Stadt im Wandel Hongkong – das Ende einer Verheißung

Von Christian Gottschalk 

Die frühere britische Kronkolonie hadert mit ihrem Nachbarn. China ist Fluch, und China ist Segen. Es scheint, als könne die ehemalige Kronkolonie viel mehr verlieren, als die Demonstranten heute glauben.

In Hongkong wachsen die Häuser und die Immobilienpreise in den Himmel.Foto: dpa/Jerome Favre

Stuttgart - Es regnet nicht, es schüttet. Es ist ein Wolkenbruch sondersgleichen an diesem 30. Juni 1997, und jetzt, in der Rückschau nach mehr als 22 Jahren, da scheint es fast so, als sei das ein Omen gewesen. Der Himmel weint an diesem Montag, es sind die stärksten Regenfälle des Jahrhunderts.

Der Regenschirm war das wichtigste Utensil für die Ehrengäste, als der Union Jack in Hongkong eingerollt und die chinesische Flagge gehisst wurde. Die mehr als 1000 Porträts der Queen waren bereits abgehängt, die Briefkästen des Königreiches abgeschraubt, als Chris Patten, Hongkongs letzter Gouverneur, zusammen mit Prinz Charles auf der königlichen Jacht Britannia aus dem Hongkonger Hafen schipperte. Noch so ein Omen: Es war die letzte offizielle Mission der Britannia. Das einst stolze Schiff liegt heute als Museum im Hafen von Leith bei Edinburgh in Schottland. 16,50 Pfund kostet die Besichtigung, rund 18 Euro.

Um Mitternacht kommt das Feuerwerk

Zurück bleiben Jiang Zemin, der damalige chinesische Staatspräsident, zurück bleibt auch ein Versprechen. „Ein Land, zwei Systeme“, das wurde den Hongkongern zugesagt, als ihre Stadt nach 155 Jahre britischer Kolonialherrschaft an die Volksrepublik übergeben wurde. In Hongkong sollte jenes System gelten, das freie Meinungsäußerung ebenso zulässt wie unabhängige Gerichte. Zurück bleiben sechs Millionen Hongkonger, die an diesem warmen und nassen Sommerabend zahlreich und lautstark mit den Regenschirmen durch die Straßen ziehen und feiern. Großes, chinesisches Feuerwerk um Mitternacht inklusive.

Auch die Regenschirme sind geblieben. Im Jahr 2014 werden sie zum wichtigsten Utensil des Protests. Bei der Regenschirmrevolution wehren sich die Hongkonger dagegen, dass ihr Verwaltungschef von Peking festgelegt wird. Der Regenschirm schützte vor Sonne, vor dem Monsun und dem Pfefferspray der Polizei. Heute werden die Schirme wieder aufgespannt. Sie schützen auch vor den Drohnen der Regierung, die Bilder der Teilnehmer machen. Und immer wieder ist der Union Jack zu sehen, die britische Fahne, in Erinnerung an die für viele gute alte Zeit.

Dabei war es alles andere als ein Glanzstück an Menschlichkeit, wie Großbritannien zu dem Felsen im südchinesischen Meer mit seinen 263 Inseln gekommen war. Um das Land ungestört auszubeuten, hatten die Briten große Teile Chinas in die Opiumabhängigkeit getrieben. Als der chinesische Kaiser befahl, das Rauschgift ins Meer zu kippen, kam es zum Krieg. China verlor, und in Hongkong wehte fortan das britische Banner.

Thatcher hat sich verkalkuliert

Auch die Rückgabe Hongkongs folgte nicht der Einsicht, dass Kolonien nicht mehr zeitgemäß sind. Eigentlich wollte die britische Premierministerin Margret Thatcher zu Beginn der 80er Jahre nur die Pachtverträge verlängern, die die Krone mit China über die sogenannten New Territories geschlossen hatte, jene Gebiete im Hinterland Hongkongs, ohne die es kein frisches Wasser in der Stadt gäbe. Doch die Gespräche mit Chinas starkem Mann Deng Xiaoping verliefen anders als erwartet. Am Ende war Großbritannien nicht nur die gepachteten, sondern auch die annektierten Gebiete los. Immerhin: Hongkong hat den Linksverkehr behalten, Krankenhäuser, die St. Pauls oder Queen Mary heißen, es gibt rote Doppeldeckerbusse, den Victoria-Hafen, und man betritt die Gebäude über den „ground floor“, nicht wie in Chinas Zählweise üblich, über die erste Etage. Geblieben ist auch ein kolossaler Interpretationsunterschied. Ein Land, zwei Systeme: Während Peking sein Augenmerk auf den ersten Teil des Versprechens richtet – „ein Land“ –, setzen die Hongkonger den zweiten Teil dieser Zukunftsverheißung in den Mittelpunkt: „zwei Systeme“

