Schlafforscher im Interview Wann Männer und Frauen besser getrennt schlafen sollten

Von Claudia Scholz 

Weniger Schlaf macht nicht alle erfolgreicher, und wer dauerhaft eine glückliche Beziehung will, sollte sich den Partner mit dem richtigen Verhalten suchen, sagt der Tübinger Schlafforscher Albrecht Vorster.

Männer schlafen länger und tiefer, wenn die Partnerin oder der Partner neben ihnen liegt.Foto: LIGHTFIELD STUDIOS - stock.adobe.com

Stuttgart - Im Interview erklärt der junge Schlafforscher Albrecht Vorster, warum Politiker und Manager keine Vorbilder beim Schlafen sind, was bei der Bettruhe stört und wieso manche Paare nicht zusammen schlafen sollten.

Herr Vorster, Warum gibt es Schlaf?

Schlaf ist kein passiver, sondern ein sehr aktiver Zustand. Schlafen ist wie Waschen, Schneiden, Legen beim Friseur. Proteinreste werden wortwörtlich herausgewaschen, Nervenverbindungen wie ein Baum zurückgestutzt und unsere Gedächtnisspuren wieder ins Reine geschrieben und konstruktive Ideen daraus gemacht. Dem Schlaf kommt auch bei der Umverteilung und Festigung des Gedächtnisses eine entscheidende Rolle zu.

Wie viel Schlaf ist gesund?

Es ist einer der größten Mythen, dass man sieben oder acht Stunden Schlaf braucht. Acht Stunden können für einen geborenen Kurzschläfer zu viel sein. Wenn wir zu viel Zeit im Bett verbringen, wird der Schlaf brüchig. Dann schleichen sich Schlaflücken ein. Der Schlaf-Wach-Rhythmus wird instabiler.

Politiker und Manager geben damit an, nur vier oder fünf Stunden Schlaf zu benötigen. Ist man mit weniger Schlaf erfolgreicher?

Es gibt ein paar wenige Menschen, die mit wenig Schlaf auskommen. Schlaf ist so verteilt wie Körpergröße in der Gesellschaft, es gibt wenige, die ganz lang geraten sind und manche ganz kurz. Die meisten Menschen wären mit fünf Stunden Schlaf gar nicht leistungsfähig. Es ist nicht clever, zwei Stunden weniger zu schlafen, dafür aber die restlichen 18 Stunden des Tages mit einer geringeren Gedächtnisleistung, Cleverness und Lebensfreude zu verbringen. Ich habe zwei Stunden hinzugewonnen, bin aber womöglich nicht so effektiv, wie wenn ich ausgeschlafen hätte. Vielleicht verliere ich sogar Zeit, weil ich langsamer bin und häufiger krank werde.

Wie gefährlich ist Schlafmangel?

Wenn jemand, der täglich acht Stunden Schlaf braucht, plötzlich nur noch sechs Stunden bekommt, wird er auf die Dauer gesundheitliche Probleme bekommen. Seine Gedächtnisleistung wird abnehmen, er wird anfälliger für Krankheiten und sogar für Alzheimer. Die frühere englische Premierministerin Margaret Thatcher gab an, pro Tag nur vier Stunden zu schlafen. Später erkrankte sie an Alzheimer.

Führt Arbeitsstress zu Schlafproblemen?

Was die Menschen häufig wach hält, sind Sorgen, die in der Nacht auftauchen, weil man sich tagsüber nicht mit ihnen beschäftigt hat. Man liegt im Bett und überlegt, was man am nächsten Tag tun könnte. Doch wenn wir im Bett liegen, kommen wir zu keinen Lösungen. Vor dem Zubettgehen sollte man auf einem Blatt Papier aufzuschreiben, was man am nächsten Tag erledigen will. Das befreit vom Grübeln. Das Bett ist zum Schlafen da.

Tut das gemeinsame Schlafen Paaren gut?

Männern lässt sich der Paarschlaf empfehlen: Sie schlafen länger und tiefer, wenn die Partnerin oder der Partner neben ihnen liegt. Frauen scheinen trotz gesteigerten Wohlbefindens unruhiger und weniger tief zu schlafen. Eine mögliche Erklärung bietet das Bild der klassischen Steinzeitfamilie. Der Mann jagt, die Frau hütet Feuer, Kind und Höhle. Ein Wimmern des Kindes dringt sogar während des Tiefschlafs direkt in ihr Aufmerksamkeitszentrum vor. Der Mann, wenn er von der Jagd – heute Geschäftsreise – nach Hause gekommen war, war nun sicher vor wilden Tieren und konnte beruhigt schlafen, entspannt durch die Gewissheit, dass ihm während der Nacht kein Nebenbuhler seine Frau streitig machte.

Können Partner mit unterschiedlichen Schlafverhalten zusammenleben?

Am besten in getrennten Zimmern. Wichtig ist, dass man sich nicht auf den Geist geht. Auf Dating-Plattformen sollte der Button „Morgentyp/Abendtyp“ zum Anklicken angeboten werden, damit die zwei, die sich finden, auch wirklich Zeit miteinander verbringen können. Die unterschiedliche Schlafpräferenz kann durchaus zum Bruch einer Beziehung führen, denn der eine steht morgens zwei Stunden vor dem anderen auf, der andere kommt erst drei Stunden später heim. Obwohl man zusammen lebt, lebt man in unterschiedlichen Zeitzonen aneinander vorbei, sodass am Ende nur eine gemeinsame Stunde pro Tag und das Wochenende als Partnerzeit bleiben.

Hilft Sex beim Einschlafen?

Ja. Durch das ausgeschüttete Kuschelhormon Oxytocin fühlen wir uns geborgen und wohl.

Sind Eltern schuld, wenn ihre Kinder schlecht schlafen?

Viele Schlafprobleme bei Kindern treten auf, weil Kinder, die Kurzschläfer oder Nachteulen sind, zu früh ins Bett geschickt werden. Nicht alle Kinder können um sieben Uhr schlafen. Manche sind erst um elf Uhr abends müde. Es ist unangenehm, im Bett zu liegen und noch nicht schlafen zu können. Dann lernen diese Kinder früh, dass Einschlafen nicht gut klappt, dass Schlafen schwierig ist. Und vielleicht tragen sie Schlafprobleme später ihr ganzes Leben mit sich herum.

Zur Person

Albrecht Vorster, 1985 in Köln geboren, studierte Biologie und Philosophie an der Universität Freiburg. Derzeit promoviert er am Institut für medizinische Psychologie der Uni Tübingen über Gedächtnisbildung im Schlaf der Meeresschnecke Aplysia. Vorster liest am 15. Mai 2019 um 19.30 Uhr in der Buchhandlung Albert Müller in Stuttgart aus seinem Buch „Warum wir schlafen“ (Heyne Verlag).

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