Vermisste Emanuela Orlandi Graböffnung in Rom endet mit Überraschung

Von Almut Siefert 

Vor 36 Jahren ist Emanuela Orlandi spurlos verschwunden. Anonyme Hinweise führten auf den Deutschen Friedhof im Vatikan. Der Kirchenstaat ließ am Donnerstag zwei Gräber öffnen – mit einem überraschenden Ergebnis.

Pietro Orlandi und Anwältin Laura Sgrò verlassen am Donnerstag nach der Graböffnung auf dem deutschen Friedhof den Vatikan.Foto: dpa

Rom/Vatikanstadt - Gebannt schaute ganz Italien auf den kleinen deutschen Friedhof, der im Inneren des Vatikan liegt. Am Donnerstagmorgen um 8.15 Uhr begann dort die Öffnung zweier Gräber. Die Familie der vor 36 Jahren verschwundenen Emanuela Orlandi hatte anonyme Hinweise erhalten, dass darin Spuren der damals 15-Jährigen zu finden seien. Sollte nun, nach mehr als drei Jahrzehnten und unzähligen Theorien über den Verbleib des Mädchens, endlich etwas Licht ins Dunkel dieser mysteriösen Kriminalgeschichte kommen?

Die Umstehenden staunten nicht schlecht, als sie sahen, was sich in den Gräbern befindet: Sie sind leer. Weder Spuren von Emanuela, noch die Überreste der eigentlich dort begrabenen Prinzessinnen waren zu finden. „Es wurden keinerlei menschliche Überreste und keine Urnen gefunden“, verkündete Vatikansprecher Alessandro Gisotti wenig später offiziell. Die beiden Gräber auf dem Campo Santo Teutonico, der hinter den Vatikanmauern liegt, gehören zu Sophie von Hohenlohe (gestorben 1836) und Herzogin Charlotte Friederike zu Mecklenburg (gestorben 1840). Die Hinterbliebenen der beiden Frauen seien über diese Entdeckung informiert worden, sagte Gisotti.

Vatikan zeigt sich kooperativ

Emanuela Orlandi, die Tochter eines Kammerdieners von Papst Johannes Paul II., die mit ihrer Familie im Vatikan lebte, verschwand im Juni 1983. Die 15-Jährige ist von ihrem Musikunterricht in der Nähe der Piazza Navona im Herzen Roms nicht mehr nach Hause gekommen. Seitdem fehlt von ihr jede Spur.

Ein weißer Engel mit gesenktem Kopf hüte ein Geheimnis, hieß es in einem anonymen Schreiben, das im vergangenen Sommer bei der Anwältin der Familie Orlandi eingegangen ist. „Sucht dort, wohin der Engel zeigt“, heißt es darin. Der Vatikan stimmte zu, das besagte Grab und auch das danebenliegende öffnen zu lassen. Für Emanuelas Bruder, Pietro Orlandi, der die Suche nach der Wahrheit auch nach Jahrzehnten noch nicht aufgegeben hat, war allein das bereits ein wichtiger Schritt. „36 Jahre lang gab es im Vatikan keinerlei Kooperation“, sagte Orlandi.

Mit der Einwilligung zur Graböffnung habe der Kirchenstaat erstmals eingeräumt, dass es eine „interne Verantwortung“ oder Mitwisser im Kirchenstaat gegeben habe oder gebe. Nach der Entdeckung am Donnerstag sagte er aber, er sei erleichtert: „Ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte, wenn man die Überreste von Emanuela gefunden hätte.“

Mehr Fragezeichen als zuvor

Mit der Graböffnung vom Donnerstag sind nun aber mehr Fragen offen als vorher. „Warum wurden wir zu diesen Gräbern geführt und warum sind diese nun leer?“, fragte Laura Sgrò, die Anwältin der Familie Orlandi, die beim Vatikan die Öffnung der Gräber beantragt hatte und der Öffnung beiwohnte. Auch im Vatikan scheint man über das Ergebnis mehr als überrascht zu sein. Man werde der Sache nachgehen und Dokumente zu den zwei strukturellen Eingriffen im Bereich des Friedhofes Ende des 19. Jahrhunderts und zwischen den Sechziger- und Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts überprüfen, hieß es in einer Mitteilung.

Emiliano Fittipaldi, Journalist und Buchautor, hatte die Theorie über die Gräber auf dem deutschen Friedhof bereits in einem Buch Ende 2017 am Rande erwähnt. Quellen aus dem Vatikan hätten ihm gesagt, dass immer wieder an dem Grab gebetet werde und Blumen abgelegt würden. „Wenn die Überreste von Emanuela da wirklich gelegen haben sollten, dann hat man sie doch bestimmt schon längst beseitigt“, sagte der Vatikan-Insider bereits im Frühjahr in Rom, als die Anfrage der Orlandis am Vatikan bekannt wurde.

Hat er damit etwas ins Schwarze getroffen? Wenn nicht, wohin und warum sind die sterblichen Überreste von Sophie von Hohenlohe und Charlotte Friederike zu Mecklenburg verschwunden? Und auch nach 36 Jahren steht die Frage weiter im Raum: Was passierte mit Emanuela Orlandi?

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