Schrothkur in Oberstaufen Detox im Allgäu

Von Wolfgang Molitor 

Oberstaufen ist das Mekka für alle, die auf die Selbstheilungskräfte einer Schrothkur setzen. Fettfreie Ernährung, Trink- und Trockentage, Dunstwickel, Bewegung und ärztlich verordneter Kurwein sorgen für gesunde gute Laune.

Die Schrothkur ist eine Methode zur Entgiftung. Dabei wird man unter anderem in nasse, kalte Tücher eingewickelt.Foto: /Björn Hänssler

Oberstaufen - Wie von allein öffnet sich die Zimmertür, das Licht wird angeknipst – und da steht die Packerin dann morgens um 5 Uhr ganz in Weiß da. Zumindest beim ersten Mal und noch halb im Schlaf weiß er nicht so recht, was und wie ihm gerade geschieht – bevor es einem siedendheiß einfällt: Er macht eine Schrothkur. Wellness fühlt sich anders an.

Eine Tasse mit sehr heißem Kräutertee und ein Stückchen sehr hartes Brot – es wird etwas zur Stärkung gereicht, bevor es nach ein paar Minuten aus dem warmen Bett geht, um Platz für Zdenka Knezovic zu machen. Ihre Handgriffe sitzen, ihre Frage klingt etwas abgespult: „Haben Sie Krampfadern?“ Falls nicht, legt die 47-Jährige los: erst ein weißes Laken, danach zwei Wärmflaschen in Rückenhöhe, eine in die Kniehöhle, dann der Clou: ein reichlich feuchtes, um die 15 Grad kaltes Leintuch, auf das sich der leicht angespannte Gast legen soll, bevor er sich – neue Lage – fest in die wärmende Wolldecke einwickeln lässt. Außer sonntags. Da hat die Packerin frei.

Hartgesottene mögen es eng geschnürt

Eine echte Schrothkur muss man mögen wollen. Am besten drei Wochen lang. Nass und kalt liegt die Packung auf dem schlafwarmen Körper, die Arme sind an den Leib gewickelt, den Notrufknopf gibt’s in die Hand gedrückt. Hartgesottene mögen’s eng geschnürt. Für unsichere Anfänger können die Arme aber auf besonderen Wunsch über der klammen Decke bleiben, ein Rest Freiheit für die nächsten zwei Stunden. „Bademantel­packung“, sagt Zdenka Knezovic, die Zupackende.

Wenn es der Kurarzt nach der obli­gatorischen Anfangsuntersuchung vorschlägt, dauert das Liegen rund zwei Stunden – vom Frösteln in den ersten zehn Minuten, bei dem sich die Gefäße im Unterhautgewebe und in den oberen Muskelschichten verengen, der Blutdruck steigt und die Atmung vertieft wird, über die gut eine halbe Stunde währende wärmende Körperentspannung bis zu jenem etwa 90 Minuten dauernden leichten Heilfieber, bei dem die Körpertemperatur schmerzlindernd und krampflösend um ein bis zwei Grad steigt, bis es zu Schweißausbrüchen kommt, die Stoffwechselrückstände und Schadstoffe wie Nikotin über die Haut ausschwemmen. Nach dem Auspacken um 7 Uhr kommt die Nachruhe. Bestenfalls mit entspannten Träumen. Liegen bis gegen 9 Uhr. Zdenka hat da schon Feierabend. Dann geht’s zum übersicht­lichen Ingwertee-Frühstück.

Die Kur lockt und schreckt nicht nur mit den morgendlichen Packungen, denn das 1829 im schlesischen Niederlindewiese von dem Fuhrmann Johann Schroth entwickelte derbe Naturheilverfahren steht auf drei weiteren Säulen: auf Schroth’scher Kost, der Schroth’schen Trinkverordnung sowie dem Wechsel von Ruhe und Bewegung.

Und klar, auch Essen und Trinken haben es in sich: die Mahlzeiten ohne Salz, tierisches Eiweiß und Fett, dafür mit raffiniert eingesetzten Kräutern und Gewürzen oder einer frisch zubereiteten Gemüsebrühe geschmacklich aufgepeppt. Dann stehen im Hotel Concordia am Mittag Rohkost von Rote Bete und Apfel mit gerösteten Kernen und zum Dinner Backkartoffel mit geschmorten Gemüsewürfeln nebst Petersiliensoße auf der Speisekarte. Oder die berühmte Pflaumensuppe und milchsauer vergorenes Kraut. Rund 700 Kalorien am Tag.

Doppelwacholder steht nicht mehr auf der Karte

Erfahrene Kurgäste behaupten, das anfängliche Hungergefühl verschwinde in kurzer Zeit. Kein Wunder, dass man nach zwei Wochen ein paar Kilo weniger auf die Waage bringt. Vier Trink-, drei Trockentage: Sie schlagen den Schroth-Rhythmus. Doch so streng wie früher geht es nicht mehr zu. Der Kurarzt legt die Trinkmenge individuell fest und achtet dabei auf einen deutlichen Unterschied des täglichen Konsums. Falls nicht anders verordnet, gehört bei Männern ab 15 Uhr ein halber Liter Kurwein – Gutedel oder Spätburgunder – dazu. Für Frauen die Hälfte. Der obligatorische Doppelwacholder ist mittlerweile von der medizinischen Getränkekarte gestrichen. Doch das Bild der „lustigen Schrothler“ bleibt mit dem täglichen Schnäpschen verbunden.

