Sechs Uraufführungen und noch mehr Gäste bei Colours Drei Frauen rocken das Theaterhaus

Von Julia Lutzeyer und Andrea Kachelrieß 

Während Gauthier Dance in der Sporthalle sechs Uraufführungen präsentiert, elektrisieren das kanadische Ballet BC mit einem Frauenabend und Tero Saarinen mit einem eisgekühlten Akkordeon-Duett.

Techno trifft klassischen Tanz: Szene aus Sharon Eyals hypnotisierendem Stück „Bedroom Folks“ für das Ballet BC Foto: Michael Slobodian

Stuttgart - Bühne frei für die Frauen im Tanz! Choreografinnen hat das Colours-Festival in diesem Jahr zum Glück einige an Bord – von Marie Chouinard über Maguy Marin bis Xie Xin. Gleich im Dreierpack präsentierten Gäste aus Kanada deren Kunst im Theaterhaus.

Ballet BC bringt Jimi Hendrix zum Tanzen

Das Ballet British Columbia ist die Kompanie, bei der Reid Anderson 1987 seine Karriere als Ballettdirektor begann. Heute heißt die Truppe, die 2009 nach finanziellen Problemen umstrukturiert wurde, Ballet BC und steuert unter der Leitung der ehemaligen Forsythe-Tänzerin und frisch designierten Leiterin des Nederlands Dans Theaters Emily Molnar die Top-Liga des Zeitgenössischen an. Mit einem „Mixed Programme“, das zum 10-Jahr-Jubiläum von Molnars erfolgreicher Direktion mit Stücken von Sharon Eyal, Crystal Pite und Molnar selbst allein auf Choreografinnen setzt, untermauert die junge Kompanie diesen Anspruch: Kaum schließt sich im großen Saal der Vorhang auf Eyals „Bedroom Folk“, ist das Publikum aus dem Häuschen.

Wer bei der Festival-Ausgabe 2017 die Damen von Gauthier Dance in Eyals „Killer Pig“ auf der Stelle tänzeln sah, darf sich darüber freuen, dass nun Zitate aus dem klassischen Tanz das markante, tranceartige Pulsieren von 14 Tänzern auflockern. Wie Marco Goecke hat die israelische Choreografin einen eigenen Duktus, auch von ihren Stücken geht ein beklemmender Sog aus. Von Masse und Individuum, Ritual und Opfer erzählt sie hier zu treibendem Techno-Sound. Rockig dreht Ballet BC in Molnars Jimi-Hendrix-Ballett „To this Day“ an der Powerschraube, um sich dann mit Crystal Pites „Solo Echo“ vor der Ästhetik des Nederlands Dans Theaters zu verbeugen: Während im Hintergrund Schneeflocken fallen, begegnen sich sieben Tänzer davor in immer neuen Formationen von erlesener Eleganz. Immer wieder hält der Tanz inne, um in expressiven Profilbildern die Energie zu illustrieren, die es braucht, um Krisen zu bewältigen.

Talente in der Turnhalle

Am Abend darauf wird in der Turnhalle aufgetischt: Zuckertorten, Pudding, Sahnebaiser, garniert mit fetziger Musik und Ensemblegeist. Typisch Gauthier Dance eben. Doch halt! Den Auftakt zu „Meet the Talents“ machten am Mittwoch nicht die Profis, sondern eine Mädchenschar. An nur drei Wochenenden haben 15 jugendliche Laien unter der Regie des Israeli Nadav Zelner „Zucker“ einstudiert. Eine temporeiche Revue, in der Konditorinnen ihre Serviertabletts schwingen und veranschaulich, wie sehr Tanz zusammenschweißt und beglückt.

Wenig Zeit zum Proben hatten auch die Mitglieder von Eric Gauthiers Truppe, die in der Sporthalle sechs neue Kurzkreationen von ausgewählten Schrittmachern vorstellten, ohne Bühnenlicht, zum Anfassen nah und von vier Seiten von Zuschauern umgeben.

Der Italiener Valerio Longo suchte in seinem Frauenpower-Duett „Maat“ nach Balance und ließ seine zwei Protagonistinnen recht unentschieden zwischen Konkurrenz und Solidarität, zwischen Bodenakrobatik und Showelementen umhermäandern. Formstrenger und spannungsreich im Aufbau dagegen „Labirinto“ von Arianna Benedetti. Enge evozierte ein fragiles, gebücktes Solo genauso wie ein gestrecktes Schreiten. Rasant, keck und voller Bewegungsdetails: „Playboy“ von Nadav Zelner mit einem Paar in Lederkluft, in dem es so emanzipiert zugeht, dass der Mann auf den Schultern der Frau landet. Nicht jede nette Idee geht auf. Das belegt „Narcissus“ von Po-Cheng Tsai. Der Taiwanese bringt als dritten Akteur seines verdoppelten Schönlings einen großen Ball ins Spiel, an dem sich die Tänzer mühevoll abarbeiten. „The space between us“ nennt der Kubaner Norge Caleño sein Deutschland-Debüt, das im flüssigen Wechsel der Kräfte zweier Menschen eine vergangene Liebe heraufbeschwört.

Die Krönung gibt’s am Schluss: Mit „Gloria“ lässt der israelische Choreograf Eyal Dadon fünf Gauthier-Tänzer ein geometrisches Gebilde erschaffen, das auf Zuruf reagiert. Sandra Bourdais irrlichtert so komisch wie agil aus der Reihe, während die restlichen Vier die Form wahren. Sogar das Augenrollen beherrschen sie synchron. Da Eric Gauthier wünscht, dass jedes „Meet the Talents“-Stück auch auf frontaler Bühne funktioniert, steht einem Wiedersehen mit „Gloria“ nichts im Weg: Schön wär’s!

Tero Saarinen trifft Kimmo Pohjonen

Ein Wiedersehen gab es für das Colours-Publikum am selben Abend mit Tero Saarinen, den Tanzfreunde von Gastspielen als kühnen Grenzgänger kennen. Der Finne mit Hang zum japanischen Butoh-Tanz kam mit dem Akkordeon spielenden Komponisten Kimmo Pohjonen und der gemeinsamen Produktion „Breath“, einem durch Licht- und Soundeffekte elektrisch geladenen Männerduell in einer post-apokalyptischen Polarwelt. Zwei sich spreizende Rampen, deren weiße Trittflächen an Eisschollen denken lassen, sind Sinnbild der Vereinzelung. Es braucht viele hyperpräzise ins Bild gesetzte Auftritte und überraschende Brüche hin ins Groteske, Kindliche und Poetische, bis die beiden Berserker in ihrer verkabelten Schutzkleidung Kontakt finden und die Klangfetzen aus der mittanzenden Ziehharmonika in Jahrmarktmusik münden.

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