Werkzeugmaschinenbauer im Südwesten Den Unternehmen brechen die Aufträge weg

Von Imelda Flaig und Ulrich Schreyer 

Der Trend zum Elektroauto und weltweite Unsicherheiten sorgen bei den Werkzeugmaschinenbauern für stürmische Zeiten. Die baden-württembergische Vorzeigebranche gerät immer stärker unter Druck.

Auch beim Maschinenbauer Heller in Nürtingen sinken die Bestellungen.Foto: Heller

Stuttgart - Mitten in ihren Vorbereitungen auf die weltweit wichtigste Werkzeugmaschinenmesse EMO brechen den Unternehmen die Aufträge weg. Auch Heller aus Nürtingen und MAG IAS aus Eislingen präsentieren sich Mitte September auf der Messe in Hannover. Auf die schwieriger gewordene Situation reagieren sie unterschiedlich. Das Familienunternehmen Heller will das Service- und Instandhaltungsgeschäft ausbauen, MAG IAS aus Eislingen will sich komplett neu aufstellen. Beide Unternehmen vertreten eine Branche die nicht nur im Südwesten viel Gewicht hat, sondern auch auf den Weltmärkten. Fast jeder zweite der rund 74 000 deutschen Beschäftigten in der Branchen arbeitet in Baden-Württemberg. Dort haben neben Heller und MAG IAS wichtige Hersteller wie Trumpf, Hermle oder Chiron, ihren Sitz. Rund zwei Drittel der produzierten Maschinen gehen ins Ausland.

Angesichts von Konjunktureinbruch, Handelsstreit und Technologiewandel stünden die Unternehmen vor Herkulesaufgaben. Für Gerald Mies, Geschäftsführer von MAG IAS steht schon jetzt fest: „Wir werden das Unternehmen in den nächsten 24 Monaten umbauen und auf neue Märkte ausrichten.“ Der MAG-Standort Eislingen etwa hängt zu 70 Prozent an Verbrennungsmotoren von Autos. Dort werden Werkzeugmaschinen gebaut, mit denen Komponenten wie Kurbelwellen oder Zylinderköpfe für Verbrennungsmotoren hergestellt werden können – doch bei einem Elektromotor ist keine Kurbelwelle mehr nötig. Als Wachstumsmärkte sieht Mies die Luftfahrt, aber auch Komponenten für Schienenfahrzeuge – neue Felder, die er beackern will. Allerdings gehe es hier um einen reinen Verdrängungswettbewerb – andere Anbieter sind schon präsent.

Der Wandel in der Automobilindustrie schlägt massiv auf den Maschinenbau durch. „Wir werden die Firmengröße in jedem Fall anpassen müssen“, sagt Mies. Bereits im vergangenen Jahr hat MAG IAS knapp 160 Arbeitsplätze abgebaut. Das Unternehmen gehört seit 2016 zur taiwanesischen Fair Friend Group (FFG), einem Konzern mit weltweit mehr als 80 Firmen. Eigentümer und Gründer Jimmy Chu pendelt regelmäßig zwischen Taiwan und Eislingen, seit Februar sitzt er zusätzlich zu Mies, Rigobert Schlink und Frau Libo Zhang auch in der Geschäftsführung von MAG IAS.

Maschinenbauer sucht neue Vertriebsformen

„Wir müssen umdenken“, erklärt Mies zum Wandel in der Autoindustrie. Die Maschinen müssten unabhängiger von einzelnen Werkstücken für die Fahrzeughersteller werden – damit auf derselben Anlage auch Komponenten für die Luftfahrt oder die Energiewirtschaft produziert werden könnten. Und möglicherweise werden ganz anderer Vertriebsformen nötig. „Vielleicht werden wir zum Systemlöser für unsere Kunden – nicht nur mit unseren eigenen Maschinen“. Denkbar sei auch, einzelne Maschinen zuzukaufen – und dann ein komplettes Automatisierungssystem anzubieten.

Heller in Nürtingen ist bereits breiter aufgestellt. Etwa 17 Prozent des Umsatzes entfallen auf das Geschäft rund um Verbrennungsmotoren für Personenwagen. Etwa zwei Drittel der bisherigen Wertschöpfung rund um den Antrieb fallen weg, weil ein Elektromotor weniger und weniger komplexe Bauteile hat. Wenn es gut laufe, hole man sich Ausgleich für ein Drittel des wegfallenden Geschäfts, schätzt Heller-Chef Klaus Winkler. Neue Wertschöpfung könne etwa im Bereich der Batteriezelle entstehen.

Sorgen wegen Trend zu Elektroautos

Heftig kritisiert Winkler das „Schwarz-Weiß-Denken“ der Politiker in Deutschland an, die auf den Elektroantrieb setzen und den Verbrenner totreden: „Wir Deutschen müssen aufpassen, dass wir nicht auf einer Insel diskutieren, die irgendwann einmal untergeht“.

