Saisonauftakt Schauspiel Stuttgart Calixto Bieitos grandiose Inszenierung der „Italienischen Nacht“

Von Nicole Golombek 

Lauter halbe Menschen und eine ganz große Oper: So beeindruckte Calixto Bieitos Inszenierung von Ödön von Horváths selten gespieltem Drama „Italienische Nacht“ im Schauspielhaus Stuttgart.

„So lange ich hier der Chef bin, kann nichts passieren“, sagt Elmar Roloff (Mitte) als der Stadtrat in Horváths Stück „Italienische Nacht“ von 1931, in dem die Demokratie vom aufkommenden Faschismus bedroht wird. Seine Frau Adele (Christiane Roßbach) und die politischen Freunde (Michael Stiller, Felix Strobel, Boris Burgstaller, v. li.)sind skeptisch. Foto: avid Baltzer

Stuttgart - Das Unheil kommt als Klang, als Marschmusik. Mal aus dem Saal, von hinten rechts, mal aus dem Bühnenraum, irgendwo da vorne. Der Schall aus dem toten Winkel weckt mehr Assoziationen, mehr Angst als Springerstiefel, Ledermäntel und kahl rasierte Schädel.

Soll man die Störung ernst nehmen oder nicht? Der Raum, in dem sie erklingt, ist groß. Muss man diesen scheinbar harmlosen, aber gefährlich stampfenden Rhythmus ignorieren? Tolerieren? Oder ihn doch zum Verstummen bringen? Das sind die Fragen, die der spanische Regisseur Calixto Bieito am Samstag zum Saisonauftakt im Schauspielhaus Stuttgart mit seiner zweistündigen Inszenierung des eher selten auf den Theaterspielplänen auftauchenden Stückes „Italienische Nacht“ stellt.

Warten, bis die Karten neu gemischt werden

Die Demokraten, die im 1931 uraufgeführten Stück von Ödön von Horváth Republikaner heißen, sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um sich das ernsthaft zu fragen. Sie begnügen sich damit, unwillig ihr Kartenspiel zu unterbrechen, kurz zu lauschen, wie hier der Marsch geblasen wird. Sie winken ab, passen, warten, bis die Karten neu gemischt werden. Bis dahin befassen sie sich lieber mit internen Querelen und mit der Planung der republikanischen Feier, einer italienischen Nacht.

Nur einer steht unzufrieden am Rand, die gelockten Haare fliegen – als stünde er in einem Sturm – nach hinten weg: Martin (David Müller), der Revoluzzer. Er will die Waffen sprechen lassen und verachtet die Vorbereitungen zu dieser kleinbürgerlichen Harmoniefete. Die Faschisten sind schließlich in der Stadt und sollen mit Waffen statt mit Lichterketten bekämpft werden.

Calixto Bieito leugnet nicht, dass sein Arbeitsschwerpunkt bei der Oper liegt (in Stuttgart inszenierte er unter anderem Wagners „Parsifal“ und den „Fliegenden Holländer“). Mit Livemusik (Barbora Horáková), mit Trompete, Posaune,Tuba Waldhorn, Schlagzeug, mit einem stummen Statisten-Chor und einer klug gebauten Bühne wird eine unheilvolle Stimmung kreiert. Die Statisten agieren mal als Festgäste, mal als Faschisten auf der dumpf nebligen Bühne (Calixto Bieito und Helen Stichlmeir) und sorgen für Unruhe. Hier stehen in Reih und Glied Biertische. Ein Ort, der zeigt, wohin die politische Entwicklung geht: in die Demagogen-Halle, nicht an einen Friede-Freude-Demokratie-Festort.

Bieito inszeniert mit Witz

Bieito erweist sich als Regisseur, der auch im Detail genau arbeitet. Und den Witz ausspielt, der in der Charakterschwäche der Figuren zu finden ist. Er verordnet den Schauspielern, die in schicken Vintage-Klamotten der 1930er stecken (Kostüme: Sophia Schneider), beredte Pausen, setzt auf viel sagende Blicke, Gesten. So werden aus groben Typen vielschichtige Charaktere.

