TVB Stuttgart vor Pflichtspielstart Ein Schritt zurück für den großen Sprung

Von Jürgen Frey 

Den großen Umbruch hat der TVB Stuttgart vor der neuen Saison in der Handball-Bundesliga bewusst vollzogen, um mittelfristig nach oben zu kommen. Ob der Plan aufgeht?

TVB-Trainer Jürgen Schweikardt (Mi.) und seine Neuzugänge: Zharko Peshevski, Patrick Zieker, Elvar Asgeirsson, Adam Lönn, Tim Wieling und Rudolf Faluvegi (v.li.).Foto: Baumann

Stuttgart - „Wenn ich auf die lange Liste der Abgänge schaue, dann bekomme ich Sorgen um den TVB Stuttgart.“ Das sagt nicht irgendwer. Das sagt Nikolaj Jacobsen. Der Mann, der Dänemark zum WM-Titel 2019 führte und die Rhein-Neckar Löwen zweimal zur deutschen Meisterschaft. Der Däne stellte für das Fachblatt „Handballwoche“ alle 18 Bundesligisten auf den Prüfstand. Dass er dem TVB bei seiner Saisonprognose aufgrund „des beachtlichen Umbruchs“ eine gewisse Skepsis entgegenbringt, nimmt ihm Jürgen Schweikardt nicht krumm. „Nikolaj ist ein richtig guter Handball-Fachmann, er wird schon alles richtig analysiert haben“, sagt der Trainer und Geschäftsführer des TVB Stuttgart.

Linkshänder-Engpass im Rückraum

Schweikardt hat bei weitem nicht die Erfolge eines Nikolaj Jacobsen vorzuweisen, doch der 39-Jährige ist selbst lange im Geschäft und intelligent genug, um zu wissen, dass die kommende Saison eine große Herausforderung wird. „Für uns alle, für die Zuschauer, für die Mannschaft, für mich“, wie er unumwunden einräumt. Vor allem die Anfangsphase der Runde wird knüppelhart. In Robert Markotic, David Schmidt und Luis Foege fallen alle drei Linkshänder für den Rückraum zunächst einmal aus. Hinter dem Einsatz von Samuel Röthlisberger und Rudolf Faluvegi stehen Fragezeichen. Und so hat es auch ziemlich wenig mit übertriebener Tiefstapelei zu tun, wenn Schweikardt vor dem DHB-Pokal-Erstrundenspiel an diesem Samstag (17 Uhr) in Aachen gegen den Zweitliga-Spitzenclub HSC 2000 Coburg die These aufstellt: „Wir gehen nicht als Favorit ins Spiel.“ Er erwartet ein Spiel auf Augenhöhe. Und natürlich möglichst einen Sieg. Damit es am Sonntag (15 Uhr) in der zweiten Runde möglicherweise zum Bruder-Duell mit Michael Schweikardt kommt, der nun den Drittligisten TSB Heilbronn-Horkheim trainiert.

Lesen Sie hier: Das sind die Neuzugänge des TVB

Kraus-Abschied leitete Umbruch ein

Der Spielmacher war einer von acht Abgängen beim TVB Stuttgart vor der Runde. Dieser große Umbruch wurde bereits im Februar eingeleitet – mit dem kurzfristigen Abschied von Michael „Mimi“ Kraus zur SG BBM Bietigheim. Michael Schweikardt ist 36, Kraus wird im September 36. „Wir hatten ein Team mit einem gewissen Alter, das keine großen Entwicklungsschritte mehr machen konnte“, erklärt Jürgen Schweikardt. „Der Umbruch musste kommen, er war unumgänglich, um in zwei, drei Jahren ein höheres Niveau zu erreichen.“

Schritt für Schritt zur Stabilität

Mit den Spielern Johannes Bitter (36), Dominik Weiß (30) und Manuel Späth (33) steckt immer noch geballte Routine im Kader. Die Neuzugänge sind alle Mitte 20 und haben bereits internationale Luft geschnuppert. „Sie haben großes Potenzial, das sie noch nicht vollständig ausgereizt haben“, ist sich Schweikardt sicher. Die Verletzten müssen zurückkommen, das Team muss sich einspielen, die Automatismen müssen greifen. Das kann dauern. „Wir müssen peu à peu stabiler werden“, bittet Schweikardt im Geduld.

Weg nach Europa ist hart und weit

Damit kein falscher Verdacht aufkommt: Nichts ist beim TVB rückläufig. Die Jugendarbeit wird immer professioneller, die zweite Mannschaft spielt in der Baden-Württemberg-Oberliga, der Zuschauerschnitt (3681) ist stabil, der Etat (über vier Millionen Euro) konnte erneut leicht erhöht werden. Doch nach den Plätzen 15, 14, 14 und 15 (allerdings mit frühzeitigem Klassenverbleib) in den vergangenen vier Bundesligajahren muss der nächste, größere Schritt im sportlichen Bereich kommen. Gerade an einem Standort wie Stuttgart. Das weiß auch Jürgen Schweikardt. „Es geht nicht mit ein, zwei Maßnahmen, um an die Europapokalplätze ranzukommen“, sagt er. Diesen nächsten, vielleicht entscheidenden Schritt, um den Handball in Stuttgart endgültig salonfähig zu machen, nennt Schweikardt einen „Quantensprung“. Er sieht „keine Welten“ zwischen dem TVB und dem in der vergangenen Saison Siebtplatzierten Bergischen HC oder den vor den Wild Boys gelandeten Clubs aus Erlangen, Wetzlar und Minden.

Nikolaj Jacobsen sieht das mit Blick auf die neue Saison anders. Doch der Weltmeister-Trainer weiß auch nicht, dass der Schritt zurück bewusst vom TVB vollzogen wurde – um mittelfristig oben anzugreifen.

Info

DHB-Pokal:In der ersten Runde geht es für den TVB Stuttgart an diesem Samstag (17 Uhr) in Aachen gegen Zweitligist HSC 2000 Coburg. Der Sieger trifft am Sonntag (15 Uhr) auf den Gewinner der Partie BTB Aachen gegen TSB Heilbronn-Horkheim. Frisch Auf Göppingen ist in der EWS-Arena Gastgeber und spielt am Samstag (19.30 Uhr) gegen Drittligist TuS Dansenberg. Am Sonntag (17 Uhr) geht es gegen den Sieger der Partie Rhein Vikings – Bayer Domagen.

Bundesliga:
Der TVB startet am 29. August (19 Uhr) beim HC Erlangen in die Saison. Das erste Heimspiel ist am 8. September (16 Uhr) gegen GWD Minden. Diese Partie findet wie neun weitere in der Scharrena statt. Sieben Begegnungen trägt der TVB in der Porsche-Arena aus. Frisch Auf Göppingen startet am 25. August (16 Uhr) beim THW Kiel. Das erste Heimspiel geht am 31. August (20.30 Uhr) gegen die TSV Hannover-Burgdorf über die Bühne.

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