„Die Diskussion bei uns ist unglaublich gefährlich“, findet auch MAG-Geschäftsführer Mies und warnt davor, dass die Autoindustrie die Investitionen in den Verbrenner stoppt. „Der technische Vorsprung unserer Autoindustrie basiert in großem Maße auf dem Verbrennungsmotor und wird durch einen Stopp einfach verschenkt“, sagt er. Durch eine abrupte Abkehr vom Verbrennungsmotor werde auch die Lieferantenkette gefährdet. „Wenn man dann in ein paar Jahren feststellt, dass es doch nicht ohne den Verbrenner geht, ist es fraglich ob die Zulieferer dann noch in der Lage sind, Aufträge für diesen zu bearbeiten“. Auch Winkler sieht das ähnlich, denn „unser Wohlstand gerade im mittleren Neckarraum hängt an der Autoindustrie“. Deshalb müsse man offen für die unterschiedlichsten Antriebskonzepte sein und dürfe nicht nur auf batteriegetriebene Elektro-Fahrzeuge setzen.

Smartphone statt Bedienfeld an der Maschine

Das Nürtinger Unternehmen, das in den letzten Jahren im Schnitt jeweils um 6,5 Prozent gewachsen ist, stellt sich auf Rückgänge bei Produktion und Umsatz ein. In diesem Jahr soll der Umsatz dank bereits vorhandener Aufträge noch auf rund 700 Millionen Euro steigen. Ganz anders aber sieht es bei neuen Bestellungen aus. Im ersten Halbjahr 2019 ist der Auftragseingang um rund 25 Prozent eingebrochen. Allerdings hatte Heller 2018 auch seinen bisherigen Spitzenwert von 700 Millionen Euro verzeichnet. An Personalabbau denkt Winkler nicht. Man werde auch 2020 die Beschäftigtenzahl stabil halten. „In Deutschland wird es aber kein Personalwachstum geben“, sagt er. Heller hat 70 Prozent der Arbeitsplätze im Inland, erwirtschaftet hier aber nur 30 Prozent des Umsatzes.

Um sich für die Zukunft zu rüsten, setzt das 125 Jahre alte Familienunternehmen verstärkt auf das Geschäft mit Instandhaltung und Wartung. Damit soll den Kunden geholfen werden, die Nutzungszeiten auch von längst ausgelieferter Maschinen zu verlängern. Möglicherweise könne man auch Kunden auch dabei unterstützen, Fabriken zu verlagern. „Es ist durchaus denkbar, dass wir bis zu einem gewissen Grad eine Art Umzugsunternehmen werden,“ meint Winkler. Auch setzt Heller bei seinen Werkzeugmaschinen auf mehr Automatisierung und Digitalisierung. Schon jetzt sei es möglich, alte Heller-Maschinen bis zum Herstellungsjahr 1998 zu digitalisieren. Das bedeutet: weniger Menschen, mehr Computereinsatz.

Veränderte Geschäftsmodelle wirken sich auch auf die Arbeitsplätze aus. „Wir brauchen Ingenieure mit einer stärkeren Affinität zu Softwareentwicklung, um durch Digitalisierung Wettbewerbsvorteile zu sichern“, sagt Winkler. Doch der Zugang zu solchen Fachkräften sei nicht einfach, weil es um Beschäftigte gehe, die in ihrer Ausbildung nie an Maschinenbau gedacht hätten. „Bei den Profilen, die wir brauchen, sind die Asiaten schneller unterwegs“, weiß MAG-Geschäftsführer Mies aus Erfahrung. Viele Schweißer in den dortigen Fabriken hätten schon ein Smartphone statt eines Bedienfeldes an der Maschine. Für ihn steht fest, dass der klassische Maschinenbauingenieur zunehmend durch den Softwarespezialisten ersetzt wird.

Jobs im Ausland statt im Inland

MAG beschäftigt allein in den Werken Eislingen, Göppingen und Rottenburg knapp 850 Mitarbeiter. Am Stammsitz Eislingen, der gut die Hälfe zum MAG-Umsatz von 650 Millionen Euro beisteuert, werden derzeit auch Maschinen für den chinesischen Markt gefertigt – das soll sich ändern, denn künftig werde MAG IAS auch in China produzieren. Auch Heller baut im Ausland weitere Jobs auf. Im Werk in England, wo 180 Mitarbeiter beschäftigt sind, sollen weitere eingestellt werden. In England verlassen bei Heller 2019 erstmals mehr Maschinen die Fabrik als in Nürtingen – allerdings ist der Umsatz in Nürtingen höher, weil dort vor allem Spezialmaschinen gefertigt werden.

Zu dem Sorgen wegen der Entwicklung in der Autoindustrie kommt für die Werkzeugmaschinenhersteller der zunehmende Protektionismus: „Es gibt viel Verunsicherung angesichts der weltpolitischen Handelsstreitigkeiten“, sagt Winkler mit Blick auf China, die USA und den Brexit. Nach Ansicht von Mies haben die weltpolitischen Unsicherheiten bereits jetzt schon zu einer deutlichen Zurückhaltung bei Investitionen geführt. Wie diese sich letztlich in Euro und Cent ausdrückt und welche Folgen dies für die Arbeitsplätze hat, können auch Winkler und Mies noch nicht sagen. Doch wie bei Heller wird auch bei MAG IAS der Umsatz 2019 Jahr sinken. Für MAG IAS rechnet er mit einem Rückgang um 25 Prozent, für den Stammsitz Eislingen mit einer Schrumpfung von 350 Millionen Euro auf nur noch 270 Millionen Euro.

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