Umfrage unter Krankenhäusern Intensivbetten tageweise gesperrt – Kliniken in der Region unter Druck

Von Willi Reiners 

Eigentlich sollen Personaluntergrenzen gefährliche Pflege in Krankenhäusern verhindern. Doch die Vorgaben setzen Kliniken in der Region Stuttgart unter erheblichen Druck. Die Versorgung könnte sogar schlechter werden.

Kliniken kämpfen damit, dass Pflegepersonal knapp ist.Foto: dpa/Sven Hoppe

Stuttgart - Viele Krankenhäuser, darunter eine auffallend große Zahl im Südwesten, leiden unter Geldmangel. Ihre Manager führen das auf eine chronische Unterfinanzierung durch Krankenkassen (zuständig für Betriebskosten) und Bundesländer (zuständig für Investitionskosten) zurück. Kassen und Länder dagegen sagen mehr oder weniger deutlich, das Geld würde schon reichen, wenn es weniger Kliniken, Abteilungen und Betten gäbe.

Während eine überzeugende Lösung dieses Grundsatzkonflikts seit Jahren auf sich warten lässt, haben die Krankenhäuser längst mit Einsparungen auf ihre desolate Finanzlage reagiert – auch und vor allem beim Pflegepersonal. Das hat eine Abwärtsspirale ausgelöst, der die Bundesregierung nicht länger zusehen wollte. Um eine Pflege zu verhindern, die Patienten gefährlich werden kann, gelten seit Jahresbeginn unter anderem auf Intensivstationen Personaluntergrenzen. Tagsüber sind dort pro Pflegekraft noch maximal 2,5 Patienten erlaubt, nachts 3,5 Patienten. Im kommenden Jahr wird der Schlüssel verschärft. Zudem werden dann weitere Stationen einbezogen.

Auch in Kliniken im Südwesten sorgen die neuen Auflagen zur Personalbemessung für erheblichen Anpassungsdruck. Das zeigt eine Umfrage unserer Zeitung unter großen Häusern in der Region Stuttgart. Alle Häuser berichten, dass in den ersten beiden Quartalen auf ihren Intensivstationen Schichten im einstelligen Prozentbereich „gerissen“ wurden – pro Pflegekraft waren also in diesen Schichten mehr Patienten zu versorgen als eigentlich erlaubt.

Arbeitsmarkt für Pflegekräfte ist leer gefegt

Zugleich zeigen die Rückmeldungen der Krankenhäuser, dass die Personaluntergrenzen im Verlauf des ersten Halbjahres immer besser eingehalten wurden. Zur Jahresmitte hin sank die Zahl der „gerissenen“ Schichten deutlich. Kliniken, die zu wenige Pflegekräfte aufbieten, bekommen seit Beginn des zweiten Quartals weniger Geld von den Krankenkassen. Schlimmstenfalls müssen sie Betten abbauen. Für die Sanktionierung sind allerdings nicht einzelne Schichten maßgeblich, sondern Monatsdurchschnittswerte.

Die Schlüsselfrage lautet nun: Wie schaffen es die Krankenhäuser eigentlich, die Personaluntergrenzen einzuhalten? Zwar hat die Bundesregierung zusätzliche Mittel freigemacht, damit Kliniken neue Stellen schaffen können. Da der Arbeitsmarkt allerdings weitgehend leer gefegt ist, bringt das nicht viel. Unsere Umfrage zeigt, wie sich die Krankenhäuser in der Region Stuttgart stattdessen behelfen: Fast alle geben an, Intensivbetten tageweise gesperrt zu haben. Das kann zum Beispiel bedeuten, dass keine neuen Patienten aufgenommen werden.

Dazu passt die Rückmeldung, dass Kliniken sich zu diesem Zweck von der Rettungsleitstelle abmelden. Rettungswagen müssen dann auf andere Häuser ausweichen. Allerdings heißt es von einigen Kliniken: Ein Rettungswagen, der trotz Abmeldung schon mit Blaulicht auf dem Hof stehe, werde selbstverständlich nicht abgewiesen.

Warnung vor der nächste Grippewelle

Neu sind Bettensperrung und Abmeldung von der Leitstelle nicht. Das gab es vor Einführung der Pflegepersonaluntergrenzen auch schon. Zu vermuten ist allerdings, dass auf diese Mittel nun häufiger zurückgegriffen werden muss.

Das Stimmungsbild aus der Region Stuttgart deckt sich mit der jüngsten Umfrage der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) zum Thema. Danach mussten in den ersten beiden Quartalen bundesweit 37 Prozent aller Kliniken Betten auf Intensivstationen zeitweise aus der Versorgung nehmen. Auf pflegesensitiven Allgemeinstationen, für die ebenfalls Untergrenzen gelten, mussten 23 Prozent der Häuser Betten sperren. 29 Prozent mussten sich zeitweise bei Rettungsleitstellen abmelden. „Diese Zahlen sind ein alarmierendes Zeichen, dass die Pflegepersonaluntergrenzen zu Einschränkungen bei der Versorgung führen“, erklärte DKG-Präsident Gerald Gaß.

Für Matthias Einwag, Hauptgeschäftsführer der baden-württembergischen Krankenhausgesellschaft (BWKG), zeigen die Zahlen, „dass die Kliniken die Untergrenzen sehr ernst nehmen“. Trotz des Mangels an Fachkräften setzten sie alles daran, Sanktionen zu vermeiden, etwa durch Sperrung von Betten. Das sei im Moment allerdings nur deshalb möglich, weil es keinen erhöhten Bedarf gebe und das stationäre System über Puffer verfüge. Einwag warnt allerdings: „Aktuell haben wir in der Versorgung keine großen Stressfaktoren. Schon bei der nächsten schweren Grippewelle kann sich das schnell ändern, dann könnte es eng werden.“ Er fordert, dass Kliniken, die trotz Unterbesetzung Notfallpatienten aufnehmen, dafür hinterher nicht von den Krankenkassen bestraft werden können. Bisher lehnten die Kassen das strikt ab, so Einwag.

Werden Patienten verstärkt verlegt?

Auch Matthias Jenny, Pflegedirektor des Evangelischen Diakoniekrankenhauses in Freiburg, sieht die Kliniken in schwieriger Lage. „Sie können natürlich Intensivbetten sperren, aber der Patient kommt ja trotzdem, wenn er Hilfe braucht“, sagt er. Für den Patienten sei es vollkommen unverständlich, wenn ihm die Aufnahme verweigert werde. Von außen sei ja nicht ersichtlich, wo die einzelnen Krankenhäuser stehen.

Über weitere Effekte der Personaluntergrenzen kann nur spekuliert werden. Krankenkassenvertreter, die nicht namentlich nicht genannt werden möchten, fragen sich, mit welchen Mitteln Kliniken sonst noch arbeiten, um die Vorgaben einzuhalten. Aus ihrer Sicht spricht einiges dafür, dass zum einen verstärkt Personal zwischen Abteilungen hin- und hergeschoben wird. Zum anderen sei es wahrscheinlich, dass Patienten vermehrt verlegt würden, zum Beispiel von der Unfallchirurgie, wo ebenfalls bereits Personaluntergrenzen gelten, auf die allgemeine Chirurgie, wo die Regelung noch nicht greift. Patienten könnten dadurch möglicherweise nicht die Versorgung erhalten, die sie eigentlich brauchen, ist zu hören.

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