Werner Wölfle geht in Ruhestand Erst große Bühne, dann Abgang durch die Hintertür

Von Mathias Bury und Josef Schunder 

Lange war Werner Wölfle das Gesicht der Stuttgarter Grünen, feierte politische Erfolge in Serie. Jetzt geht er in Rente. Es ist das harte Ende einer Karriere, überschattet von der Klinikaffäre.

Er hat viele politische Erfolge gefeiert. Jetzt geht Werner Wölfle in Rente. Die Klinikaffäre hat ihm zugesetzt.Foto: dpa

Stuttgart - Für viele ist die Geschichte längst geschrieben. Von hinten aufgerollt, ist der politische Werdegang von Werner Wölfle (Grüne) vom Klinikskandal geprägt. Wann hat es das vorher gegeben? Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen einen Stuttgarter Bürgermeister– wegen des Verdachts der Untreue gegenüber der Landeshauptstadt. Doch die Lesart vom Ende her verdeckt, welche Verdienste Wölfle lange Jahre vor allem für seine Partei erworben hat.

1987 zog er in den Kreisvorstand der Grünen ein. In einer Partei, die von Reibereien zwischen Fundamentalisten und Realisten geprägt war. Da musste man viel reden und taktieren, kommunikativ und geschickt sein, einen Plan haben. Wölfle hatte ihn offenbar. 1994 wurde er in den Gemeinderat gewählt, schon 1996 wurde er Fraktionschef. Pfiffig sei er gewesen, immer mit neuen Ideen um die Ecke kommend, lobte die Kreispartei jetzt zu seinem Abschied. Er sei eine starke Persönlichkeit mit Ecken und Kanten, dabei nicht immer der geborene Diplomat, sagt ein Stadtrat. Wölfle konnte auch schroff sein, mitunter rücksichtlos, heißt es. Aber er habe Mehrheiten im Gemeinderat bilden können.

Kontinuierlicher Aufstieg

Er ging auf die CDU zu und brachte im Tauschhandel grüne Themen voran. So habe Wölfle die Grünen im Rat als Machtfaktor installiert – und sein eigenes Fortkommen nie aus den Augen verloren, sagt ein früherer Stadtrat. Das Anbandeln zwischen Grünen und Schwarzen in Stuttgart hat Wölfle befördert. „Ich habe die Zusammenarbeit mit ihm geschätzt“, sagt Susanne Eisenmann, die heutige Kultusministerin und vormalige Kulturbürgermeisterin über ihre Zeit als CDU-Fraktionsvorsitzende im Rathaus. „Ich schätzte seinen Pragmatismus. Er war nie ideologisch.“ Dabei hatte Wölfle in jungen Jahren sogar kurz mit einer trotzkistischen Gruppe geflirtet. Durchgesetzt habe sich aber, sagt ein früherer Weggefährte, Wölfles starker Aufstiegswille. Der studierte Sozialpädagoge und Jugendarbeiter kam aus eher bescheidenen Verhältnissen.

Der Aufstieg der Grünen und Wölfles Aufstieg gingen lange einher. 2011 wurde das fast schon spektakulär. Die Grünen, getragen vom Protest gegen Stuttgart 21, stiegen zur Regierungspartei auf. Wölfle, seit 2006 mit Zweitmandat im Landtag, holte für die Grünen nun ein Direktmandat: den Stuttgarter Filderwahlkreis, eine CDU-Bastion.

Knick in der Karriere

Aber schon früher, nach dem großen Erfolg der Grünen bei der Kommunalwahl 2009 und den wachsenden Protesten gegen Stuttgart 21 mit Wölfle in führender Position, war der Schmusekurs mit dem bürgerlichen Lager vorbei. Als der Sozialbürgermeisterposten im folgenden Jahr neu zu besetzen war, den Gabriele Müller-Trimbusch von der FDP räumte, waren Wölfle und seine Fraktion angesichts der neuen Mehrheitsverhältnisse trotzdem noch guter Dinge. Man war überzeugt, nach herrschendem Proporz stehe der Ökopartei eine zweite Bürgermeisterstelle zu. CDU, FDP und Freie Wähler sahen das anders. Wölfles Konkurrentin, die FDP-Kandidatin Isabel Fezer, machte das Rennen, knapp, schon im ersten Wahlgang. Bis heute wird spekuliert, wer im ökosozialen Lager, das eigentlich eine minimale Mehrheit hatte, dafür verantwortlich ist.

