Verdi-Chef Bsirske geht Nimmermüde Reizfigur für die Mächtigen

Von Matthias Schiermeyer 

Der Abschied des Verdi-Vorsitzenden nach gut 18 Jahren im Amt ist eine Zäsur für die gesamte Gewerkschaftsbewegung. Frank Bsirske habe sich um Deutschland verdient gemacht, lobt der Bundespräsident zum Kongressauftakt in Leipzig.

Auf den letzten Metern der Amtszeit noch ein Klimaaktivist: Frank Bsirske am vorigen Freitag in Düsseldorf bei seiner letzten Demonstration als Verdi-Vorsitzender.Foto: Matthias Schiermeyer

Düsseldorf/Leipzig - Hinsetzen! Hinsetzen!“ Wenn die klimabewegte Jugend zum kurzen Sitzstreik auffordert, kann auch ein 67-jähriger Arbeiterführer nicht einfach stehen bleiben. Also setzt sich Frank Bsirske auf den Asphalt der Düsseldorfer Innenstadt, um sich beim üblichen „Humba humba täterä“, ein wenig mühselig schon, gleich wieder aufzurichten. Die munteren Planetenretter geben selbst dem am längsten amtierenden deutschen Gewerkschaftsvorsitzenden ein neues Protestgefühl. Er genießt es bei seiner allerletzten Demonstration als Verdi-Chef.

Stunden zuvor hat er in Essen an einer Aufsichtsratsratssitzung des Energiekonzerns RWE teilgenommen. Nun skandieren Jugendliche um ihn herum: „. . . fünf sechs sieben acht, RWE wird plattgemacht.“ Dies stört ihn offenkundig nicht. Im Kampf gegen den Klimawandel will Bsirske unbedingt Flagge zeigen. Er ist begeistert von dem, was die jungen Menschen auf die Beine bringen. Es imponiert auch einem alten Haudegen. So freut er sich, dass er vor dem Düsseldorfer Landtag als Redner gefragt ist. „Aus der Schülerbewegung muss eine Gesellschaftsbewegung werden“, fordert er auf der Bühne.

Jeglichen Widerstand klein argumentiert

Dass er die Bewegung vorantreibt, stört manchen in der Gewerkschaft. „Bei uns haben nicht alle Hurra geschrien, als ich gesagt habe, dass Verdi zur Beteiligung an den Klimaprotesten aufruft“, bekennt er am Rande. Das habe nicht nur im Braunkohlerevier am Niederrhein Irritationen ausgelöst. Letztlich hätten seine Kritiker die Gründe aber nachvollziehen können. So etwas hat er unzählige Male erlebt: Dass er so lange argumentiert hat, bis die Widerworte immer kleiner wurden.

Den Einwand, dass er selbst – obwohl Mitglied der Grünen – vor Jahren noch nicht als großer Klimaaktivist aufgefallen ist, lässt er gelten. „Dass die Dramatik des Klimawandels unterschätzt worden ist, das ist für mich eine berechtigte Kritik“, sagt er. „Die richtet sich an unterschiedliche Akteure, auch an uns.“ Die Gewerkschaften dürften jetzt aber gar nicht erst versuchen, dieser Frage auszuweichen.

Lange wird Bsirske nicht mehr die Gewerkschaften und die Republik prägen: Nach achtzehneinhalb Jahren an der Spitze von Verdi plus vier Monaten als Chef der Vorgängergewerkschaft ÖTV fällt auf dem Verdi-Bundeskongress in Leipzig der Vorhang. An diesem Montag wird er noch seinen Geschäftsbericht für die vergangene Legislaturperiode ausbreiten. Auch diese Rede hat er bereits selbst geschrieben, wie fast alle anderen zuvor. Zwei Stunden hat er dafür eingeplant, reich gefüllt mit politischen Botschaften – sein Vermächtnis. Am Dienstag übergibt „Mr. Verdi“ das Ruder an seinen Nachfolger Frank Werneke, der bislang nur Gewerkschaftskennern ein Begriff ist. Es ist das Ende einer Ära – und eine Zäsur für die deutsche Gewerkschaftsbewegung.

Auf Augenhöhe mit der Verkäuferin

„Wenn ich sagen würde, der Abschied fällt mir leicht, dann würde ich lügen“, bekennt Bsirske. „Ich glaube, dass es in der Organisation viele gibt, die mich mögen.“ Das klingt nicht eingebildet, denn darin wird er oft bestätigt. Auf der Düsseldorfer Kundgebung wird er oft geherzt – etwa von einer früheren Verwaltungsmitarbeiterin, die er zuletzt vor 20 Jahren getroffen hat. Da war er noch Personaldezernent und ahnte nicht seinen raketenartigen Aufstieg. „Das war eine tolle Zeit“, erinnert sie sich. „Es ist mir ein Bedürfnis, Tschüss zu sagen“, spricht ihn eine andere Frau an. Eine dritte wünscht „Alles Gute für den Unruhestand“, eine vierte bittet um ein Selfie. Zum Ende seiner Amtszeit muss er viele Menschen umarmen.

Bsirske kann wie kein anderer Gewerkschaftsführer auf die Verkäuferin, die Krankenschwester oder den Bauhofmitarbeiter zugehen, um mit ihnen auf Augenhöhe zu reden. „Das hat mir stets imponiert, wie er den Zugang zu den Leuten findet“, sagt ein hochrangiger Funktionär. Wenn Bsirske zu den Seinen kommt, dann ist er da. Dann nimmt er sich die Zeit und diskutiert zuweilen so lange, bis er das Zeitkorsett gesprengt und die Nerven seines Umfeldes strapaziert hat. Mitunter ist er so spontan, dass er auf dem Weg von der Toilette zum Ausgang in eine Ausbildungswerkstatt reinschaut, sich dort festredet und vorne alle fragen: „Wo ist Bsirske?“ So war es einmal in Reutlingen – typisch für ihn.