Aber auch ohne den vom Arzt genehmigten Doppelwacholder ist das 7600 Einwohner große Oberstaufen für die gute Laune weit über die Grenzen des Allgäus bekannt. „Wir haben hier rund 550 Unterkunftsbetriebe und 34 Schrothkur-Gastgeber, 7800 Gästebetten und rund 1,4 Millionen Übernachtungen im Jahr“, sagt Katharina Klawitter von Oberstaufen Tourismus (OTM).

Von den Gästen machten etwa 15 Prozent eine Schrothkur. Klassische Kurzeit sind Frühjahr und Herbst. Oberstaufen darf sich als einziger deutscher Schrothkurort „Schroth-Heilbad“ nennen. Das hat es Hermann Brosig zu verdanken, den es nach der Kriegsgefangenschaft 1947 als letzten Schrothkur-Arzt aus Niederlindewiese ins Allgäu verschlagen hatte und der 1949 wieder erste Kuren durchführte – ein Arzt, von dem Theo, der Wanderführer im Fantasiegewand, bayerisch herb so manche Geschichte zu erzählen weiß.

Zur Kur gehört auch Bewegung – in Form von Wandern oder Tanzen

Bleibt die vierte Schroth-Säule: nach der Ruhe die Bewegung. Nicht nur in den zahlreichen Tanzlokalen, die zum Teil schon um 13 Uhr öffnen. Oft geht’s mit dem Rad oder per Kleinbus-Shuttle hinauf auf die Alpe Mohr oder eine der anderen rund 40 bewirtschafteten Hütten, wo – hojahojaho – krachlederne Zwei- bis Vier-Mann-Kapellen bis Ende September täglich nicht nur für ein älteres E-Bike-Publikum bierselig bis um 23 Uhr die schöne Maid hochleben lassen. „Ab Mai gilt die Alm-Ordnung, und wenn’s Herbst wird, müssen wir schließen“, sagt Chefin Anne Mohr. Ernsthafte Schrothler liegen da schon im Bett und träumen von einer Gondeltour auf den 1834 Meter hohen Hochgrat und dem Blick über mehr als 300 Berggipfel bis zum Bodensee.

Ruhe und Bewegung: Der Akku macht’s. Auch im bergigen Allgäu tritt das E-Zweirad seinen Siegeszug an. „Am Ausbau des Radwegenetzes wird kräftig gearbeitet“, verspricht OTM-Projektleiter Bernd Seelherr. Auch wenn der ein oder andere Bauer noch überzeugt werden muss, seine Wege freizugeben. „In feuchter Wärme gedeiht Holz, Frucht und Wein, selbst Fleisch und Bein“, soll Schroth gesagt haben. Seine Oberstaufener Jünger glauben fest daran.

Und am nächsten Morgen um 5 Uhr kommt die Packerin.

Anreise

Mit dem Zug via Ulm nach Oberstaufen, www.bahn.de.

Unterkunft

Hotel Concordia ist ein familiengeführtes Haus im Allgäuer Landhausstil, DZ ab 148 Euro, www.concordia-hotel.de. Das Hotel Königshof Health & View liegt 20 Gehminuten außerhalb von Oberstaufen direkt an diversen Wanderwegen, DZ mit Schrothkur ab 202 Euro, www.koenigshof-gesundheitszentrum.de.

Veranstalter

„Detox – Original Schrothkur“ umfasst sieben Übernachtungen im Doppelzimmer mit Schrothkur-Vollpension, Kur- und Aufbaudiät, Benutzung des Spa-Bereichs, Sportprogramm sowie geführte Wanderungen und Nordic-Walking-Touren, Vorträge und Transfer ab/bis Bahnhof Oberstaufen ab 644 Euro pro Person. Für Kurpackungen (pro Stück ca. 18,50 Euro) und die ärztliche Anfangsuntersuchung (ab 65 Euro) werden Extrakosten fällig. Buchbar bei Fit Reisen, einem Spezialisten für Gesundheitsreisen, www.fitreisen.de/ . Die Schrothkur wird von den Kranken­kassen als ambulante und stationäre Vorsorgeleistung anerkannt und unterstützt, wenn ein Kurantrag gestellt wird.

Aktivitäten

Schroth-Tour mit Wanderführer Theo: www.oberstaufen.de/vor-ort/veranstaltungen/veranstaltungskalender/ Bergbahnen: www.oberstaufen.de/erleben/sommer/bergbahnen/ E-Bike: www.oberstaufen.de/erleben/sommer/rad-mountainbike/e-bike/

Allgemeine Informationen

www.oberstaufen.de

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