Maifeld Derby macht Pause Warum Timo Kumpf 2020 kein Festival veranstaltet

Von Anja Wasserbäch 

Liebhaber-Festivals wie das Maifeld Derby können nur stattfinden, wenn es Menschen wie Timo Kumpf gibt. Jetzt legt der Festivalmacher eine Pause ein.

Timo Kumpf (38) ist der Kopf hinter dem Maifeld Derby-Festival in Mannheim. Ein Festival, das in der Szene einen sehr guten Ruf hat. Foto: Thorsten Dirr

Mannheim - Vor der Alten Feuerwache in Mannheim steht die Sängerin Mine und belädt mit ein paar Jungs ein Auto. Timo Kumpf grüßt, fragt, wohin es geht, wünscht viel Erfolg für die anstehenden Konzerte. Man kennt sich. Klar. Timo Kumpf (38) ist in der Stadt und darüber hinaus bekannt. Nicht nur, weil er Bassist in der Band Get Well Soon, sondern auch weil er die treibende Kraft hinter dem Liebhaberfestival Maifeld Derby ist. Diesen Juni wird es zum vorerst letzten Mal stattfinden. Kumpf spricht von einer Pause. Ganz sicher ist er sich aber nicht, ob es nur eine Unterbrechung sein wird.

Qualität ist Kumpf wichtig. Er bucht für das Festival nur das, was er selbst gerne hört

Timo Kumpf war vor allem mal Fan. Musikfan. Fans sind besondere Menschen, sie brennen für eine Sache, für einen Verein, für einen Popstar. Oder für ein ganzes Musikgenre. Manche so sehr, dass sie ihren Stars hinterher reisen, manche so, dass sie ihren Lieblingsmusikern Konzerte organisieren. Timo Kumpf managt gleich ein ganzes Festival. Seit nunmehr acht Jahren findet das Maifeld Derby an der Pferderennbahn auf dem Maimarktgelände in Mannheim statt. Es sind noch ein paar Wochen bis dahin, davor geht an selber Stelle das Zeltfestival über die Bühne. Ebenfalls von Timo Kumpf veranstaltet. Nena, Andreas Bourani, Midnight Oil oder Cypress Hill sind die Künstler. Und damit der kommerzielle Gegenentwurf zum Line Up des Maifeld Derbys, bei dem The Streets, Hot Chip, Gurr, die Sleaford Mods und Teenage Fanclub spielen werden. Qualität ist Kumpf wichtig. Er bucht für das Festival nur das, was er selbst gerne hört. Genregrenzen kennt er nicht: „Da ist von Metal bis zu Deutschrap alles dabei.“ Wenn die Gäste nach dem Festival nach Hause gehen, so viel Neues gesehen haben, dass sie erst mal eine Woche keine Musik hören wollen, dann habe er alles erreicht. Manchmal musste er sich anhören, dass das Maifeld Derby ein „erfolgloses Rock am Ring“ sei, weil eben sehr viel weniger Leute nach Mannheim kommen als an den Nürburgring. „Wer so etwas sagt, hat den kuratierten Anspruch nicht verstanden“, so Kumpf.

Jetzt legt er eine Pause ein. „Es war ein Teufelskreis. Eine Pause war für mich nie drin – und ich habe sie mir nie eingeräumt. Kaum war das Festival vorbei, ging es mit den Planungen fürs kommende Jahr weiter“, so Kumpf. „Es war an der Zeit, die Bremse zu ziehen und das Ganze zu strukturieren. Man muss auch mal loslassen – und das habe ich versäumt.“

