Stuttgart-Album: Legendäre Abbrüche Wo die Abrissbirne früher zugeschlagen hat

Von Uwe Bogen 

Der spektakuläre Abbruch an der Calwer Passage hat viele Fotografen angelockt. Schon früher blieb an vielen Orten kein Stein auf dem anderen. Wir zeigen, wo die Abrissbirne zugeschlagen hat, etwa am Schlossplatz, Flughafen und Bahnhof.

Das 1939 eröffnete Terminal 3 des Stuttgarter Flughafens musste 2000 weichen. Foto: Frank Eppler

Stuttgart - Der Seite „AbrissWatch Stuttgart“ auf Facebook geht Stoff nicht aus. Seit 2015 postet dort Daniel Weiss zerstörte und vom Abbruch bedrohte Häuser. „Sollen wir warten, bis die ganze Stadt verkauft und modernisiert wurde?“ fragt der Macher des Portals, „warten, bis unsere schöne Stadt nur noch auf alten Fotos zu erkennen ist?“

Seine Botschaft ist klar: Man sollte wachsam sein, damit Stuttgart mit der Zerstörung von Bauten nicht auch seinen Charakter verliert. „Es ist schade, dass so viele Häuser dem kurzfristigen Profit geopfert werden“, sagt er.

„Alte Bausünden wollen durch neue ersetzt werden“

Im Herzen der Stadt hat die Abrissbirne besonders oft zugeschlagen. Was die Kriegsbomben überstanden hat, fiel in den 1960ern einer „autogerechten Stadt“ zum Opfer. Ein Wiederaufbau des Kronprinzenpalais’ wäre möglich gewesen. Doch OB Arnulf Klett wollte den Grundriss der City neu ordnen und den Verkehrsweg in den Westen öffnen.

Mit dem Bau des Planietunnels entstand der Kleine Schlossplatz. Etwa sechs Meter überm Niveau der Königstraße stülpten die Architekten einen Deckel über den Verkehrsknoten von Straßenbahn und Autos. Auch diese Betonburg war nicht für die Ewigkeit bestimmt. 2002 wurde zwischen Königsbau und Wittwer alles dem Erdboden gleich gemacht – für das Kunstmuseum. Wie lange darf der Glaswürfel bleiben?

Dass in Stuttgart „fast immer irgendwo was abgerissen wird“, überrascht Erich Frey, einen Internet-Kommentator unseres Stuttgart-Albums, nicht: „Alte Bausünden wollen durch neue ersetzt werden.“ Rainer Müller schreibt: „Der schändlichste Abriss passierte mit der Schleifung des Nord- und Südflügels am denkmalgeschützten Hauptbahnhof erst in jüngster Zeit.“

2000 wurde das legendäre Radio-Barth-Haus abgerissen

Das 1939 eröffnete Terminal 3 des Stuttgarter Flughafens musste 2000 weichen. Gisela Salzer-Bothe schreibt dazu in unserem Facebook-Forum: „Ich habe mich gewundert, dass dieses Gebäude abgerissen wurde, war es doch für uns ein Symbol. Warum stand das nicht unter Denkmalschutz?“

Den vielen Kritikern hält Sven Dee dagegen: „Leute, jetzt hört doch mal auf, unentwegt zu heulen. Ein bisschen Fortschritt darf ja wohl sein. Unser heutiger Flughafen kann sich durchaus sehen lassen und hat sogar einen Innovationspreis erhalten.“ Wenigstens haben sich Karin und Peter Bretz eine Stufe aus der Abflughalle des unvergessenen Terminals 3 gesichert. Das gute Stück bekam im Gärtle einen Ehrenplatz. Auf der Treppe haben sie sich 1970 kennengelernt.

Zu den architektonischen Glanzpunkten der Stadt zählte das Gebäude des Musikhauses Barth am Rotebühlplatz nicht unbedingt, trotzdem vermissen es viele heute noch – wegen seiner inneren Werte. Der 1966 erbaute Waschbetonklotz war das Tor zu einer neuen, verheißungsvollen Welt aus Pop und Rock. 1996 gab das 1878 von Robert Barth gegründete Unternehmen auf – die Konkurrenz der Elektromärkte war zu groß geworden. Wirte schraubten vom Firmenschild die letzten beiden Buchstaben ab. Mit ihrer Radio Bar wurde das Gebäude noch mal zu einem jungen Zentrum der Stadt, ehe es 2000 für das Geschäftshaus City-Plaza abgerissen worden ist. Die Tüten mit der Barth-Aufschrift sind geblieben und stehen bei Sammlern hoch im Kurs. Für die einen ist es Plastik, für die anderen ein Stück ihrer Jugend.

An der Calwer Passage hat der Neubau begonnen

Auf der anderen Straßenseite ist jetzt der Gebäudekomplex an der Calwer Passage nach wochenlangem Abbruch entfernt. Der Bau für eine neue Häuserzeile, in die Wohnungen und Läden kommen sollen, hat begonnen. Kommentator Jan Köpke findet es „erstaunlich“, wie kurz die Lebensdauer moderner Häuser ist. Dass nach 40 Jahren der Abriss erfolge, beweise „die architektonische Bedeutungslosigkeit“. Wenn Gebäude der 1950er bis 1980er Jahre nicht unter Denkmalschutz gestellt werden, schreibt ein anderer Facebook-User, „ist in wenigen Jahren nichts Schützenswertes mehr übrig“.

Diskutieren Sie mit unter www.facebook.com/Album.Stuttgart. Zu unserer Serie sind drei Bücher erschienen, zuletzt „Das Beste aus dem Stuttgart-Album“ im Sutton-Verlag.

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