Vera Kosova als Jüdin in der AfD Warum diese Politikerin viele verwirrt

Von Caroline Holowiecki 

Vera Kosova hat in der AfD eine Blitzkarriere hingelegt. Aktuell bekleidet die Ärztin mit Migrationshintergrund vier Ämter, zudem steht sie dem Verein Juden in der AfD vor. Ein Treffen mit einer Frau, die anderen Rätsel aufgibt.

Vera Kosova kam 1998 über ein Bundesprogramm nach DeutschlandFoto: Caroline Holowiecki

Echterdingen - Ganz natürlich, ohne Make-up, die dunklen Locken zum Dutt gezwirbelt, ein lässiges Kleid zu Sandalen, obwohl der Herbst längst da ist. Typ berufstätige Mutter. Praktisch. Unauffällig. Das ist also Vera Kosova. Jene Frau, über die ihr ehemaliger Schulkamerad in der Jüdischen Allgemeinen entsetzt einen Kommentar mit der Überschrift „Ausgerechnet Vera!“ geschrieben hat. Über deren Aktivitäten der Ministerpräsident Winfried Kretschmann gesagt hat, sie seien „in hohem Maße irritierend“. Was viele nicht zusammenbringen, sind Vera Kosovas Herkunft, ihre Religion und ihre Politik. Eine Jüdin mit Migrationshintergrund, deren Herz für die rechtspopulistische AfD schlägt.

Die heute 36-Jährige kam 1998, als Teenie, der keinen Brocken Deutsch konnte, mit neun Verwandten aus Usbekistan über ein Bundesprogramm für Juden aus der Ex-Sowjetunion ins Land. „Eine klassische Migrantengeschichte“, erzählt sie. Dass gerade sie nun einer Partei zugetan ist, die auf eine Minuszuwanderung und eine Schließung der Grenzen pocht, verwundert. Sie aber relativiert. „Weder ich noch die AfD lehnen Einwanderung ab, wir wollen nur geregelte Zustände.“

Die CDU ist ihr nicht konservativ genug

Die Echterdingerin bezeichnet sich als sehr konservativ. Eine CDU etwa sei ihr nicht konservativ genug. Sie favorisiere das traditionelle Familienbild, das klassische Schulsystem, verlange Sicherheit, Ordnung. Bilder der Flüchtlingsmassen 2015 hätten ihr ein Gefühl von Kontrollverlust beschert, und keine Altpartei habe ihre Sorgen lindern können. „Wir wollen kontrollierte Zustände.“ Wir. Wenn Vera Kosova von der AfD spricht, benutzt sie diesen Plural.

Die Kardiologin hat in der jungen Partei eine Blitzkarriere gemacht. 2016 ist sie beigetreten, als absoluter Politikneuling. Dennoch ging sie im Bundestagswahlkampf 2017 schon als Kandidatin ins Rennen. „Wir sind alle politisch wenig erfahren. Man hat Freiwillige gesucht, und ich war neugierig, muss ich ehrlich sagen.“ Das Mandat holte sie nicht, dafür ist sie Sprecherin des Kreisverbands Esslingen, sitzt in der Regionalversammlung und als Beisitzerin im Landesvorstand. Vorsitzende des Ortsvereins Filder ist sie auch, will das Amt aber bald abgeben. Zwei kleine Kinder, ein Vollzeitjob, ein blitzender Verlobungsring am Finger: Es sei dann doch etwas zu viel, signalisiert sie lächelnd.

„Andere Parteien haben auch Antisemiten“, sagt sie

Ihr wohl umstrittenstes Amt hat sie seit einem Jahr: Bundesvorsitzende der Juden in der AfD (JAfD). Ein religiöser Verein, der einer Partei nahesteht, in der Mitglieder mit völkischen Ansätzen und antisemitischen Geschmacklosigkeiten auf sich aufmerksam gemacht haben. Auch Vera Kosova sieht den Widerspruch, distanziert sich etwa deutlich von der „Causa Gedeon“, dem Landtagsabgeordnete Wolfgang Gedeon und seinen antisemitischen Schriften, und spricht von einer internen kritischen Auseinandersetzung. Das Parteiausschlussverfahren laufe.

Beim AfD-Bundessprecher Alexander Gauland und seiner „Vogelschiss“-Affäre wirkt ihre Argumentation indes halbherziger. Zwar mahnt Vera Kosova eine „rhetorische Entgleisung“ an, Gaulands Vergleich sei aber im zeitlichen und nicht im inhaltlichen Kontext zu sehen. „Andere Parteien haben auch Antisemiten“, sagt sie. 17 jüdische Verbände sehen das anders und haben sich öffentlich von der Vereinigung JAfD distanziert. „Das verunsichert uns nicht“, sagt sie und nippt an ihrem Glas, obwohl sie es längst geleert hat.

Die steile Karriere soll weitergehen

Dennoch scheint es so, als wolle oder müsse sich der 25 Mitglieder starke Verein nun erklären. Ein Jahr nach der Gründung erscheint das Buch „Was die Juden zur AfD treibt“. Und, was ist das? Die zuvor so abgeklärt erscheinende Frau wirkt plötzlich etwas unruhig. „Der reine Überlebenstrieb“, sagt sie. Sie spricht von islamischem Judenhass, auch von einer breiten antiisraelischen Front im linken politischen Spektrum, „das ist für uns brandgefährlich“. Dass Staatsschützer 96 Prozent der – registrierten – antisemitischen Taten im Südwesten 2018 Rechtsradikalen zuordneten, wischt Vera Kosova weg. Sie kontert mit dem Beispiel eines marokkanischen Täters.

Vera Kosova wirkt entschlossen. Sie hat sichtlich Gefallen an der Politik gefunden und spricht viel von der Dankbarkeit, die sie innerhalb der Partei erfahre, dass sie den Job erledige, den wenige machen wollten „aus Angst vor sozialer Diffamierung“. Auch sie selbst kennt das, wie sie sagt. Die Betriebsärztin berichtet von Betriebsräten, die sie wegen ihrer politischen Aktivitäten abgelehnt hätten.

Doch wenn es nach ihr geht, läuft die steile Karriere weiter. Bundestag, Landtag? Sie sei für beides offen, sagt sie, und „ich hoffe, dass das Leistungsprinzip honoriert wird“.

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