Im Zentrum steht David Müller, der den Martin nicht wie einen komplett verbohrten Sozialisten spielt, sondern wie einen ehrgeizigen jungen Mann. Er zofft sich mit Elmar Roloff, der den Stadtrat fabelhaft mit einem Mix aus Ignoranz und jovialer Überheblichkeit ausstattet: „Nichts zu fürchten“ habe man, solange er am Ruder sei, prahlt er. Und dies, nachdem seine Frau und Martin ihn vor den Faschisten gerettet haben, die das Fest stürmen . . .

Martin rauft auch mit dem Musiker Karl. Den spielt Peer Oscar Musinowski als herrlich begriffsstutzigen Choleriker. Er ist in Martins Augen ein „halber Mensch“, weil er nicht mal sein Versprechen hält, das Fest ein bisschen zu boykottieren, indem er dort das Tanzen mit der politisch eher weniger interessierten Leni (Nina Siewert) verweigert.

Die Hände flattern unter der Gürtellinie

Nicht nur Karl leidet darunter, ein „halber Mensch“ zu sein. Ein jeder kämpft mit der politischen Situation und mit seinen Dämonen. Der Kopf spricht kühl von Sozialismus oder Faschismus, die Hände flattern schwitzig-heiß unter der Gürtellinie, sie liegen auf Frauenschenkeln, in Schoßnähe, der eigenen oder der anderer. Klar, der Faschist ist böse – Matthias Leja spielt ihn als Salonnazi, der mit heruntergelassenen Hosen vom deutschen Rhein singt.

Aber die anderen sind nicht grundgut, nur besser. Martin hält sich für den Klügsten, schickt Anna auf den „politischen Strich“, wie Karl sagt, und sprengt die italienische Nacht, indem er ausgerechnet die harmlose Ballettdarbietung kleiner Mädchen mit Buh-Rufen kommentiert. Anna (Paula Skorupa) ist vom Sozialismus beseelt, überschätzt sich aber auch: Sie willigt ein, mit dem Todfeind anzubandeln, um ihn auszuhorchen. Sie erfährt wenig, wird dafür beinahe vergewaltigt.

Die wackeren Freunde des Stadtrates (Boris Burgstaller als Kranz und Felix Strobel, der aus einer Minirolle Engelbert eine schöne Charakterskizze eines nervösen Emporkömmlings macht), sind schnell dabei, die Lieder der neuen Rechten mitzusingen.

Szenenapplaus für Christiane Roßbach

Der Stadtrat hält die friedensbewegte Fahne hoch und fühlt sich nur gut, wenn er seine Frau Adele (Christiane Roßbach) demütigt. Betz (Michael Stiller), der alte Freund des Stadtrats, befummelt Adele, während er vorgibt, sie zu trösten. Der Wirt (Klaus Rodewald) hasst seine Frau und macht sich auch an Adele ran, indem er ihr Schnapsgläser zuschiebt, während ihr Mann auf der Bühne steht und singt, was zu einer grandiosen Slapstickszene voller schräger Blicke führt. Adele gibt sich tugendhaft und trinkt heimlich. Dennoch ist sie diejenige, die ihren Mann gegen die Faschisten verteidigen wird – und für ihre Zivilcourage Szenenapplaus erhält.

Ansonsten verweigert Bieito klug jegliches Identifikationsangebot. Die Sehnsucht nach dem Erlöser, der es schon richten wird im Kampf gegen das politisch Üble, wird nicht befriedigt. Lauter halbe Menschen, überall. Keiner weiß, ob er an Gott oder an den Sozialismus oder an sich selbst glauben soll. Bieito zeigt mit seiner beeindruckenden Regiearbeit eine Komödie in der großen Tragödie und hebt die ewig gültige Aktualität des Stückes hervor, das jetzt vielleicht noch heutiger ist denn je.

Info

Die nächsten Termine: 29. September, 2., 3. und 21. Oktober. Karten 0711/20 20 90.

Artikel teilen