Es hat in Hongkong viele Wolkenbrüche gegeben seit diesem 30. Juni 1997, an dem Prinz Charles erklärte, Vertrauen in die Widerstandskraft der Hongkonger zu haben: „Die Hongkonger wissen am besten, was gut für sie ist.“ Zwiespältig bleibt aber das Verhältnis zu China. Als im Jahr 2003 das Sars-Virus in Asien wütete, fielen die Tourismuszahlen Hongkongs ins Bodenlose. Dann erlaubte Peking seinen Landsleuten, nach Hongkong zu reisen. Vor allem an den Wochenenden wird die Stadt seither geradezu überrannt. Zu Beginn des Jahrtausends suchten sie vor allem westlichen Luxus. Inzwischen sind Hermes und Gucci, Boss und Prada auch in Shanghai oder Guangzhou zu Hause, doch der Reiz von Hongkong ist nicht verflogen. Von den 65 Millionen Touristen, die im vergangenen Jahr nach Hongkong kamen, stammten 51 Millionen aus China.

Chinesinnen entbinden in Hongkong

Was die Tourismusindustrie jubeln lässt, wird manch anderem zu viel. Reiche Chinesen vom Festland treiben die ohnehin absurden Immobilienpreise weiter in die Höhe. Schwangere Chinesinnen entbinden im St. Pauls oder Queen Mary Hospital – teils aus mangelndem Zutrauen gegenüber den Ärzten daheim, teils um dem Nachwuchs eine Hongkonger ID-Karte zu verschaffen, womit dieser später einmal erleichterten Zutritt zu den Universitäten bekommen kann.

Doch mit den Protesten in Hongkong gingen die Zahlen der Gäste zurück. Knapp 20 Prozent kamen im Juli weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres, im August waren es rund 40 Prozent weniger – und in den ersten Tagen des Septembers knapp 90 Prozent. Das chinesische Staatsfernsehen zeigt klagende Fremdenführer, Busfahrer ohne Beschäftigung, leere Strände und verwaiste Hotelküchen. Zuvor hatten die TV-Sender Bilder von gewalttätigen Demonstranten gesendet und so ihren Teil dazu beigetragen, dass das eigene Publikum lieber zu Hause bleibt. Aber nicht nur der Tourismus spürt, dass sich wieder etwas verändert.

Shenzhen wird immer moderner

Hongkong lebt vom Handel und von den Banken – und bekommt genau dort immer mehr Konkurrenz. In Shenzhen plant die chinesische Regierung, ebendiese Branchen zu fördern, mit Sonderwirtschaftszonen und Deregulierungen. Inzwischen sind Shenzhen und Hongkong mit einer U-Bahn verbunden, die Fahrt dauert keine 50 Minuten. „Hongkong war der verlorene Sohn, jetzt ist es das schwarze Schaf der Familie“, schreibt Alex Lo, Kolumnist bei der in Hongkong erscheinenden „South China Morning Post“. „Wenn es seinen Kurs nicht ändert, wird Hongkong in naher Zukunft unsicherer und instabiler sein, während Shenzhen weniger unfrei und wohlhabender wird.“

In Shenzhen lässt die taiwanesische Firma Foxcon die iPhones von Apple zusammenschrauben, dort haben Technologie-Giganten wie Huawei oder Xiaomi ihre Zentralen und Fertigungsstätten. Autonomes Fahren unter realen Bedingungen und die Anwendungen Künstlicher Intelligenz sollen getestet werden. Nur mit den Regenschirmen klappt es nicht so gut. Einem Unternehmer, der mit dem Verleih von Regenschirmen Geld machen wollte, sind nach chinesischen Medienberichten alle 300 000 Schirme abhandengekommen. Vielleicht hatte der Mann die Rückgabe nicht richtig geplant.

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