Es gibt Schweinebraten und Gemüsefrikadellen für die Künstler

Timo Kumpf, geboren im Odenwald, war 16 Jahre alt, als er davon träumte, ein eigenes Festival auf die Beine zu stellen. Musikalisch sozialisiert wurde er mit Metal. Eine Band, die ihn am meisten geprägt hat: Helmet. Er ist ein Kind der Neunziger. Sein Geschmack hat sich in die Breite erweitert. Er hat zwei Jahre BWL studiert, kam an die Popakademie, um Musikbusiness zu studieren, wurde Bassist bei Get Well Soon, spielte auf Festivals in ganz Europa – und merkte so, auf was es auch hinter der Bühne ankommt. Erfahrungen, die er bei Maifeld Derby umgesetzt hat. Schöne Anekdote am Rande: Der Rentnerfreund seines Vaters kocht das Essen, gut-bürgerlich natürlich, aber auch vegetarisch und vegan. Da gibt es also Schweinebraten und Gemüsefrikadellen für die Künstler. „Und mittags wird gegrillt“, so Kumpf, Sohn aus einer Metzgerfamilie.

2011 spielten Katzenjammer, Slut und natürlich Get Well Soon. Der Durchbruch war zwei Jahre später, als Daughter, Notwist und Coco Rosie gespielt haben. „Das war das erste runde Line Up“, so Kumpf. Das Festival war angekommen. The National und St. Vincent spielten im Jahr darauf. Große Namen. Das Maifeld Derby hat einen Stellenwert in der Szene. Das weiß auch Udo Dahmen, der künstlerische Direktor der Popakademie: „Das Maifeld Derby hat sich in der gesamten Festivallandschaft mit seinem außergewöhnlichen Programm etabliert. Und die populäre Szene in der Stadt ist ohne das Festival nicht denkbar.“

Das Maifeld Derby hat ein Gesamtbudget von 650 000 Euro

Das Maifeld Derby hat einen guten Ruf. Kumpf wurde in den vergangenen Jahren nach Kanada, Island und in die USA eingeladen wurde, um sich neue, vielversprechende Bands anzuhören. Aber eben alles hängt an seiner Person: Ihm ist das Programm, das Gelände, die Bierauswahl wichtig. Er kümmert sich um die Bestellung der Klohäuschen wie um die Unterkunft der Hauptband. „Ja, da bin ich ein Kontrollfreak. Einfach auch, weil das mein Baby ist“, sagt Kumpf.

Kritik gab es zu Beginn, weil manche nicht verstanden haben, was das sollte. Das Maifeld Derby ist kein Punk-, kein Rock-, kein Indie-Festival. „Es ist doch langweilig, eine Metalband nach der anderen zu hören“, so Kumpf. Inhaltliche Wiederholungen versucht er zu vermeiden. Er schimpft auf das Radiogedudel, auf die wenige Vielfalt in Deutschland. Und über die Kulturförderung. „Es war rückblickend der falsche Weg, das Maifeld Derby auf eigenes Risiko mit kommerziellen Veranstaltungen quer zu finanzieren. Das Zeltfestival Rhein-Neckar ist ja nur dafür entstanden. Aber damit hab ich mir halt noch mal ganz schön was aufgehalst“, sagt Kumpf. Seiner Meinung nach gehört auch ein Festival wie das Maifeld Derby gefördert. Das Maifeld Derby hat ein Gesamtbudget von 650 000 Euro, für die neunte Auflage bekommt Kumpf 20 000 Euro vom Kulturamt.

Es wäre den Fans und der Stadt Mannheim zu wünschen, wenn es weitergehen würde

Um Geld mit seiner Konzertagentur zu verdienen, kann er nicht nur seine Lieblingsbands spielen lassen. „Es ist nun mal ein Unterschied, ob ich Kollegah oder Calexico veranstalte. Mein Fehler war es da gleichermaßen, mein Herzblut in Wallung zu bringen. Da hat mir der Abstand gefehlt.“, gibt Kumpf zu.

Er freut sich auf das Maifeld Derby, vor allem auf die Bands, die recht weit unten auf dem Plakat stehen. Auf Les Big Byrd, Ava Luna aus New York, Raketkanon aus Belgien und Andrea Poggio. Er brennt schon noch für die Musik. Es wäre den Fans und der Stadt Mannheim zu wünschen, wenn es weitergehen würde. Und ihm selbst irgendwie auch. Er verspricht: „Wenn es das 10-Jahr-Jubiläum geben wird, dann wird es das Festival des Jahrzehnts.“

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