufen. Er geht mit dem iPad in den Wald, um Borkenkäfer zu erfassen. Gleichzeitig fährt aus der gegenüberliegenden Felsenstraße Matthias Held heran, Spezialist für Blechnereiarbeiten und Badsanierungen. Auch er bleibt mitten auf der Kreuzung stehen und kurbelt das Fenster seines Lieferwagens herunter. „Jetzt könnten wir eine Gemeinderatssitzung abhalten“, witzelt der Bürgermeister. Denn wenn das Gremium montagabends tagt, sind die beiden anderen auch dabei.

Die Gemarkung von Wembach misst 1,8 Quadratkilometer. So klein ist keine andere Gemeinde in Baden-Württemberg. Selbst die 96 Einwohner im benachbarten Böllen, der kleinsten Kommune im Land, bewohnen eine dreimal so große Fläche. Dafür ist Wembach in einer anderen Beziehung ganz groß. Keine Gemeinde im Land zieht, gemessen an der Einwohnerzahl, so viele Arbeitnehmer an. 118 Wembacher haben ihre Arbeitsstelle außerhalb, aber 610 kommen tagtäglich zum Arbeiten in den Ort. Das entspricht einem P endlersaldo von +149,5 Prozent . Zum Vergleich: in Stuttgart sind es 27,1 Prozent. Andernorts spricht man von Schlafstädten, in Wembach ist es gerade umgekehrt: Tags ist der Teufel los, am Abend wird es ruhiger. Allerdings wird auch dann noch gearbeitet.

Hella knipste das Licht an

Ein einziges Unternehmen ist für den Ausnahmewert verantwortlich. An der tiefsten Stelle des Ortes, wo das Flüsschen Wiese plätschert und die Bundesstraße von Schopfheim zum Feldberg vorbeiführt, liegt das dicht mit Flachdachbauten und Industriehallen zugebaute Betriebsgelände der Firma Hella. Kurz nach dem Krieg war der Betrieb zunächst wenige Kilometer weiter in Todtnau als „Westfälische Metall Industrie GmbH“ gegründet worden. Wegen der Kuckucksuhrenindustrie habe man dort Fachkräfte im Bereich der Feinwerktechnik vermutet, sagt ein Sprecher des Mutterhauses im westfälischen Lippstadt. Einheimische wissen, dass dies nur die offizielle Version ist. Tatsächlich soll es einem Mitglied der Lipp­städter Eigentümerfamilie bei einem Schwarzwaldurlaub so gut gefallen haben, dass er nach einem Grund für einen Umzug gesucht habe.

Wie dem auch sei: Der Betrieb, in dem Innenleuchten und Elektronikteile für die Autoindustrie entwickelt und hergestellt werden, wuchs. 1977 folgte die Übersiedlung auf das Gelände einer ehemaligen Schreinerei in Wembach. Weltweit zählt das im MDAX notierte Familienunternehmen 40 000 Beschäftigte. In der südbadischen Außenstelle sind es immerhin 550.

Feinstaubalarm gibt es nicht

Ein Teil von ihnen hat zur Mittagszeit Schichtwechsel. Gerade rollen drei Autos hintereinander auf die Kreuzung zu und umfahren brav die drei Herren, die dort immer noch ihre Spontansitzung abhalten. Naja, in Stuttgart habe man gewiss eine andere Vorstellung von der Hauptverkehrszeit, sagt der Bürgermeister, der seelenruhig auf der Fahrbahn steht. Feinstaubalarm, Blechkarawanen und Dieselfahrverbote kenne man nicht. Auf der 30 Kilometer langen Fahrt von seinem Wohnort zur Arbeit habe er noch nie einen Stau erlebt, sagt Rüscher, der mit seiner Familie in Sankt Blasien wohnt – und natürlich im Hauptberuf ebenfalls bei Hella arbeitet.

Rüscher ist in Wembach aufgewachsen. „Ich kenne hier jeden“, sagt der 47-Jährige. Kritik werde ihm gegenüber sehr offen geäußert. Vor allem das tägliche Parkchaos ärgere die Menschen. Vor zwei Jahren ließ er deshalb bei einem Ingenieurbüro ein Verkehrskonzept erstellen. Dessen Vorschläge werden nun nach und nach abgearbeitet. Beim Radweg nach Schopfheim gab es einen Lückenschluss, die Abfahrtszeiten des Linienbusses wurden auf den Schichtplan abgestimmt. In Verhandlungen erreichte Rüscher, dass die wenigen Parkplätze auf dem Betriebsgelände, die früher langjährigen Mitarbeitern vorbehalten waren, für Fahrgemeinschaften reserviert wurden. Zudem wurde das Parken in der Zufahrtsstraße eingeschränkt. Seit regelmäßig der Vollzugsmitarbeiter des Gemeindeverwaltungsverbandes aus Schönau herunterkomme und kontrolliere, funktioniere das auch.

Nicht auf andere angewiesen

Dass die Gemeinde auch den großen Parkplatz vor dem Firmentor erweiterte, könnte man als verdeckte Subvention verstehen. Andererseits: Wembach ist Hella und umgekehrt. Da will der Bürgermeister nicht knausrig sein. Schließlich überweist das Unternehmen jährlich Gewerbesteuern im hohen sechsstelligen Bereich. Und es sei wohl allemal besser, von einem großen Gewerbesteuerzahler abzuhängen, als vom Wohlwollen anderer Gemeinden und der Zuschussgeber. „Wir sind eine Bedarfsgemeinde, die sich selbst finanziert“, sagt Rüscher stolz. „Wenn wir etwas wollen, müssen wir nicht erst betteln.“

Das war nicht immer so. Als Anfang der 50er Jahre die Nachbargemeinden eine Sammelbestellung von Äxten aufgaben, ging der Wembacher Waldarbeiter leer aus. 15 Mark wären zuviel gewesen. Die Industrialisierung, die im Wiesental früh eingesetzt hatte, hatte den Ort ausgespart. Erst Hella knipste das Licht an. Heute könne man sich alles leisten, was man brauche. Sogar ein wenig Luxus erlaubt sich die Gemeinde. Gegenüber der Hella hat man einen kleinen Park angelegt mit Boulebahn, Grillhütte, Sonnenliegen und einem Brunnen, an dem im Sommer die Kinder spielen. Auch einen Bolzplatz gibt es inzwischen. „Dafür haben wir als Kinder noch eine Demo gemacht“, sagt Rüscher. Das größte Problem war weniger das Geld, als einen Platz zu finden auf den 1,8 Hektar, die Wembach heißen.

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