Für den Betroffenen selbst war es nicht nur eine bittere Niederlage, es war eine Weichenstellung mit weitreichenden Folgen. Zunächst ritt Wölfle weiter auf einer Welle öffentlicher Anerkennung, dafür sorgte sein Einsatz gegen Stuttgart 21. Bei der vom inzwischen verstorbenen CDU-Politiker Heiner Geißler geleiteten und von einem großen Medienaufgebot begleiteten Schlichtung saß Wölfle auf der Seite der Projektgegner im Rampenlicht, neben dem S-21-Urgestein Gangolf Stocker. Dabei erinnern sich Weggefährten noch gut daran, dass zwar die Mehrheit der grünen Ratsfraktion stets gegen Stuttgart 21 war, aber nicht so Werner Wölfle. Der habe lange geschwankt. Als die Proteste jedoch aufflammten, legte sich auch der Grünen-Fraktionschef ins Zeug gegen das Milliardenprojekt und setzte sich mit an die Spitze der Bewegung. Der frühere Finanzbürgermeister Michael Föll (CDU), der Wölfle lange kennt und sich durch diese Zeit auch mit ihm verbunden fühlt, sagt durchaus anerkennend: „Seine politische Meisterleistung war, den Protest gegen Stuttgart 21 inhaltlich zu besetzen und für die Grünen nutzbar zu machen.“

Auf dem falschen Gleis

2011 machte Wölfle vielleicht seinen verhängnisvollsten Fehler. Wenige Monate nach dem Gewinn des Direktmandats gab er dieses ab und ließ sich zum Bürgermeister für Verwaltung und Krankenhäuser wählen, als Klaus-Peter Murawski (Grüne) ins Staatsministerium von Ministerpräsident Kretschmann wechselte. Eine Vorbildung brachte er nicht mit. Im Verwaltungsalltag wirkte er bisweilen dünnhäutig, gleich zu Beginn unterliefen ihm peinliche Patzer: Durch unbedachte Äußerungen verärgerte er seinen Vorgänger, er versendete versehentlich eine SMS, in der er Parteikollegen beim Land herabsetzte, an eine falsche Nummer und machte sich angreifbar, weil er seine Frau auf dem Posten seiner Büroleiterin beließ.

Wie falsch er auf der Stelle war, zeigte sich, als er 2016, im Zuge eines Revirements auf der Referentenbank, doch noch Sozialbürgermeister wurde. Wie ausgewechselt war Wölfle, selbstsicher stieß er Themen an. Doch bald darauf wurde er von der Klinikumsaffäre erfasst. Lange war der vormalige Krankenhausbürgermeister weitgehend unbehelligt geblieben von den Vorgängen, obwohl die Staatsanwaltschaft gegen 21 Personen bundesweit ermittelte. Nun wurde im Rat die Forderung nach seinem Rücktritt lauter. Die Frage war: Was wusste Wölfle über ein Beratergeschäft mit Kuwait, dessen Vertragsvolumen von 46 Millionen Euro fragwürdige Vermittlungsprovisionen von 20 Millionen Euro enthielt? Als Anfang des Jahres ein SMS-Verkehr bekannt wurde, der nahelegt, dass Wölfle zumindest mehr wusste, als er bis dahin angegeben hatte, wurde es eng für ihn. Seine Erklärung, er könne sich an die SMS nicht erinnern, machte die Sache nicht besser. Als die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen ihn aufnahm, war das Ende seiner politischer Karriere besiegelt. Er wurde krankgeschrieben, hat seine Arbeit nicht wieder aufgenommen.

Anfang August hat ihm der Oberbürgermeister die Urkunde zu Verabschiedung in den Ruhestand überreicht – sang und klanglos. Ein Abtritt durch den Hinterausgang. Am heutigen Mittwoch hat Werner Wölfle offiziell seinen letzten Arbeitstag.

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