Als Gewerkschaftsdinosaurier sieht er sich aber nicht. „Neugierig zu sein, den Dialog zu suchen und zuzuhören – das ist genauso modern wie die Bereitschaft, Dinge beim Namen zu nennen und Vertrauen zu investieren.“ Den Schwund auf heute weniger als zwei Millionen Mitglieder konnte er nicht bremsen, doch die streitbare Mammutorganisation geschlossen zu halten ist vor allem Bsirskes Verdienst. Außerhalb von Verdi hat er ein völlig konträres Bild von sich erzeugt – da kennt ihn die Republik als Faust reckenden und (der Finanzindustrie) Stinkefinger zeigenden Streikführer, der die Wirtschaftsbosse nimmermüde bis aufs Blut gereizt hat und auch vielen Medien ein griffiges Feindbild bot. „Dass ich bereit war zuzuspitzen, mag traditionell gewirkt haben“, sagt er. Aber das gehöre dazu in der Gesellschafts- und Tarifpolitik. „Ich war ja zugleich in der Lage, belastbare Kompromisse auszuhandeln – auf mein Wort konnte man sich verlassen.“ Womit vor allem die unzähligen Tarifabschlüsse im öffentlichen Dienst gemeint sind.

Prozess der „Entdämonisierung“ durchgemacht

Dann habe er einen Prozess der „Entdämonisierung“ durchgemacht, wie er es nennt. Heute akzeptieren ihn selbst frühere Gegner. Bsirske hat sich auch mit Gerhard Schröder versöhnt, gegen dessen Agenda 2010 er zu Felde gezogen ist und deren Folgen er bis zur letzten Minute an diesem Montag bekämpft. „Ich würde nicht von Feindschaft reden – der Begriff trifft es nicht“, sagt er über sein Verhältnis zum Ex-Kanzler. Schröder sei 2003 davon überzeugt gewesen, dass die Gewerkschaften zwar maulen, ihnen aber nichts anderes übrig bleiben werde, als für die SPD zu werben. „Er hat nicht damit gerechnet, dass die Agenda das Bild der SPD nachhaltig beschädigen würde.“ Bsirske sieht die alten Konflikte mit Schröder gelassen. Sie hätten zusammengearbeitet, wo es notwendig war. Paradoxerweise habe die Agenda geholfen, Verdi nach der Fusion 2001 zusammenzuführen.

Den totalen Rückzug will er vermeiden

Kanzlerin Angela Merkel schätzt er ungeachtet inhaltlicher Differenzen deutlich mehr. Eine „bemerkenswerte Persönlichkeit“ sei sie. „Wo Schröder autoritär wurde, fängt Merkel an zu argumentieren.“ Nähe zur Macht ist ihm wichtig. Ein persönlicher Zugang sei nicht zu unterschätzen, sagt Bsirske. „Wir haben Einfluss und Gewicht.“ Ohne Verdi wäre es zum Beispiel nicht gelungen, einen gesetzlichen Mindestlohn durchzusetzen. Mit Merkel verbindet ihn so viel gegenseitige Wertschätzung, dass sie für ihn am 16. Oktober im Tipi am Kanzleramt einen Abschiedsempfang plant. Freilich musste sie ihre eigene Zusage stornieren, weil das Bundeskabinett gleichzeitig beim deutsch-französischen Ministerrat in Paris weilt. Nun dürfte Kanzleramtsminister Helge Braun quasi Merkels Lobrede halten.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat dies schon zum Kongressauftakt am Sonntagabend ausgiebig getan: „,Wie gut, dass es Frank Bsirske gibt’ – diesen Satz werden ganz viele Menschen in diesem Land unterschreiben“, betont er. „Sie haben sich um Deutschland verdient gemacht.“ Beide kennen sich noch aus gemeinsamen Zeiten in Hannover. In der niedersächsischen Landeshauptstadt hat Bsirske im Vorjahr ein Haus gekauft, dort hat er seinen Freundeskreis, dorthin wird er in naher Zukunft wieder ziehen. Künftig kann er sich noch öfter in seiner eindrucksvollen Bibliothek verlieren. Zehn Krimis reichten ihm in einem Urlaub nicht aus, weiß Steinmeier zu berichten.

Unter Hochdruck muss Bsirske künftig nicht mehr arbeiten. „Der schafft rund um die Uhr“, sagt ein Weggefährte anerkennend. Den Satz der Sekretärin „Das gebe ich ihm in die Wochenendpost“ habe er oft gehört. Folglich ruft der Vorsitzende sein Führungspersonal gerne auch mal sonntags an. Rastlos bis zum letzten Tag versucht er seine Mission zu erfüllen. Den totalen Rückzug will er aber vermeiden: Seine Aufsichtsratsmandate bei RWE und Deutscher Bank führt er vorerst weiter. Zudem plant die Bundesregierung einen Sachverständigenrat zur Arbeit – als Pendant zu den Fünf Weisen. Der Verdi-Chef wurde gefragt, ob er im Beirat mittun will. Seinem Nachfolger will er keinesfalls ins Handwerk pfuschen, doch den Namen Bsirske wird man hier und da noch hören.

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