Zehn Jahre Kunstbüro in Stuttgart Kunst braucht Wissen

Von Nikolai B. Forstbauer 

Wie wird man eigentlich Künstler? Wie findet man eine Galerie? Im Kunstbüro der Kunststiftung Baden-Württemberg gibt es kaum eine Frage, die nicht gestellt wird. Seit nun zehn Jahren – und der Bedarf steigt.

Regina Fasshauer lenkt das Kunstbüro der Kunststiftung Baden-Württemberg mitFoto: neckarperlen

Stuttgart - Wirklich aufregend hört sich das nicht an: „Das Kunstbüro der Kunststiftung Baden-Württemberg bietet seit 2009 ein breit gefächertes Beratungs- und Weiterbildungsprogramm für Bildende Künstlerinnen und Künstler an.“ Jedoch – „an der Ausgangslage hat sich nichts geändert“, sagt Regina Fasshauer, die gemeinsam mit Antonia Marten und Mareen Wrobel das Kunstbüro leitet.

Zu wenig Flankenschutz in den Kunstakademien

Es geht um Grundsätzliches: Wie, wann und auf welchem Weg bewirbt man sich um Stipendien? Wie findet man und organisiert man sich Ausstellungsmöglichkeiten? Welche Fragen aus Steuerrecht und Sozialversicherungspflicht kommen auf mich zu? Wie diskutieren Künstlerinnen und Künstler mögliche Formen der Zusammenarbeit – und: Wie organisiert man diese? „All das“, sagt Regina Fasshauer, „kommt in den Kunstakademien noch immer zu kurz“.

Der Beratungsbedarf steigt

Braucht es aber wirklich eine Beratungseinrichtung, um zu wissen, wie man sich ­bewirbt? Braucht es den Hinweis, dass man möglichst viel in Privatgalerien unterwegs sein sollte, möglichst viel fragen sollte? „Unsere Zahlen zeigen einfach, dass es einen enormen Bedarf gibt“, sagt Regina Fasshauer. Tatsächlich haben seit 2009 mehr als 6000 Künstlerinnen und Künstler die Beratung durch das Kunstbüro genutzt. Gefragt sind neben der Einzelberatung vor allem die Praxis-Workhops zu Bewerbungen und Präsentationen.

Treffen Beratungen vor allem den Zeitgeist?

„Eine Ausgangsbeobachtung“, sagt Regina Fasshauer, „war ja, dass Künstlerinnen und Künstler aus dem Südwesten bei den bedeutsamen Stipendien unterrepräsentiert waren“. Unstrittig auch, dass das „Von hier aus“ für viele junge Künstlerinnen und Künstler längst kein (Identitäts)Gewicht mehr ist. Brauchen aber Künstlerinnen und Künstler wie Anike Yoyce Sadiq, Mona Ardeleanu, Lisa Mühleisen oder Fabian Treiber wirklich eine Anleitung, um Basisfragen einer möglichen freien künstlerischen Existenz zu klären? Und treffen Beratungen in Richtung übergeifender, thematisch bezogener Zusammenarbeit nicht mehr den Fördernerv der Zeit als künstlerische Fragestellungen? Auch darüber dürfte ungeachtet aller Jubiläumslaune gesprochen werden, wenn an diesem Donnerstag, 10. Oktober, und Freitag, 11. Oktober, das zehnjährige Bestehen des Kunstbüros gefeiert wird.

„Avanti Dilettanti!“

„Avanti Dilettanti! – Professionalisierung in der zeitgenössischen Kunst“ ist das Tagesdoppel überschrieben. Und manche der Fragestellungen deuten an, dass die Gegenwartskunst insgesamt nach ihrer Rolle sucht. „Wie können sich“, heißt es da etwa, „Künstlerinnen und Künstler erfolgreich auf die komplexen Herausforderungen und Mechanismen der globalisierten Kunstwelt vorbereiten und gleichzeitig einen reflektierten Umgang mit deren Produktions-, Präsentations- und Arbeitsbedingungen erlangen?“

Komplizierter Weg zur Kunst

Nicht nur Glanz verspricht auch diese Fragestellung: „Welche Strategien sind zur Sichtbarmachung der eigenen künstlerischen Anliegen und zur Selbstpositionierung im immer weiter ausdifferenzierten Kunstfeld nötig? Und wie können sich Kunstproduzentinnen und Kunstproduzenten dieser bemächtigen?“ Schon der Weg zur Kunst scheint zu kompliziert, um ihn ohne Beratung gehen zu können.

Das Jubiläumsprogramm

Los geht es im Haus der Kunststiftung (Stuttgart, Gerokstraße 37) an diesem Donnerstag, 10. Oktober, um 19.30 Uhr. Der Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich spricht über das Thema „Was ist schon professionell? Über künstlerische Arbeitswelten und ihre Herausforderungen“.

Weiter geht es an diesem Freitag, 11. Oktober, um 14 Uhr. Die Kunstwissenschaftlerin Birgit Effinger spricht zum Thema „Als Künstler/in arbeiten. Wissen und Können – Empowerment-Strategien“. Um 14.45 Uhr folgt die Berliner Künstlerin Constanze Fischbeck mit der Skizze „We are studio“, um 15.45 Uhr fragt Emmanuel Mir (Landesbüro für Bildende Kunst Nordrhein-Westfalen): „Was braucht die Kunst?“.

Zum Finale gibt es ein Podiumsgespräch – „Professionalisierung im Feld der zeitgenössischen Kunst“. Mit dabei ist unter anderen Stuttgarts Kunstakademierektorin Barbara Bader. Die Moderation hat Martin Fritz, Rektor der Merz-Akademie Stuttgart.

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